«Ronaldo ist Weltklasse mit Stern»

Real oder Juventus? Wer gewinnt die Champions League 2017? Ottmar Hitzfeld erklärt die Vorteile der Spanier und sagt, warum er den Italienern den Titel eher gönnt.

Macht den Unterschied: Cristiano Ronaldo.

Macht den Unterschied: Cristiano Ronaldo.

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Wer setzt sich im Final der Champions League durch?
Real ist leichter Favorit, obwohl Juventus sehr viel Selbstvertrauen hat. Vielleicht macht mit Cristiano Ronaldo einer der weltbesten Spieler den Unterschied.

Ist die Offensive wertvoller als die Defensive?
Juventus hat in der Defensive unheimlich viel Qualität und ist dort besser organisiert, italienische Schule halt. Trainer Massimiliano Allegri legt sehr viel Wert auf die taktische Ausrichtung. Aber Real ist extrem spielstark, auch dank ­Mittelfeldspielern, die entscheidende Pässe schlagen können. Kroos und ­Modric schätze ich derzeit etwas stärker ein als Khedira und Pjanic. Aber ich würde Juventus den Titel eher gönnen.

Warum?
Wegen Stephan Lichtsteiner, einem meiner einstigen Spieler. Und weil Juventus die letzten vier Finals allesamt ver­loren hat (1997, 1998, 2003 und 2015), was ­unglaublich bitter ist. In den Tagen vor einem Endspiel schwärmen alle davon, wie wunderbar es sei, das erreicht zu ­haben. Aber wenn es verloren geht, ist man der grosse Loser. Dann wird in der Öffentlichkeit nicht honoriert, dass man bereits mit dem Einzug in das Endspiel eine Riesenleistung erbracht hat. Eine fünfte Finalniederlage nähme für Juventus schon fast tragische Züge an, vor ­allem für Gianluigi Buffon, der die Champions League noch nie gewonnen hat.

Ist Juventus - Real ein logischer Final?
Nein. Für mich war Bayern München besser als Real Madrid.

... da spricht nun der Bayern-Fan …
... ich versuche, objektiv zu sein (lacht). Die zweite Gelbe Karte für Vidal im Rückspiel war unberechtigt ...

... die war berechtigt …
... früher im Spiel ja, aber nicht zu ­diesem Zeitpunkt. Dann das Offsidetor von Cristiano Ronaldo. Wie willst du das wegstecken in einem Viertelfinal, in dem Kleinigkeiten ausschlaggebend sind? ­Generell war Bayern die reifere Mannschaft und hätte es verdient, weiter­zukommen. Der logische Final wäre für mich darum Bayern - Juventus gewesen.

Dass es Juventus verdient hat, steht für Sie ausser Frage?
Die Mannschaft hat sich alles hart erarbeitet, war sehr souverän und stabil. Und: Sie hat nicht nur verteidigt, sondern auch sehr schnell umgeschaltet. Um Konter auszuführen, ist sie in der Offensive perfekt besetzt. Da steckt System dahinter, das ist kein Zufall. Bei Real kann Ronaldo mit einer Aktion den Unterschied ausmachen. Real mit Ronaldo und Real ohne Ronaldo ist einfach nicht das Gleiche. So einen Mann haben die Turiner nicht, bei ihnen muss die Mannschaftsleistung stimmen.

Infografik: Juventus Turin gegen Real Madrid, der Final in Zahlen

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Was zeichnet Ronaldo aus?
Er hat zum einen eine unglaubliche ­physische Schnelligkeit. Das zeigt sich bei seinem Antritt. Es sieht zwar spielerisch aus, aber er tut das mit einer ­gewaltigen Power. Zum anderen beeindruckt er auch mit seiner Handlungsschnelligkeit: Er ist meistens einen Tick schneller als die Gegner, die ja oft auch Weltklasseniveau haben. Dazu verfügt er über einen unglaublichen Torinstinkt. Er weiss genau, in welchem Moment er noch einen Schritt machen und er beispielsweise zum Kopfball hochsteigen muss. Und er schafft es immer, einen Kopf höher zu springen als andere.

Ist er perfekt?
Die Sprungkraft, die er besitzt, die ­Dynamik und dann auch die Nerven, die Kälte vor dem gegnerischen Tor, das Selbstbewusstsein, die Überzeugung – das ist einfach Klasse. Ja, er ist perfekt.

Ronaldo hat in 856 Wettbewerbsspielen für Club und Nationalmannschaft 598 Tore erzielt, davon allein 404 für Real.
Das sagt doch alles. Natürlich hat er ein angeborenes Talent, aber er hat auch einen unglaublichen Willen und eine mentale Stärke. Es gibt viele Spieler mit Talent, aber die haben nie eine solche Konstanz hinbekommen. Ronaldo macht heute noch Zusatztrainings, geht in den Kraftraum, arbeitet mit dem Physio­therapeuten und Athletiktrainer, um sich zu verbessern. Neben den Mannschafts- hat er auch Einzeltrainings. Er ist ja schon Weltklasse, da könnte man meinen, er sei zufrieden, aber wahrscheinlich ist er das nie mit seinen Leistungen. Wenn er zwei Treffer geschossen hat, denkt er: Schade, habe ich nicht drei erzielt.

Selbst auf den Färöern zeigte Ronaldo seine Lust aufs Toreschiessen noch, als die Portugiesen ungefährdet 3:0 führten. Er erzielte das 4:0.
Das ist sein immenser Ehrgeiz. Seinen Antrieb findet er darin, der Beste der Welt zu sein und das Duell mit Lionel Messi zu gewinnen.

Was kann Zinédine Zidane als Trainer einem Cristiano Ronaldo eigentlich noch erklären?
Vor allem taktische Dinge. Unter Zidane zieht Ronaldo mehr in die Mitte und ist nicht mehr nur auf der Seite, dafür ist er von der Defensive weitgehend befreit. Okay, leichtes Pressing muss er betreiben, im Ansatz den Gegner attackieren und dann stehen bleiben (schmunzelt). Einem Ausnahmespieler muss das erlaubt sein. Die Taktik ist auf den Gegner ausgerichtet – und eben auch auf Cristiano Ronaldo. Die Frage ist für Zidane: Wie treten wir auf, damit er am besten zur Geltung kommt? Zidane hat einen guten Draht zu den Spielern, er unterhält sich viel mit ihnen.

Macht ein Trainer Unterschiede im Umgang mit gewöhnlichen Stars und Ronaldo, der über ihnen steht?
Ich glaube nicht, dass Ronaldo eine Sonderbehandlung erhält und sich erlauben kann, zu spät zum Mannschaftsessen zu erscheinen. Der Trainer gibt Regeln vor, die auch Ronaldo einhalten muss.

Aber motivieren muss man ihn nicht für ein Spiel?
Nein. Man muss ihn eher bremsen. Das sieht man vor allem, wenn er einmal ausgewechselt wird. Aber genau darum hat es Ronaldo auch so weit gebracht: Er ist in jedem Bereich eine Ausnahmeerscheinung. Wie Messi. Ich frage mich: Wer ist der Drittbeste? Neymar, okay, er ist schon sehr gut. Aber Ronaldo und Messi sind eine Stufe höher anzusiedeln als alle anderen.

Gibt es dafür eine angemessene Bezeichnung?
Weltklasse mit Stern. Weltklasse sind viele Spieler. Die zwei sind überragend, phänomenal. Es ist fast kitschig. In ­Spanien wird auch sehr athletischer, harter Fussball gespielt, das heisst, ­Ronaldo und Messi werden oft getreten, und trotzdem sind sie praktisch immer dabei, sogar gegen den Tabellenletzten. Und sind kaum zu stoppen.

Zidane steht in seinem zweiten Jahr als Trainer zum zweiten Mal im Final der Champions League. Sie hatten seinen Einstieg bei Real kritisch kommentiert ...
(Unterbricht) ... ich war nur überrascht, dass ein Trainer ohne Erfahrung Real übernimmt. Er ist ja aufgrund seines Namens und seiner Leistungen als Spieler in dieses Amt gekommen, als Trainer hatte er keinen Leistungsausweis. Umso mehr verdient er meine Hochachtung: Er hat die Champions League 2016 gewonnen, ist jetzt Meister geworden, und er hat es geschafft, ohne Skandal eine nicht einfache Mannschaft zu führen. Er weiss, wie Stars ticken, und er bleibt ruhig. Diese Art gefällt mir, sie strahlt Stärke aus. Guardiola dagegen neigt vergleichsweise zu Aktionismus, die Spieler schauen doch nicht dauernd zu ihm an die Seitenlinie. Er arbeitet so auch die Nervosität ab.

Ist Zidane schon ein grosser Trainer?
Das ist man, wenn man die Champions League gewonnen hat. Im Clubfussball gibt es keinen prestigeträchtigeren Titel.

Offenbar überlegt er, aufzuhören.
Wenn er nun wieder die ­Königsklasse ­gewinnt … Wer weiss. Der Druck für einen Real-Trainer ist ja ­immens. Jeden Tag berichten vier, fünf Sportzeitungen, und er ist ja auch kritisiert worden, was nicht nachvollziehbar ist. Und dann hat es nicht nur Stars im Team, sondern ganz viele Leute im Umfeld, die mitreden, Legenden im Club, die Interviews geben … Real-Trainer zu sein, das ist ein Job, der dich auffrisst.

Was will er nach seiner Zeit bei Real machen? Es gibt keine Steigerung.
Das ist eine falsche Karriereplanung, er hat zu früh beim besten Club angeheuert (schmunzelt). Alles, was nach Real folgt, kann man als Abstieg bezeichnen.

Und Sie? Bereuen Sie es noch immer nicht, dass Sie einst eine Offerte von Real abgelehnt haben?
Nein, obwohl ich schon als Bub Fan war. Meine Absage hatte vor allem einen Grund: Ich spreche kein Spanisch. Wenn ich Trainer bei einem solchen Club werde, muss ich die Sprache reden, muss ich mit den Leuten kommunizieren können, mit denen ich dort zu tun habe, ich muss verstehen, was die ­Medien berichten. Man darf sich selber nicht überschätzen, deshalb fiel der ­Entscheid so aus. Er war goldrichtig.

Sie können den Fussball nun in aller Ruhe verfolgen. Wie sehen Sie die Hierarchie in Europa?
England hat die umkämpfteste Meisterschaft, da herrscht der stärkste Wett­bewerb. Die Bundesliga ist für mich ­natürlich die Beste. (lacht)

«Natürlich hat Ronaldo ein angeborenes Talent, aber er hat auch einen unglaublichen Willen und eine mentale Stärke.»Ottmar Hitzfeld

Ernsthaft?
Am besten ist die spanische Meisterschaft. Spanien ist für mich schon ­immer prägend gewesen. Der Kombi­nationsfussball ist dort mitentwickelt worden, und die Spanier hatten über Jahre die bessere Jugendausbildung als andere Länder. Die besten Spieler stehen unverändert in der Primera División unter Vertrag, Messi, Ronaldo. Real Madrid und der FC Barcelona sind seit je die führenden Clubs weltweit, sie überstrahlen den FC Bayern. An sie kommt auch Manchester United nicht heran, ganz zu schweigen von Manchester City. Auch Chelsea und Arsenal erreichen nicht dieselbe Strahlkraft.

Was ist mit der Serie A?
Die Italiener sind, trotz Juventus, etwas von der Bildfläche verschwunden. Die Serie A hat ziemlichen Rückstand auf Spanien, England und Deutschland.

Wird sich am Kräfteverhältnis mittelfristig etwas ändern?
Ein gewisser Vorsprung bleibt vorderhand. Aber der FC Bayern hat aufgeholt. Die englischen Clubs verfügen mit Abstand über das meiste Geld. Müsste da nicht einiges mehr an sportlichem Ertrag herausschauen? Der Fluch des Geldes besteht darin, dass die eigenen Talente vernachlässigt ­werden, sie kriegen keine Chance. Das ist in England schon lange der Fall mit den ausländischen Spielern, von denen es zu viele gibt. Die Clubs kaufen lieber Qualität auf dem europäischen oder südamerikanischen Markt, als dass sie auf eigene Spieler setzen.

Wenn Manchester United 100 Millionen Euro für Paul Pogba bezahlt, ist das auch ein Zeichen.
Das ist total überrissen! Das ist ein Messi wert oder ein Ronaldo. Und wenn das für einen Pogba doch bezahlt wird, sind die anderen zwei je 200 Millionen wert. Oder 250. Im Minimum.

Kann das den Fussball zerstören?
Der Fussball wird nie kaputtgehen. Der Sport ist gesellschaftsfähiger geworden in den vergangenen Jahren, dank der Stadien, der Vermarktung, der Medien und dank der Stars. Vor 50 Jahren wurde für berühmte Schauspieler geschwärmt, heute kennt man den Tagesablauf der Fussballer. Der Fussball hat einen grossen Stellenwert, auch in der Werbebranche. Selbst nicht absolut herausragende Spieler haben persönliche Verträge.

Glauben Sie wirklich nicht, dass Ablösen von 100 Millionen für einen Pogba schädlich sind?
Ich glaube, das macht den Fussball spannender. Weil noch mehr Junge den Drang entwickeln, Karriere zu machen, das schürt ihren Ehrgeiz. Aber ja, je ­höher die Transfersumme, desto lächerlicher erscheint sie in der Wahrnehmung. Nehmen wir China. Das Land ist daran, den Markt mitzubestimmen, ­obwohl es kaum je eine sportliche ­Konkurrenz sein wird. Trotzdem überlegt sich Pierre-Emerick Aubameyang, der immerhin bei Dortmund spielt, ­offenbar, dorthin zu gehen …

... angeblich wird er mit 25 Millionen Euro netto pro Jahr gelockt.
Wir sollten solche Zahlen nicht unbedingt für bare Münze nehmen. Bisher hat meines Wissens noch keiner dieser Clubs seine Lohnzahlungen publik gemacht.

Wenn Sie Aubameyang wären, würden Sie nach China gehen?
Er hat es nicht nötig, er muss sich nicht finanziell absichern, auch wenn er einen grossen Clan hat, den er unterhalten muss. Wenn er doch noch wechseln will, sage ich: Ab 30 Jahren ist das okay. Aber Ronaldo oder Messi, die würden nicht gehen, auch wenn sie 100, 200 Millionen Euro kassieren könnten. Sie sind nicht mehr angewiesen auf Geld, haben aber immer noch sportliche Ambitionen.

Xabi Alonso wurde gefragt, ob er nicht in den USA oder in China weitermachen möchte. Er ­antwortete, er habe bei Real ­gespielt, in Liverpool und zuletzt bei Bayern, da könne er nicht ­anderswo seine Karriere beenden.
Das zeigt seinen Stolz, seinen Charakter. Für ihn war es eine Ehre, bei grossen Vereinen zu spielen. Solche Typen werden immer mehr eine Rarität. Leider.

Wieso war in den vergangenen 20 Jahren nur der FC Bayern als deutscher Verein in der Lage, europäische Titel zu gewinnen?
Er ist durch die wirtschaftliche Kraft enteilt. Er hat mit 600 Millionen Euro fast doppelt so viel Budget wie Dortmund mit 380. Das ist gigantisch und macht eben auch den Unterschied. Wenn bei den Bayern drei, vier Spieler ausfallen, können sie das verkraften. Dann kommen eben Thiago, Müller oder Boateng ins Spiel. Und wenn die Bayern ihre Leistung konstant abrufen können, wird sich in der Bundesliga an den ­Stärkeverhältnissen nicht viel ändern. Dann bleiben sie weiterhin ganz oben.

Das ist langweilig.
Für die Nicht-Bayern-Fans mag das so sein, ja.

Pep Guardiola prägte die Bayern. Bei Manchester City wurde das von ihm auch erwartet. In der ­Champions League scheiterte er schon im Achtelfinal. Wieso das?
City hat zwar überragende Spieler, aber das Ganze muss wachsen. Die Auto­matismen bleiben wichtig im Fussball, es lässt sich nicht alles mit dem Einkauf von Spielern wettmachen.

Anfang 2016 bezeichneten Sie Guardiola als Pionier des modernen Fussballs und besten Trainer, den es bislang gab. Bleiben Sie dabei?
Er war ein Pionier, ja. Jetzt spielen alle Mannschaften ähnlich.

Ist er auch der Beste?
Der Beste ist immer jener, der Titel holt. Guardiola gehört für mich immer zu den Weltbesten. Jetzt muss er wieder Gas geben, um mit City nächste Saison Erfolg zu haben. In der Premier League ist keine Schwäche erlaubt.

Erstellt: 02.06.2017, 22:56 Uhr

Ottmar Hitzfeld (68) gewann als Trainer 1997 mit Dortmund und 2001 mit Bayern die Champions League. Der frühere Schweizer Nationalcoach (2008–2014) ist heute Experte bei Sky. Foto: Frank Augstein (Keystone)

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