Schweizer Ermittler werfen WM-Chefs «Lügengebäude» vor

Zehn Millionen für einen LED-Teppich, der nie existierte: Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt, dass vor der WM 2006 Schmiergeld geflossen ist.

Dem Schweizer Ex-Fifa-Generalsekretär Urs Linsi (rechts) wird Betrug vorgeworfen; auch gegen Franz Beckenbauer (Mitte) wird ermittelt.

Dem Schweizer Ex-Fifa-Generalsekretär Urs Linsi (rechts) wird Betrug vorgeworfen; auch gegen Franz Beckenbauer (Mitte) wird ermittelt.

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Die Uhr tickt für die Ermittler der Bundesanwaltschaft: Über dreieinhalb Jahre haben sie die Vergabe der Fussball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland untersucht. Haben Bankdaten gesammelt, Razzien durchgeführt und Zeugen befragt. Doch jetzt bleiben ihnen nur noch wenige Monate. Können sie den Fall nicht bis April 2020 abschliessen, tritt die Verjährung ein, und die aufwendigen Ermittlungen waren umsonst. Deshalb machen die Strafverfolger nun Tempo: Sie wollen in Kürze Anklage gegen vier Ex-Spitzenfunktionäre erheben, die in die Organisation des Fussballturniers involviert waren.

Das ergibt sich aus Recherchen und einem 89 Seiten umfassenden «schriftlichen abschliessenden Vorhalt», den die Bundesanwaltschaft den Beschuldigten zugeschickt hat. Das Dokument liegt der Redaktion Tamedia und dem «Spiegel» vor.

Der Vorwurf lautet auf Betrug. Vier Funktionäre hätten arglistig ein Lügengebäude aufgebaut, um den wahren Grund einer Zehn-Millionen-Franken-Zahlung des Deutschen Fussballbunds DFB auf ein Schweizer Konto im April 2005 zu verschleiern. Die Funktionäre sind: der Schweizer Ex-Fifa-Generalsekretär Urs Linsi, Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger sowie Ex-DFB-Generalsekretär Horst Schmidt. Wolfgang Niersbach, ebenfalls ein ehemaliger Präsident des DFB, ist als «Gehilfe» genannt.

Mit dem Kopf gegen die Wand

Die Beschuldigten bestreiten, Verbotenes getan zu haben. Man weise die Vorwürfe «vollumfänglich und mit allem Nachdruck zurück», sagt der Anwalt von Wolfgang Niersbach. Urs Linsi lässt ausrichten, er sei überzeugt, jederzeit im Rahmen des deutschen und schweizerischen Gesetzes gehandelt zu haben. Horst Schmidts Verteidiger schreibt, die Vorwürfe seien «abwegig». Und Theo Zwanziger teilt mit, die Schweizer Ermittler würden immer schneller kopfvoran auf eine Wand zurennen: «Die Erfahrung zeigt, es gewinnt immer die Wand.»

Der fünfte und prominenteste Beschuldigte, Franz Beckenbauer, wird voraussichtlich nicht gleichzeitig angeklagt. Die Bundesanwaltschaft will das Verfahren gegen ihn abtrennen, weil der «Kaiser» gesundheitlich angeschlagen und deswegen nicht einvernahmefähig sei, wie jüngst die NZZ berichtete. Beckenbauers Anwalt will zum Fall keine Stellung beziehen.

Kern der Geschichte ist ein undurchsichtiger Geldtransfer nach Katar. Franz Beckenbauer, Präsident und Galionsfigur des WM-Organisationskomitees 2006, liess vier Jahre vor dem Turnier via eine Anwaltskanzlei im Kanton Obwalden rund zehn Millionen Franken ins Emirat überweisen. Empfänger war der Katarer Mohamed Bin Hammam. Der Geschäftsmann war damals im Fifa-Universum eine einflussreiche Figur. Er sass im Exekutivkomitee und der Finanzkommission. Und: Er stand dem Emir nahe. 2012 wurde er wegen Korruption lebenslang aus der Fussballwelt ausgeschlossen.

Der Katarer Mohamed Bin Hammam soll von Franz Beckenbauer zehn Millionen Franken erhalten haben. Foto: Keystone

Die Schweizer Ermittlungen wurzeln in einer Enthüllung des «Spiegels», der im Oktober 2015 die fragliche Zahlung erstmals geschildert hat. Durch den aufgedeckten Geldtransfer sah sich der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zum Rücktritt gezwungen, der DFB ordnete eine interne Untersuchung an – und auch in Deutschland nahmen Fahnder die Spur auf. Bei der Bundesanwaltschaft ist das «Sommermärchen» eines von zwei Dutzend Fussball-Strafverfahren, die weltweit Beachtung finden.

Seit 2015 suchen die Ermittler nach einer Erklärung für die Katar-Geisterzahlung. Zeugen stellten sie Hunderte Fragen, selbst der Regisseur der WM-Eröffnungsfeier, der österreichische Künstler André Heller, und der deutsche Ex-Innenminister Otto Schily mussten Red und Antwort stehen. Nur: Schlüsselzeuge Mohamed Bin Hammam redete kein Wort mit den Staatsanwälten.

Des Kaisers Geheimkredit

Und so präsentiert Ankläger Cédric Remund heute eine Erklärung, die schon länger kursiert: Die zehn Millionen waren Schmiergeld. Beckenbauer zahlte, um Bin Hammam günstig zu stimmen. Zu jener Zeit, vier Jahre vor dem Turnier, feilschten die WM-Organisatoren mit der Fifa um eine neunstellige Subvention des Weltverbands. Entscheiden musste die Fifa-Finanzkommission, in der Bin Hammam sass.

Laut Ankläger Remund lautete der informelle Deal am Ende: Zehn Millionen fliessen an Bin Hammam, im Gegenzug segnet die Finanzkommission einen Zuschuss von 250 Millionen Franken ans WM-Komitee ab.

Beckenbauer konnte die zehn Millionen aber nicht einfach aus der privaten Portokasse zahlen, dazu fehlte ihm die Liquidität. Deshalb nahm er bei Robert Louis-Dreyfus, dem früheren Adidas-Chef und einem persönlichen Freund, ein Darlehen auf. Das Problem: Dreyfus wollte irgendwann sein Geld zurück.

Beckenbauer aber dachte nicht daran, die zehn Millionen selbst zu decken. Er übte – immer laut Darstellung von Remund – Druck auf den DFB aus, im Stile von: Helft mir mit dem Geld, oder ich trete als Präsident des Organisationskomitees zurück. Das wiederum war für die Funktionäre unvorstellbar: eine WM ohne den Kaiser!?

Also erfand man einen Grund, eine Zahlung vom DFB an Robert Louis-Dreyfus zu leiten. Mithilfe einer unverdächtigen Zwischenstation: der Fifa. Dort sass Generalsekretär Urs Linsi am Steuer. Hier sieht Remund das arglistig konstruierte Lügengebäude: Theo Zwanziger, Horst Schmidt und Wolfgang Niersbach hätten DFB-intern vorgetäuscht, es sei eine Überweisung an die Fifa für die Eröffnungsgala der WM fällig, konkret für einen millionenteuren LED-Lichterteppich. Dazu gab es Sitzungsunterlagen und einen Beschluss. Nur: Den LED-Teppich gab es nie.

Eine grosse Show, kein Lichterteppich: Die WM-Eröffnungsfeier am 9. Juni 2006 in München. Foto: Keystone

Stattdessen floss das Geld von der Fifa direkt weiter auf ein Konto von Louis-Dreyfus. Damit war die Schuld Franz Beckenbauers aus der Welt.

Ankläger Remund schliesst nicht aus, dass der Hintergrund der Zahlung nach Katar ein anderer gewesen sein könnte. Er nennt nicht weniger als drei weitere Theorien: Der Geldtransfer an Bin Hammam könnte auch eine «finanzielle Gefälligkeit» gewesen sein, weil dieser geholfen hatte, die WM nach Deutschland zu bringen. Oder ein Dankeschön dafür, dass er 2002 bei Sepp Blatters Wiederwahl zum Fifa-Präsidenten Support geleistet hatte. Oder es sei um TV-Marketingrechte in Asien gegangen.

Eine volle Rekonstruktion scheint aussichtslos. Beckenbauers Manager Robert Schwan starb bereits 2002, Robert Louis-Dreyfus 2009. Remund lässt die Frage nach dem Motiv der Zahlung am Ende offen – jedenfalls sei dem DFB ein Schaden entstanden: Aus dessen Kasse waren zehn Millionen abgeflossen, unter falschen Vorzeichen.

Der Fall kann jederzeit platzen

Bevor sich nun aber die Richter in Bellinzona über das Dossier beugen, gibt es noch mindestens drei grössere Fragen zu klären. Erstens können die Beschuldigten verlangen, dass die Bundesanwaltschaft weitere Beweise sammeln muss (was diese wiederum ablehnen kann). Zweitens wehren sich mehrere Beschuldigte gegen den Entscheid, Franz Beckenbauer auszuklammern. Sie zweifeln an dessen schlechtem Gesundheitszustand und fordern ein unabhängiges Gutachten. Immerhin ging es dem Kaiser gut genug, um am 12. Juli an einem nach ihm benannten Golfturnier eine Rede zu halten.

Und drittens sind beim Bundesstrafgericht in Bellinzona Befangenheitsanträge gegen Ermittler Remund hängig. Bundesanwalt Michael Lauber sass mehrfach mit Fifa-Präsident Gianni Infantino zusammen. Damit, argumentieren die Verteidiger, sind alle Fifa-Ermittler der Bundesanwaltschaft befangen. Sollte Remund in den Ausstand treten müssen, liesse sich der Fall kaum mehr vor April 2020 abschliessen. Dann wäre er verjährt. Und die Frage, ob die Ex-Spitze des grössten Sportvereins der Welt ein kriminelles Lügengebäude errichtet hat, bliebe unbeantwortet.

Was die Bundesanwaltschaft augenscheinlich unbedingt vermeiden will.

Erstellt: 26.07.2019, 18:00 Uhr

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Zwanziger blitzt vor Gericht ab

Rund um die «Sommermärchen-Affäre» kommt es immer wieder zu juristischen Scharmützeln. Aktuellstes Beispiel: Das Bundesstrafgericht in Bellinzona hat einen Antrag auf Befangenheit von Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger gegen die zuständigen Ermittler der Bundesanwaltschaft abgewiesen. Zwanziger hatte den Strafverfolgern vorgeworfen, sie seien voreingenommen und «nicht bereit, entlastende Ermittlungen vorzunehmen». Das ganze Verfahren finde auf «spekulativer Basis» statt. Die Richter in Bellinzona schmetterten Zwanzigers Antrag allerdings auf wenigen Seiten ab – er sei zu pauschal und nicht nachvollziehbar begründet. (ms)

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