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«Scheissnazi»-Rufe: Geht nicht

In Spanien wurde erstmals ein Spiel wegen Fan-Schmähungen abgebrochen. Nicht Rassismus oder Homophobie waren der Grund – sondern Anti-Nazi-Sprechchöre.

Javier Cáceres
Seine Gesinnung ist im Fokus: Roman Sosulja von Albacete.
Seine Gesinnung ist im Fokus: Roman Sosulja von Albacete.
Getty

Die Fans von Rayo Vallecano sind nicht nur für ihre linke Gesinnung bekannt. Sie haben auch Humor. Am Sonntag war soeben das spanische Zweitligaspiel zwischen Vallecano und Albacete Balompié abgebrochen worden, da stimmten Rayo-Anhänger die Melodie des kubanischen Gassenhauers «Guantanamera» an und dichteten einen Kehrreim dazu: «... ist Kommunist! Sosulja ist Kommuni-ist! Ist Kommuni-ist! Sosulja ist Kommuni-ist!»

Humorvoll war das deshalb, weil der ukrainische Fussballer Roman Sosulja alles ist, nur kein Kommunist – und das Spiel im Madrider Arbeiterviertel Vallecas zur Halbzeit abgebrochen worden war. Der bei Albacete beschäftigte Stürmer wurde von den Rayo-Fans als das geziehen, was er in den Augen vieler Menschen ist: ein Nazi.

Lob für den Schiedsrichter

Genau genommen, beschimpften sie Sosulja als «puto nazi», also sinngemäss: als «Scheiss­nazi»; es gab auch Transparente, die gegen den Ukrainer gerichtet waren. Relevant ist der Spielabbruch so oder so: Es war das erste Mal, dass eine Partie in Spanien wegen Schmähungen von den Rängen abgebrochen wurde. Für sein Vorgehen bekam der Schiedsrichter ein ausdrückliches Lob des Ligaverbands. Damit war spätestens der Punkt erreicht, an dem man in Spanien nicht mehr genau wusste, wohin man den Blick zuerst lenken sollte.

Die einen erinnerten sich ­daran, dass die Rayo-Legende Wilfred von Anhängern anderer Clubs, auch von Albacete, zum Baumwollpflücken geschickt wurde: Er war Nigerianer. Andere riefen ins Gedächtnis, dass frühere Real-Profis wie Míchel, Guti oder Cristiano Ronaldo, aber auch Katalanen und Basken ­generell, schon mal als Schwule betitelt wurden. Atlético-Fans priesen immer wieder mal den neonazistisch motivierten Mord an einem Anhänger von San Sebastián vor 20 Jahren. In all diesen Fällen passierte nichts.

Nun aber wurde ein Spiel abgebrochen, weil ein Ukrainer als Nazi beschimpft wurde, was aus Gründen, von denen noch die Rede sein wird, nicht ganz so überraschend kam. Man wolle jeden Ausdruck von «Gewalt, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit auslöschen», schrieb der ­Ligaverband. Dessen Chef Javier Tebas war einst Funktionär der faschistischen «Fuerza Nueva», sympathisiert heutzutage offen mit der ultrarechten Vox-Partei und liess sich mit der Einschätzung vernehmen, dass sie «bei Rayo heute keine Nazis wollen – und morgen vielleicht keine Homosexuellen». Das war nicht nur wegen der recht gewagten Analogie schräg. Sondern auch, weil Rayo als einer der ersten Fussballclubs Europas die Regenbogenfahne hisste. Es führte aber zur Frage zurück, ob Sosulja nun Nazi sei oder nicht.

Diese Frage beschäftigt in Va­llecas schon länger. Im Januar 2017 sollte er von Betis Sevilla zu Rayo wechseln, zu einer Zeit, da der russisch-ukrainische Krieg noch präsenter war als jetzt. Doch es kursierten einige Fotos, auf denen Sosulja mit Symbolen und Vertretern ultranationalistischer Gruppen der Ukraine zu sehen war, die eine Nähe zu Rechtsextremisten aufwiesen. Sosuljas Wechsel platzte, obwohl er beteuerte, kein Nazi, sondern nur ein Patriot zu sein.

Die Hitler-Codes

In dieses Horn stiessen nun auch der ukrainische Verband und die Politik. Es gab Solidaritätsbekundungen des ukrainischen Staatschefs, der spanischen Fussballergewerkschaft und diverser spanischer Medien. Dabei wurde kaum thematisiert, dass im Netz auch ein Foto zirkuliert, auf dem Sosulja ein blaues Basketballtrikot mit der Nummer «18» trägt – eine in einschlägigen Kreisen benützte Chiffre für den ersten und achten Buchstaben des Alphabets, sprich für: A wie Adolf, und H wie Hitler. Auf dem Foto deutet Sosulja auch lächelnd mit dem Zeigefinger auf die elektronische Anzeigetafel der Halle: «14:88» ist dort zu lesen.

Auch dies führt zu Codes aus der Neonazi-Szene – zu den «Fourteen Words» des US-Rechtsextremisten David Eden Lane und wieder zum achten Buchstaben des Alphabets, also H wie Heil und H wie Hitler. Das Foto, sagte Sosuljas ­Manager, sei bei einem Benefizspiel für ukrainische Soldaten entstanden. Viele Spieler hätten ein Foto gemacht. Es sei ja auch ein «echt verrücktes Ergebnis» gewesen.

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