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Vier WM-Wochen für die Kehrtwende

Mit der Gruppenauslosung soll im Gastgeberland die WM-Begeisterung entfacht werden. Bisher dominierten die Angst vor Hooligans und Dopingvorwürfe gegen Fussballer.

Die Kirchen im Kreml stehen für die Religion – gleich daneben, im Unterhaltungs-Zentrum, werden heute um 16 Uhr die Namen gezogen. Foto: Lars Baron (Getty Images)
Die Kirchen im Kreml stehen für die Religion – gleich daneben, im Unterhaltungs-Zentrum, werden heute um 16 Uhr die Namen gezogen. Foto: Lars Baron (Getty Images)

Bei aller Kritik, die die Fifa für die Vergabe der Fussball-Weltmeisterschaft 2018 an Russland zu Recht hat einstecken müssen – eines muss man ihr lassen: Wenn heute ab 16 Uhr MEZ Millionen Fans rund um den Globus dabei ­zusehen, wie im Staatlichen Kremlpalast die WM-Gruppen ausgelost werden, wird das wahrscheinlich die transparenteste Entscheidung sein, die jemals im Kreml getroffen wurde.

Aber die Adresse sollte nicht täuschen. In der eigenen kleinen Stadt, die der Kreml in Wahrheit ist, sind die Bereiche klar abgesteckt: die Kirchen mit ihren goldenen Zwiebeltürmen für die Religion, der Grosse Kremlpalast für die weltliche Macht – und besagter Staatlicher Kremlpalast für Musik, Galas und Zerstreuung. Da ist der Fussball passend eingeordnet, auch wenn seine Fans ihn bisweilen in der Nähe der Religion verordnen und seine Funktionäre traditionell und oft im Eigeninteresse die Nähe zur weltlichen Macht pflegen.

Der Bürgermeister rät den Einwohnern: «Schlagen Sie bitte niemanden!»

Bei fünf Grad Frost in der Hauptstadt und einer dünnen Schneedecke versucht Russland, sich langsam warmzulaufen für ein Fussballfest, das erst im Sommer stattfinden wird, wenn es in Sankt Petersburg nachts nicht dunkel wird und tagsüber in Sotschi bis zu 40 Grad heiss. Vor den Kreml-Mauern, auf dem Roten Platz, hat gerade die Eisbahn eröffnet, dick gepolsterte Kinder laufen dort Schlittschuh. Eishockey ist der wahre Nationalsport der Russen, bei den Spielen sitzt die ganze Familie auf den Rängen und friert. Aber beim Fussball? Gewalt und leere Stadien sind zwei Probleme der russischen Profiliga, die sich gegenseitig bedingen: Wer nimmt schon seine Kinder mit zum Spiel, wenn dort die Hooligans den Ton angeben? Und solange die Familien nicht kommen, geben die Hooligans den Ton an.

Bürger sollen nicht stören

Die WM könnte das ändern, indem sie das ganze Volk mit Fussball-Begeisterung ansteckt, das ist ein Versprechen des Weltverbands Fifa. Aber ob vier Wochen reichen für die Kehrtwende? Und ob die zehn Milliarden Euro wirklich gut angelegt sind, die nach offiziellen Angaben für den Stadienbau ausgegeben wurden?

In der Exklave Kaliningrad etwa, dem westlichsten Austragungsort des Turniers, besuchten zuletzt im Schnitt etwa 5100 Zuschauer die Spiele des heimischen Vereins Baltika. Nun hat Kaliningrad ein Stadion nach Fifa-Standards mit 35'000 Plätzen bekommen. Während des Turniers wird von den Bürgern aber vor allem eines erwartet: Sie sollen nicht stören. So hat es zumindest der Bürgermeister des ehemaligen Königsberg kürzlich formuliert.

Alexander Jaroschuk rief die 400'000 Einwohner in einem Radio-Interview dazu auf, ihre Stadt schön sauber zu halten: «Und am besten fahren Sie raus in die Natur und machen ein paar Tage Ferien.» Wer der englischen Sprache mächtig sei, solle den Touristen helfen. An alle anderen ging der Appell: «Seien Sie gastfreundlich und schlagen Sie bitte niemanden!»

Klose trägt die 6 Kilo schwere Statue

In den vergangenen Wochen hat das russische Fernsehen den WM-Pokal auf seiner Tour durch das Land begleitet. Auf zentralen Plätzen ihrer Städte durften sich die Bürger neben der Trophäe fotografieren, das nennt man wohl Demokratisierung des Fussballs. Am Freitag ist dann Miroslav Klose an der Reihe, der WM-Rekord-Torjäger aus Deutschland wird die sechs Kilo schwere Statue bei der Auslosung in den Saal tragen. «Es ist eine Ehre für mich, auf eine Art noch immer Teil der WM zu sein, auch nach meinem Rücktritt», sagte der Weltmeister. Es sei etwas Besonderes, «Russland und der Welt diese Trophäe zu präsentieren, für die wir 2014 in Brasilien so hart gekämpft haben».

Das Gebäude, in dem die Show stattfindet, ist das jüngste auf dem Kreml-­Gelände, ein nüchterner Kasten aus Glas und weissem Marmor, den Nikita Chrusch­tschow 1961 für die Parteitage der KPdSU errichten liess. Platz ist für 6000 Besucher, Eric Clapton und Elton John haben hier exklusive Konzerte gegeben. Für die Fifa wird Gary Lineker durch den Abend führen, der bestbezahlte ­Moderator der BBC und im früheren Leben Torschützenkönig der WM 1986 in Mexiko. 1990 hat er nach der Halbfinal-Niederlage der Engländer in Italien den Spruch geprägt von den 22 Männern, den 90 Minuten und den Deutschen, die am Ende immer gewinnen.

Gary Lineker führt gemeinsam mit der russischen Sportjournalistin Maria Komandnaja durch die einstündige Show, was angeblich die Fussballfans in Iran beunruhigt. Sie sollen sich laut Berichten iranischer Medien mit der Bitte an die junge Frau gewandt haben, sich nicht zu freizügig zu kleiden, weil das iranische Staatsfernsehen sonst die Übertragung immer unterbreche, wenn sie im Bild ist. Was an der Sorge dran ist, ist schwer zu überprüfen, jedenfalls hat es der Zeremonie zu zusätzlicher Aufmerksamkeit verholfen.

Die Fifa druckst herum

Bei der Fifa dürfte man derzeit für jeden Aufreger dankbar sein, der nicht mit ­Doping zu tun hat. Der ehemalige Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors hat von den USA aus, wohin er als Kronzeuge geflohen ist, gerade seine Vorwürfe gegen russische Nationalspieler präzisiert. Der Weltverband druckst ­herum, verharmlost und verspricht eher vage, die Vorwürfe zu prüfen. Dass ­irgendwelche Konsequenzen gegen den WM-Gastgeber zu erwarten wären, glaubt niemand.

Die Russen werden es so schon schwer genug haben. Derzeit führt die Fifa sie in ihrer Rangliste auf dem letzten Platz. Fairerweise sollte man dabei aber nicht vergessen, dass die Mannschaft als einzige keine Qualifikationsspiele absolvieren musste, also auch keine Punkte sammeln konnte. Die Mannschaft von Trainer Stanislaw Tschertschessow hatte aus diesem Grund – bis auf Freundschaftsspiele gegen Spanien und Argentinien – über lange Zeit fast keinen Kontakt mit echten Spitzenteams.

Bei den drei WM-Auftritten seit dem Zerfall des kommunistischen Imperiums, 1994, 2002 und 2014, ist Russland jeweils in der Vorrunde ausgeschieden.

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