Roman Bürki reist durch Welten

Dortmunds Goalie besucht als Botschafter von Terre des Hommes Projekte in Rumänien und spricht über seinen temporären Rückzug aus dem Nationalteam.

Gut gemacht, Kollege: Roman Bürki freut sich mit einem jungen Mitspieler über einen Torerfolg.

Gut gemacht, Kollege: Roman Bürki freut sich mit einem jungen Mitspieler über einen Torerfolg. Bild: Petrut Calinescu

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Im karg eingerichteten Schulzimmer herrscht leichte Aufregung. Der prominente Gast ist da, endlich, drei Stunden ist er angereist in einem Kleinbus aus Bukarest, um den Kindern einen Besuch abzustatten. Roman Bürki tritt wie ein Lehrer vor die Klasse, und Dutzende Augen starren ihn ehrfürchtig an. Es sind Roma-Kinder, sie stammen aus ärmsten Verhältnissen, aber in Piatra-Olt werden sie nicht ausgegrenzt.

Der Ort mit seinen 6000 Einwohnern liegt rund 200 Kilometer westlich der rumänischen Hauptstadt, die Förderung der Schule ist eines der Projekte von Terre des Hommes, und Roman Bürki schaut hier nicht zufällig vorbei. Er ist Botschafter des Kinderhilfswerks, und er gibt nicht einfach nur seinen Namen dafür her. Er will sich selber einen Eindruck verschaffen. Also hat der 28-jährige Fussballgoalie nach der Saison mit Borussia Dortmund seine Ferien in den USA um ein paar Tage verschoben, um nach Rumänien zu fliegen.

Bürki bewegt sich zwischen zwei Welten – dort die glitzernde, in der Milliarden umgesetzt werden und die längst ein bedeutender Zweig der Unterhaltungsbranche geworden ist; hier jene, in der nicht einmal Bildung eine Selbstverständlichkeit ist.

Die stolze Schulleiterin

«Was macht ihr in der Pause?», fragt Bürki, und die Runde antwortet ihm einstimmig wie auf Knopfdruck: «Wir spielen Fussball!» Er strahlt, die Frau neben ihm auch. Anca Cringus ist die Schulleiterin und begeistert, dass sich Bürki Zeit nimmt, dass auch Florin Stefan da ist, ein rumänischer U-21-Nationalspieler, aufgewachsen in der Gegend von Piatra-Olt und nun Profi in der höchsten Liga bei Sepsi. Sie sitzt nun im Lehrerzimmer neben Bürki und erklärt, dass der Sport ein bedeutender Bestandteil im Unterricht sei. «Und Sie», sagt sie, «Sie sind Vorbilder für unsere Kinder.»

Mit der Schulleiterin und Schülern: Der prominente Gast in einem Klassenzimmer von Piatra-Olt. (Bild: Petrut Calinescu)

Bürki bedankt sich für den netten Empfang, verewigt sich mit ein paar Worten im Gästebuch, und Anca Cringus setzt zum euphorischen Schlusswort an: «Falls ich morgen meinen Job nicht mehr hätte, wäre ich trotzdem ein glücklicher Mensch – weil ich das hier erleben durfte.» Stolz begleitet sie Bürki zusammen mit Vertretern der Gemeinde zum Sportplatz des FC Piatra-Olt, ein paar Hundert Meter von ihrer Primarschule entfernt. Unter Anweisung des Trainers wärmen sich Buben und Mädchen auf, um für das Spiel mit Bürki bereit zu sein. Auf dem Tribünchen sitzen Kinder und halten A4-Papiere mit Buchstaben in die Luft. Aneinandergereiht ergibt das: «WILLKOMMEN BURKI».

Und los gehts. Der Trainer, der jetzt auch die Spiele leitet, ist mit gleichem Eifer bei der Sache wie die Kinder – und wie der Besucher aus der Schweiz. Als ein Tor gelingt, klatscht Bürki mit seinen Mitspielern ab. Und in der Pause ist nicht Ruhe, da gibt er Interviews. Lokale Journalisten fragen ihn, wie der Bundesliga-Endspurt für ihn gewesen sei, das Meisterrennen der Dortmunder gegen die Bayern. Und ob es überhaupt möglich sei, Bayern jemals von der Spitze zu verdrängen. «Im Sommer nehmen wir einen neuen Anlauf», sagt Bürki, die Medienleute ziehen zufrieden ab.

Inspiriert von Subotic

Er kickt mit Kindern in Piatra-Olt, am anderen Tag mit jungen Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und dem Iran in einem Schulhof von Bukarest. Er stellt sich zwischendurch ins Tor und entzückt mit einer Parade, er schreibt später viele Autogramme, posiert für Fotos, beantwortet Fragen. Ihm sind Kinder ein Anliegen, darum engagiert sich Bürki für solche Projekte.

Inspiriert hat ihn bezüglich sozialen Denkens vor allem einer: Neven Subotic. Der 30-jährige Verteidiger war bei Dortmund zwei Jahre lang Bürkis Teamkollege. Der Serbe setzt sich mit seiner Stiftung für sauberes Trinkwasser und Sanitäranlagen in Äthiopien ein. «In jeder freien Minute kümmerte er sich um die Stiftung. Wenn wir unterwegs waren, im Bus oder Flugzeug, klappte er den Laptop auf und machte sich an die Arbeit», sagt Bürki, «mir imponiert es, wie er sich für andere engagiert.»

«Die vielen Begegnungen sind für mich eine persönliche Bereicherung.»Roman Bürki über seinen Besuch als Botschafter von Terre des Hommes in Rumänien

Dem Berner ist es wichtig, den Bezug zur Realität zu wahren. Er fährt zwar «ein cooles Auto», das schon, «aber manchmal bin ich auch mit dem Zug unterwegs. Auf jeden Fall brauche ich keinen Privatjet.» Und sein Freundeskreis hat sich auch nicht gross verändert, seit er zu einem bekannten Fussballer aufgestiegen ist. Bürki trifft die Kollegen, wenn er nach Münsingen zurückkehrt, dorthin, wo er aufgewachsen ist, wo seine Eltern und die Grossmutter noch leben, wo er als Jugendlicher bis 15 Hornusser war wie sein Vater und Grossvater, wo er sich heute noch gerne auf dem lokalen Fussballplatz Sandreutenen an einem Match blicken lässt und einfach «de Roman» sein darf. Anfangen kann er nur mit jenen ehemaligen Mitschülern nichts, die heute einen auf gut Freund machen, ihm früher aber missgönnten, wenn er vom Werkunterricht dispensiert war und stattdessen ins Training mit den YB-Junioren durfte.

Enttäuschung ist verflogen

Bürki gewinnt auf seiner Reise nach Rumänien auch Abstand zu ereignisreichen Monaten, die hinter ihm liegen. Da war zum einen die Bundesliga-Saison, in der Dortmund zeitweise neun Punkte Vorsprung auf Bayern hatte – und am Ende doch nicht Meister wurde. Gleich nach dem letzten Spieltag verspürte Bürki eine grosse Leere nach Wochen, die gerade ihm als Goalie mental ziemlich zugesetzt hatten, weil er immer dachte: «Ich kann mir keinen Fehler leisten.» Aber diese tiefe Enttäuschung ist mittlerweile verflogen: «Wir haben einen grossen Beitrag zu einer spannenden Meisterschaft geleistet und sehr vieles richtig gemacht.» Und: «Lucien Favre sagte selber, wir hätten alles Glück in der Vorrunde aufgebraucht. Die erste Saisonhälfte war tatsächlich unfassbar: Wie oft wechselte er so ein, dass wir am Ende noch gewannen? Wir scherzten gelegentlich: Eigentlich müsste unser Trainer Lotto spielen.»

Und da war zum anderen der temporäre Rückzug aus der Nationalmannschaft Anfang Jahr. Das hatte mit Signalen des Körpers zu tun, mit der hohen Belastung. Das hatte aber auch – und nicht zuletzt – mit der Situation auf dem Torhüterposten zu tun: An Yann Sommer kam er nicht vorbei. Und das führte auf Dauer zu Unzufriedenheit. Heute sagt er, frei von Emotionen: «Ich fordere nicht, dass ich anstelle von Yann die Nummer 1 werde, er macht seine Sache hervorragend. Aber ich hätte mir etwas mehr Vertrauen und Einsätze gegen namhaftere Gegner gewünscht.» Seine Bilanz mit der Schweiz seit November 2014: neun Spiele. Seine Zukunft im Nationalteam: offen. «Ich schliesse ein Comeback sicher nicht aus.»

Zu Gast bei den Panthers

Zuerst aber macht er Ferien. Er fliegt in die USA, sein Berater hat ihm in Charlotte, North Carolina, ein Treffen mit den Carolina Panthers arrangiert. Bürki ist Fan der American-Football-Mannschaft und am meisten beeindruckt von Cam Newton, dem unerschütterlichen Quarterback. Ausserdem trainiert er einmal mit einem Coach, der im Football die sogenannten Kicker ausbildet. «Vielleicht lerne ich dabei etwas», sagt er, «und sonst ist es einfach ein Vergnügen.»

Am 3. Juli wird Roman Bürki in Dortmund zum Trainingsauftakt zurückerwartet, dann ist wieder Alltag und Piatra-Olt weit weg. Aber die Erinnerungen an seine Visite in Rumänien hat er abgespeichert: «Sie helfen mit, geerdet zu bleiben. Die vielen Begegnungen sind für mich eine persönliche Bereicherung. Und bei nächster Gelegenheit möchte ich ein neues Projekt besichtigen.»

Erstellt: 28.05.2019, 21:04 Uhr

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Der Münsinger Roman Bürki (28) hat seit dem Wechsel 2015 von Freiburg zu Dortmund 125 Bundesliga-Partien für die Borussia absolviert. Die Saison 2018/19 war «die beste meiner Karriere». Vom Fachblatt «kicker» bekam er den zweitbesten Notenschnitt aller Bundesliga-Spieler hinter Leipzig-Torhüter Peter Gulacsi. Bürki, der in der Schweiz für YB, Thun, Schaffhausen und GC spielte, hat einen Vertrag bis 2021. Seit einem Jahr engagiert er sich für Terre des hommes. Das Kinderhilfswerk unterstützt in mehr als 40 Ländern jährlich über vier Millionen Kinder und deren Familien. (pmb.)

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