«Das kotzt mich an»

Gökhan Inler leistet einen bescheidenen Anteil zum Fussballmärchen von Leicester und bangt darum um seinen Platz bei der EM.

705 Minuten beträgt Gökhan Inlers Einsatzzeit seit letztem Sommer: 195 in der Meisterschaft, 180 im FA- und 330 im Liga-Cup.

705 Minuten beträgt Gökhan Inlers Einsatzzeit seit letztem Sommer: 195 in der Meisterschaft, 180 im FA- und 330 im Liga-Cup. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer Leicester nicht kennt, der fragt: Wie kann einer nur dahin gehen? Wer die Stadt sieht, erhält die Antwort schnell: Es kann nur am Fussball liegen. Und wer dann den Fussball hier erlebt, das Feuer der Mannschaft, das sich im Stadion bis auf den hintersten Rang ausbreitet, der weiss: Wer derzeit hier spielt, hat nicht viel falsch gemacht.

Gökhan Inler ist hier, mitten in England, wo das Schöne an der Stadt die Natur darum herum ist. Er ist Teil dieser wunderbaren Geschichte, die der Leicester City Football-Club als Tabellenführer der Premier League schreibt. Inler hat dabei nur ein Problem: Er spielt nicht, und weil er das nicht tut oder eben nur ganz selten, steckt er in einer Zwickmühle. Es geht um seine Sorge, im Sommer an der EM nicht dabei sein zu können. Schliesslich ist er nicht irgendein Nationalspieler. Er ist der Captain, seit bald fünf Jahren schon. «Die Situation ist heikel», sagt er.

Um ein Uhr fährt Inler beim King-Power-Stadion vor, genau um ein Uhr, weil er weiss, was schweizerische Pünktlichkeit verlangt. Am Auto hat er eine Zürcher Nummer, im Land des Linksverkehrs ist ihm wohler, wenn er links steuern kann.

Es wird ein langes Gespräch über sein Befinden und Denken, über Entscheide und Pläne, und es wird ein Gespräch, in dem er gegen Ende sagt: «Sie wissen, ich rede oft diplomatisch, aber jetzt, jetzt muss ich die Situation anerkennen und den Grund, warum es so ist, wie es ist. Es bringt mir nichts, alles nur schönzureden.»

Das unschöne Ritual

Leicester spielt und stürmt, dass es eine Freude ist, auch an diesem kalten Dienstagabend gegen West Bromwich Albion. 32 000 Zuschauer sind da, die dem lausigen Wetter trotzen und mit den Papierratschen, die unter jedem Sitz stecken, Lärm machen, wie es das in keinem anderen Stadion der Premier League gibt. Leicester hat nicht das Distinguierte der Hochfinanz in dieser Liga, es ist unverbraucht, ungeschminkt, ungekünstelt.

Viereinhalb Stunden vor dem Spiel hat sich die Mannschaft im Stadion zum Essen versammelt, eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff erfährt sie von ihrem Trainer, dem Italiener Claudio Ranieri, wer spielt, wer Ersatz ist und wer auf die Tribüne muss. Für Inler ist es kein schönes Ritual. An diesem Abend hört er zum 21. Mal, dass er nicht spielt. Wenigstens ist er Ersatz. Die vier Mal zuvor ist er nicht einmal mehr das gewesen.

Im letzten August hatte er Neapel verlassen, nach vier Jahren als meist unbestrittener Stammspieler. Leicester warb um ihn, wie er das zuvor von keinem Club erlebt hatte. Er sollte die «italienisch-taktische Philosophie» von Ranieri auf den Platz bringen, ihm gefiel das Projekt eines Neuaufbaus. So sagte er Nein zu Sunderland, West Ham oder Schalke und dafür Ja zu den «Foxes», den Füchsen.

«Ein sensationeller Entscheid», sagte er damals. Und heute? Würde er wieder so entscheiden? «Jawohl. Ja.» Wirklich? «Ganz sicher.» Aber er spielt ja kaum, ist nur die Nummer 4 in der Hierarchie der zentralen Mittelfeldspieler. «Jetzt kann man alles sagen», entgegnet er, «hätte, wäre, wenn … Aber ich bin keiner, der einfach wegläuft und nach nur sechs Monaten ein Projekt aufgibt. Ich wollte diese Challenge. Jetzt habe ich sie.»

Ranieris brisante Aussage

Im Winter hätte er wechseln können. Schalke und Hamburg fragten an, Chinas Fussball lockte mit seinem neuen Reichtum, «Ja, ich hatte mehrere Anfragen», sagt Inler. Er ist nicht weitergezogen, weil er von Ranieri kein Wort gehört hat, dass er ihn nicht mehr will, der Trainer habe ihm gesagt: «Gökhan, ich weiss, ich kann auf dich setzen.»

Immerhin das, mehr auch nicht. Und das frustriert Inler. «Es kotzt mich an.» So sagt er das. Genau so. Und er sagt auch: «Blöd ist, wir haben im Sommer die EM.»

Kurz nach dem Match am Dienstag gegen West Bromwich, Herr Ranieri, was ist die Position Inlers? «Oooh», sagt er, «er ist ein guter Mittelfeldspieler. Aber er hat die Premier League am Anfang nicht verstanden.» Ist das Tempo in England sein Problem? Ranieri ist von einer Rührigkeit, die über die Härte hinwegtäuschen mag, mit der auch er Entscheide trifft. Er zögert, bis er sagt: «Ich habe jetzt meine Spieler.»

Inler hört zu, was Ranieri gesagt hat. Hört diesen Satz, er habe die Premier League anfänglich nicht verstanden. Diesen Satz, der schmerzen muss. Der seinen Rückschlag in England erklärt. Inler hebt zur Erklärung an: «Ich wusste, dass die Premier League eine physisch harte Liga ist. Ich war mental bereit, ich wollte spielen, wie ich es kannte. Aber ich war überrascht vom Tempo, von der Intensität vor allem. In Italien konntest du kurze Pässe spielen. Hier willst du das vielleicht auch, aber dann sind sofort zwei, drei Spieler da, die dich unter Druck setzen.» In Italien konnte er sich manchmal aus der Bedrängnis retten, indem er sich fallen liess und einen Freistoss erhielt. In England gibt es das nicht: «Hier sagt der Schiedsrichter: ‹Play on.›»

Als Inlers Wechsel von Napoli für 5 Millionen Pfund, rund 7,5 Millionen Franken, perfekt war, hatte er zuerst das Einstandsritual zu überstehen, wie es in England Tradition ist: Er musste vor der versammelten Mannschaft ein Lied singen. Die Spieler filmten und johlten vor Freude, als er zu «What Is Love?» von Haddaway ansetzte. Auf einer Skala bis 10 gäbe er sich für seine Leistung eine 4.

Die schreckliche Einsicht

Gegen Aston Villa bekam er in der Liga seine erste Chance, von Anfang an zu spielen. Leicester lag 0:2 zurück, als er nach einer Stunde ausgewechselt wurde. Ohne ihn gab es noch ein 3:2. Eine Woche später, es war der 19. September, spielte er wieder von Anfang an, diesmal gegen Stoke. Wieder lag Leicester 0:2 zurück, als er zur Pause ausgewechselt wurde. Ohne ihn gab es noch ein 2:2. «Alles war frisch damals», sagt er heute, «ich hatte meine Chance und nutzte sie nicht. Das ist ein blöder Moment gewesen. Das denke ich bis heute.»

Er hat Zeit gebraucht, um sich sein Versäumnis einzugestehen, er hat viel nachgedacht, viel mit seinem Berater geredet. «Terrible» sei es gewesen, den Grund für den Rückschlag zu erkennen. Schrecklich.

Ende Dezember spielte er ein letztes Mal überhaupt in der Meisterschaft, beim 0:0 gegen Manchester City. Nach 67 Minuten wurde er auch da ersetzt. In FA- und Ligacup war er wenigstens vollwertige Kraft. Aus beiden Wettbewerben ist Leicester ausgeschieden, es gibt nur noch die Liga, Ranieri hat darum keinen Grund, die Spieler zu rotieren. Mitte Februar konnte er es sich gar leisten, ihnen eine ganze Woche freizugeben, während sich die Konkurrenz im Cup abmühte. Inler hat so etwas noch nie erlebt. Gefaulenzt hat er nicht, er hat nach vorgegebenem Programm für sich trainiert.

Wo Inler zum Saisonstart eingeplant war, spielen längst andere. Danny Drinkwater und N’Golo Kanté sind erste Wahl, und wenn einer von ihnen ausfällt, rückt Andy King ins Team nach – und Inler darf dann wenigstens runter von der Tribüne auf die Bank.

Drinkwater, Kanté, wer hat sie gekannt vor dieser Saison? Drinkwater hatte sich bei kleinen Clubs durchgeschlagen, bei Huddersfield oder Barnsley, bis er vor vier Jahren zum nächsten Kleinen kam, zu Leicester. Kanté ist in Caen entdeckt und für 8,5 Millionen verpflichtet worden. Jetzt sind sie ein Traumduo, dynamische Arbeiter mit glänzenden Zweikampfwerten. «Sie machen es sehr gut», sagt Inler.

Und dann sind all die anderen noch, die für den aussergewöhnlichen Teamgeist der «Foxes» stehen, Kasper Schmeichel, Christian Fuchs, Robert Huth oder Wes Morgan – und natürlich Riyad Mahrez und Jamie Vardy. Die beiden kamen für kleines Geld in die East Midlands, der Franco-Algerier von Le Havre, der andere vom damaligen Fünftligisten Fleetwood Town. Heute sind sie Stars in der Liga. Und sie zeigen es am Dienstag auch gegen West Bromwich.

Mahrez begeistert mit Finessen, Eleganz und einer Gewandtheit, die Inler, den Hundefan, an einen Border Collie erinnert. Bei einer Flanke springt er hoch und legt den Ball direkt mit dem Aussenrist zu Kings 2:1 auf. Es ist ein magischer Moment des derzeit aufregendsten Spielers der Liga. (Er ist es auch, der gestern zum 1:0 in Watford trifft.) Vardy ist der Stürmer, kantig im Gesicht, der alles am liebsten im Sprinttempo erledigt und auch in aussichtslos scheinenden Situation nicht aufgibt. Einmal hat er zehn Meter Rückstand auf einen Verteidiger, erarbeitet sich den Ball trotzdem und so die Chance zum Tor. Es wäre spät im Spiel das 3:2 gewesen. So bleibt es beim 2:2.

Inlers Versprechen: «Ich bin bereit»

Vardy hat seinen Vertrag verlängert. Ob Mahrez bleibt, wer weiss das schon? «Wir brauchen in der nächsten Saison alle», sagt Inler, «Vardy, Mahrez, alle.» Und auch Inler? «Und Inler!», betont er. «Ich versuche, jeden Weg zu finden, um wieder in die Mannschaft zu kommen. Das schaffe ich auch.»

Bis 2018 läuft sein Vertrag, ein guter Vertrag, weil auch Leicester dank der Fernsehgelder und seiner reichen Besitzer aus Thailand, Vater und Sohn Srivaddhanaprabha, gut bezahlt. Ranieri glaubt an eine schöne Zukunft für Inler. «Er ist gut für die Schweizer Nationalmannschaft», hat er zum Abschied noch als Bemerkung hingeworfen.

Vladimir Petkovic hat sich vor einer Woche vor Ort nach Inlers Situation erkundigt. Denn auch der Nationalcoach muss sich fragen: Kann er einen Spieler zur EM mitnehmen, der im Verein Zuschauer ist? «Ich will an die EM», sagt Inler, «als Captain, als Spieler, als Repräsentant der Schweiz.» Dummerweise entscheidet nicht er, sondern der Coach. Er kann im Moment nur eines versprechen: «Ich bin bereit, egal, was passiert.»

Erstellt: 06.03.2016, 09:54 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

History Reloaded Braucht Brasilien wieder einen Kaiser?

Mamablog Schulzuteilung per Algorithmus?

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Klimawandmalerei: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...