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Ihn fasziniert das Böse

Ricky van Wolfswinkel soll beim FC Basel im Sturm den Unterschied machen – auch heute Abend gegen Benfica Lissabon.

Ricky van Wolfswinkel ist im Basler Sturm so etwas wie Marco Strellers Nachfolger und zugleich dessen erster Königstransfer als Sportchef. Foto: Roman Aeschbach (EQ Images)
Ricky van Wolfswinkel ist im Basler Sturm so etwas wie Marco Strellers Nachfolger und zugleich dessen erster Königstransfer als Sportchef. Foto: Roman Aeschbach (EQ Images)

Ricky van Wolfswinkel sitzt im Café vor dem St.-Jakob-Park, vor sich sein Kulturbeutel mit den Initialen RVW und im Kopf das Champions-League-Spiel gegen Benfica Lissabon. Hinter ihm im Lokal hängt an der Wand ein vergrösserter Zeitungsartikel. «Super Marco versenkt Liverpool», steht da. Super Marco heisst mit vollem Namen Marco Streller, das ­Liverpool-Spiel war 2014, damals, als der FCB in guten Zeiten lebte.

In Basel ist jeder neue Stürmer immer ein bisschen auch der Nachfolger des neuen Sportchefs Streller, der als Spieler ein bisschen alles war im Verein. Typ, Torschütze, Identifikationsfigur.

RVW ist in Basel bisher vor allem Torschütze. Sieben Tore hat er in der Meisterschaft geschossen, keine schlechte Zahl. Würde seine Vergangenheit für seine Zukunft sprechen, dann wird das mit der Identifikationsfigur in Basel jedoch nichts. Viele Trainer hat er in den vergangenen sieben Jahren erlebt. «Zu viele», sagt der 28-Jährige. 15 sind es. RVW hat Selbstironie, sie hilft bei solchen Themen – bei neun Vereinen hat er in den vergangenen acht Jahren gespielt.

Er ist fasziniert vom Bösen

Auch jetzt erlebt er turbulente Tage: Spiel folgt auf Spiel, gestern war seine Frau für einen Kaiserschnitt angemeldet. Aber nervös? Nicht RVW. Die Vollzugsmeldung am Abend: ein Töchterchen.

RVW sieht nett aus. Gross, aber nicht stämmig, adrette Frisur, gängiger Bart, lockerer Gang. Er ist einer, der am liebsten Bücher über den holländischen Mafiaboss Willem «die Nase» Holleeder liest, aber nicht einmal eine Gummischlange aus dem Schleckwarenladen klauen würde. Das Böse fasziniert ihn, solange es ihn nicht betrifft. Wobei, sagt er, auf dem Platz könne er giftig sein.

Er ist einer, der am liebsten Bücher über den holländischen Mafiaboss Willem «die Nase» Holleeder liest, aber nicht einmal eine Gummischlange aus dem Schleckwarenladen klauen würde.

Streller fällt noch viel mehr ein: «charakterlich top; sehr mannschaftsdienlich; kommt der Ball in die Box, ‹chlöpfts›.» Komplimente sind schön, in diesem Fall bergen sie auch Erwartungen, schliesslich ist Strellers Ansehen als Sportchef mit seinem Königstransfer verknüpft. RVW weiss: Er muss liefern. Seine zuletzt 23 Treffer mit Arnheim zeigen, dass er seine Arbeit, das Toreschiessen, mit links, rechts und dem Kopf erledigt. Er ist eine Andeutung auf Tore. Diese sind meist nicht spektakulär, doch er steht oft am richtigen Ort.

Trotzdem gab es bei seiner Ankunft in Basel ein kleineres Missverständnis. Streller sagte, RVW sei ein Angreifer, der auf die Seiten ausweiche, den Ball wolle und verteile. Trainer Raphael Wicky wiederum meinte, der Holländer sei ein «klassischer Mittelstürmer», der das Tor rieche. Anscheinend lässt sich RVW nicht in ein einziges Schema pressen.

Nun sind ein paar Wochen verstrichen, und RVW schlägt sich mit einem Dilemma herum. Er kriegt kaum Bälle. In Manchester waren sie an einer Hand abzuzählen. Soll er sich zurückfallen lassen? Dafür spricht, dass er endlich mehr Ballkontakte bekäme. Andererseits fehlt er dann vorne – ein wesentlicher Anstellungsgrund war ja, dass er Flanken und Pässe verwertet. Also bleibt er vorne und scheint dort zu verhungern. Auch am Samstag gegen Zürich fand kaum ein Ball zu ihm, und wenn, dann war dieser lange in der Luft – ein Geschenk für grosse Verteidiger.

Der Sturm ist in Basel eine Gross­baustelle. Daraus könnte ein Kathedrale entstehen, um im Bild zu bleiben, aber auch ein Plattenbau.

Der Sturm ist in Basel eine Gross­baustelle. Daraus könnte ein Kathedrale entstehen, um im Bild zu bleiben, aber auch ein Plattenbau. Cédric Itten (20), Dimitri Oberlin (19), Neftali Manzambi (20), ­Afimico Pululu (18) und eben RVW (28) heissen die Bausteine. Vier Junge, welche die Fantasie anregen. Ein Erfahrener, der sie führen soll. 43 Ligatore von Doumbia, Janko und Delgado sind zu ersetzen. Als Letzterer überraschend absprang, wollte Sportchef Streller offenbar Ersatz verpflichten, doch der neue Präsident Bernhard Burgener trägt momentan das ­Etikett des Sparfuchses, am Wochenende sagt er dann: «Im Frühjahr bringen wir einen für Delgado.»

Bis dann möchte Wicky ein dynamisches Umschaltspiel etablieren, mit kurzen, aber schnellen Pässen. Doch irgendwie will das nicht so recht klappen. Also lässt der Trainer den FCB über den Kampf zum Sieg kommen, sodass der Ball in Basel plötzlich an Bodenhaftung verliert. Heisst: Er wird in grossen Bögen in die Spitze gespielt. RVW mag das nicht. Vielleicht auch, weil ihn das an den Tiefpunkt seiner Karriere erinnert.

Der neue Van Basten

Er wächst in Woudenberg auf, gilt als grösstes Talent seines Landes, sie nennen ihn den neuen Van Basten («Ich war immer Ricky»), er spielt 2009 eine gute Saison mit Arnheim, könnte zu Meister Alkmaar unter Louis van Gaal wechseln, sein Vater will das, er nicht. Lieber nimmt er den kleinen Schritt («Ich wollte spielen») und geht zu Utrecht, dann zu Sporting Lissabon, nun klopfen Clubs der Premier League an, er wechselt zum kleinsten, zu Norwich, weil er wieder denkt, die Chancen zu spielen seien da am grössten – er wird zum teuersten Transfer der Vereinsgeschichte.

Doch der Club schlittert in eine Baisse und setzt deshalb auf Kick and Rush, lange weite Bälle – RVW verhungert, die Welt wird für ihn in England zu einem grauen Dienstag. Es folgt St-Etienne («war sehr gut»), dann Betis Sevilla («das weniger»), worauf er zu Arnheim zurückkehrt.

Auch wenn er es nie sagen würde, RVW möchte sich von den alten Geschichten emanzipieren, mit frischen Taten.

RVW erzählt seinen Werdegang kühl und routiniert – als ob er über das Für und Wider verschiedener Wärmedämmungen referieren würde. Genauso spricht er über seinen Schwiegervater, Johan Neeskens, die holländische Legende. Über sein stetes Scheitern und den berühmten Verwandten musste er schon einer Hundertschaft Auskunft geben, mehr als etwa über seine grösste Stärke («meine Mentalität»).

Auch wenn er es nie sagen würde, RVW möchte sich von den alten Geschichten emanzipieren, mit frischen Taten. Er ist ein stolzer Van Wolfswinkel, eben hat er allen Männern der Familie einen Ring mit dem Familienwappen geschenkt.

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