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«Nordirland kann sich immer auflehnen»

Die Schweizer Fussballer vermeiden nach dem 1:0 in Belfast alles, um sich schon an der WM zu sehen. Im Rückspiel in Basel reicht ihnen ein Unentschieden zum Weiterkommen.

Siegerlächeln festhalten: Coach Vladimir Petkovic weiss aber, dass die Nordiren noch gefährlich werden können. Foto: Reto Oeschger
Siegerlächeln festhalten: Coach Vladimir Petkovic weiss aber, dass die Nordiren noch gefährlich werden können. Foto: Reto Oeschger

Freudentänze? Nein. Überschwängliche Kommentare? Nein.

Wer an diesem Donnerstagabend in Belfast ist, trifft auf abgeklärte, besonnene Schweizer, ob Trainer oder Spieler.

Das 1:0, dieses so wichtige 1:0 im Hinspiel der WM-Barrage gegen Nordirland, macht sie nicht siegestrunken. Das Gegenteil ist der Fall. «Das Wichtigste ist, dass wir nicht euphorisch werden», sagt Ricardo Rodriguez. Und Blerim Dzemaili: «Wichtig ist, dass wir am Boden bleiben.» Und Vladimir Petkovic, der Coach: «Wir haben vorher nicht viel ­gequatscht. Das soll jetzt so bleiben.»

Die Hälfte der Arbeit ist erledigt. Mehr nicht. Das ist der Tenor der Schweizer. Dazu passt auch der Kommentar von Valon Behrami. Betrugen die Chancen für ein Weiterkommen vor dem Spiel 50 Prozent, sieht er sie jetzt um 1 Prozent gestiegen. «Das Resultat ändert nicht viel», sagt der Leader und Kämpfer ausser Dienst. «Heim- oder Auswärtsspiel macht gegen diese Mannschaft keinen grossen Unterschied.»

Es ist die richtige Haltung, um am Sonntag keine böse Überraschung zu ­erleben.

Ricardo Rodriguez: «Ich kann es einfach»

Von Ricardo Rodriguez gibt es einen Satz, der so viel über ihn aussagt: «Es gibt Schlimmeres, als schlecht zu spielen.»

Das hat er in seinem Leben gelernt, das es am Anfang nicht nur gut mit ihm meinte, weil er wegen einer Zwerchfellhernie oft im Spital war. Die Ärzte trauten ihm nicht zu, dass er diesen Weg ­gehen kann, den er bis heute gegangen ist. Aber er hat gekämpft und den Willen entwickelt, sich durchzusetzen. Es hat viel mit seiner Kindheitsgeschichte zu tun, dass er inzwischen vieles eine Spur gelassener sieht.

Im Fussball kann eine solche Einstellung helfen, zum Beispiel in einer Barrage, zum Beispiel in einem Moment wie in der 58. Minute von Belfast, als den Schweizern ein Elfmeter zufällt wie ein Geschenk vom Himmel.

Der umstrittene Penaltypfiff im Hinspiel. Quelle: SRF

Es gibt nur einen, der dafür infrage kommt: Rodriguez. Gut, Fabian Schär ist auch ein Mann mit Nervenstärke, aber Rodriguez ist die erste Besetzung bei einem Penalty. «Mich haben sie von der Liste gestrichen», bemerkt derweil ­Blerim Dzemaili, er tut das mit feinem Lachen und feiner Selbstironie. In Lettland, vor zwei Monaten, verschoss er einen Elfmeter noch ziemlich wild.

Nun also im Regen von Belfast: Vorhang auf für Rodriguez. «Alle erwarten, dass ich ihn reinmache», sagt er hinterher. Das ist Druck, aber er empfindet es nicht so. Versagensängste sind ihm fremd, aus einem einfachen Grund: «Es käme sonst nicht gut.»

Rodriguez nimmt sich den Ball, legt ihn auf den Elfmeterpunkt, läuft an, sieht, dass sich Goalie Michael McGovern in eine Ecke bewegt und schiesst den Ball in die andere. So einfach geht das, wenn man Rodriguez heisst. Die Frage: Was ist das für eine Qualität? Seine Antwort: «Entweder kann man das, oder man kann es nicht. Ich kann es einfach.»

Das 1:0 im Hinspiel durch Rodriguez. Quelle: SRF

Der Auftritt: Ein Reifebeweis

Die Enttäuschung war da, sich vor einem Monat in Portugal nicht direkt für die WM qualifiziert zu haben. Xherdan Shaqiri hat das am Abend vor dem Spiel im Belfaster Kleinstadion gesagt. Und Trainer Petkovic hat es mehr als einmal hervorgehoben: Sie möchten gar nicht hier sein. Sondern sich gedanklich schon auf Russland einstimmen.

Nervös wollen sie trotzdem nicht ­gewesen sein, bevor sie im Windsor Park auf den Platz gingen. «Angespannt ja, aber nicht nervös», sagt Xherdan Shaqiri.

Das lässt sich nach einem erfolgreichen Abend auch leichter sagen. Dabei stand viel auf dem Spiel, ganz Grundsätzliches: Besteht die Schweiz diesen Charaktertest, diese Reifeprüfung?

In Portugal waren sie von der Aufgabe und vom Gegner noch überfordert gewesen. Gegen den Europameister zählten ihre neun Siege aus den neun Qualifikationsspielen zuvor nichts mehr. Sie waren chancenlos.

In Belfast waren sie mental bereit. Sie waren von Anfang an konzentriert, und sie hielten körperlich dagegen, wie das ziemlich harte Foul von Fabian Schär schon nach fünf Minuten gegen Stuart Dallas dokumentierte. «Wir machten, was wir uns vorgenommen hatten», erklärt Blerim Dzemaili. Dazu gehörte, Fouls in Strafraumnähe zu vermeiden, um nicht der Stärke der Nordiren bei stehenden Bällen ausgesetzt zu sein. Nur einmal liess sich ein gefährlicher Abschluss von ihnen nicht verhindern, bei einem Kopfball von Josh Magennis in der Schlussphase. Alles andere befand sich unter Kontrolle der Schweizer. Oder wie Shaqiri zusammenfasst: «Hinten gewannen wir jeden Zweikampf. Vorne versuchten wir etwas.»

Allerdings blieb es oft nur beim Versuch gegen diese Nordiren, die selbst in einem Heimspiel gerne zu zehnt verteidigen und nichts auf Ballbesitz geben. «Auf den letzten 30 Metern vor dem Tor haben wir nicht viel gemacht», stellt ­Valon Behrami mit kritischem Blick von der Bank aus fest. «Es war nicht leicht, etwas zu kreieren. Aber wir konnten auch nichts konkretisieren.» Im Strafraum selbst kam die Schweiz aus dem Spiel heraus nur einmal zu einem gefährlichen Abschluss, ganz früh durch Haris Seferovic. Der rumänische Schiedsrichter Hategan hatte in der 58. Minute ein Einsehen und sah ein Hands von Corry Evans, wo keines war.

Michael O’Neill: Der grosse Ärger

Dieses Hands beschäftigt die Nordiren am Donnerstag mehr als alles andere, mehr als das eigene Unvermögen. Sie schaffen es nicht, ihre Vorzüge zu zeigen, sie bringen es nicht fertig, den Gegner mit ihrer Kampfkraft zu beeindrucken. Dafür investieren sie hinterher sehr viel in diesen einen Pfiff des rumänischen Spielleiters. «Erschütternd» sei dieser ­Penalty, ereifert sich Trainer Michael O’Neill. Er kann sich kaum erholen.

Irgendwann sagt er dann doch: «Zu lange dürfen wir uns damit nicht mehr beschäftigen. Wir haben immer noch eine Chance, und es ist meine Aufgabe, das Team optimal darauf vorzubereiten.» Die Tonlage ist nun eine andere, es macht sich Trotz in seiner Stimme bemerkbar. Und überträgt das gleich auf seine Spieler. «Wir haben zwar verloren, ja, aber wir sind noch nicht draussen», sagt ­Goalie Michael McGovern, «wir müssen in Basel nicht viele Tore erzielen. Eines reicht bereits für den Ausgleich. Und dann würden wir sehen, wie es weitergeht.»

Der Sonntag: So wie in Belfast

Valon Behrami hätte gerne selbst gespielt, sehr gerne. Wenn da nur nicht der Oberschenkel gewesen wäre, der ihn daran hinderte. Er litt auf der Tribüne mit und empfand die Ohnmacht des Zuschauers, der keinen Einfluss aufs Geschehen nehmen kann. Hinterher fühlt er sich müder, als wenn er gespielt hätte.

Ob er morgen Sonntag auflaufen kann, ist mehr als fraglich. Es bringe nichts, mit 80 Prozent zu spielen, sagt er. Denis Zakaria, der junge Mönchengladbacher, der ihm wahrscheinlich auf Dauer nachfolgen wird, hat ihn in Belfast schon einmal gut vertreten. Es gibt keinen Anlass, in Basel daran etwas zu ändern. Wie es für Petkovic ohnehin keinen Grund gibt, gross an der Aufstellung zu basteln. Auch wenn Einzelne wie Dzemaili oder Seferovic nicht gerade viel Wirkung entwickelten.

Was für eine Erlösung für die Schweiz, was für ein Spiel für Ricardo Rodriguez: Der junge Aussenverteidiger erzielt das goldene Tor im Hinspiel der WM-Barrage in Belfast gegen Nordirland und wirft vor lauter Freude sein Trikot in die Fankurve.
Was für eine Erlösung für die Schweiz, was für ein Spiel für Ricardo Rodriguez: Der junge Aussenverteidiger erzielt das goldene Tor im Hinspiel der WM-Barrage in Belfast gegen Nordirland und wirft vor lauter Freude sein Trikot in die Fankurve.
AP
Von Nationaltrainer Vladimir Petkovic erhält Rodriguez nach dem Spiel die verdienten Glückwünsche für seinen Treffer. Der Coach ist nun nahe am Ziel: die Schweiz an die WM nach Russland zu führen.
Von Nationaltrainer Vladimir Petkovic erhält Rodriguez nach dem Spiel die verdienten Glückwünsche für seinen Treffer. Der Coach ist nun nahe am Ziel: die Schweiz an die WM nach Russland zu führen.
AP
Eine einmalige Stimmung herrscht im Nationalstadion, mit 18'500 Zuschauern restlos ausverkauft. Die Green & White Army, wie sich die Fans des nordirischen Teams selbst bezeichnen, feiert den Auftritt auf der grossen Barrage-Bühne gegen die Schweiz.
Eine einmalige Stimmung herrscht im Nationalstadion, mit 18'500 Zuschauern restlos ausverkauft. Die Green & White Army, wie sich die Fans des nordirischen Teams selbst bezeichnen, feiert den Auftritt auf der grossen Barrage-Bühne gegen die Schweiz.
Reuters
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Das Rechnen ist jetzt simpel. Ein 0:0 reicht schon, um sich den Platz an der WM zu sichern. Allerdings ist das grundsätzlich kein Resultat, auf das Petkovic das Spiel seiner Mannschaft ausrichtet. Nur einmal in seinen bisher 35 Spielen hat es ein torloses Unentschieden gegeben, an der EM letztes Jahr gegen Frankreich. Immerhin reichte das, um den Achtelfinal zu erreichen.

«Das Minimum haben wir jetzt gemacht», sagt Dzemaili. Aber «wir müssen nochmals viel leisten», ergänzt Shaqiri. Aus ihnen spricht der Respekt vor dem Gegner. Sie sehen ihn noch nicht als ­besiegt an, «er kann immer gefährlich werden, er kann sich immer auflehnen», betont Petkovic, und das mit einfachen Mitteln: einem langen Ball nach vorne, einem Freistoss oder Corner, einem Kopfball. Die Warnung vor dem Gegner entspringt dem Appell des Trainers, ihn nur nicht zu unterschätzen. Dabei ist das gar nicht so einfach nach einem sehr schwachen Auftritt der Briten am Donnerstag.

Um morgen nicht kalt erwischt zu werden, fordert Petkovic von seiner Mannschaft, «zielstrebiger, hungriger zu sein». Er möchte nicht mehr, dass sie sich, einmal in Führung, wieder zurückzieht. Er möchte, dass sie die Zuschauer für sich gewinnt und hinter sich bringt. Anders gesagt: Er möchte einfach einen schönen Abend verbringen.

Oder wie es Ricardo Rodriguez sagt: «Wir müssen eiskalt sein in Basel.» Eiskalt wie er beim Elfmeter.

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