Seferovic zeigt ein ganz neues Gesicht

Meister und Torschützenkönig in ­Portugal: Der 27-jährige Schweizer vor dem Final Four der Nations League.

Er hat gelernt, sich durchzubeissen: Haris Seferovic.

Er hat gelernt, sich durchzubeissen: Haris Seferovic. Bild: PATRICIA DE MELO MOREIRA/AFP

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Es ist eine Szene aus einem Match, der für Benfica Lissabon eine Pflichtaufgabe ist. Feirense ist der Gegner, einem Verteidiger missrät kurz nach der Pause ein Befreiungsversuch. Der Ball landet in den Füssen von Haris Seferovic, der sofort realisiert, dass Fereinses Goalie zu weit vor seinem Tor steht. Dann setzt er zu einer Aktion an, die so viel über das Selbstverständnis des Schweizers sagt: herrliche Direktabnahme zum 3:1. Benfica siegt 4:1.

Es ist nur eine von vielen Szenen, die Seferovics gute Laune erklären. Der 27-Jährige sitzt an diesem regnerischen Mittwoch entspannt in einem Hotel in Zürich-West, er verbringt drei Tage im Kreis jener Nationalspieler, die sich auf das Final Four der Nations League von nächster Woche in Portugal vorbereiten. In jenem Land also, in dem Seferovic seit 2017 lebt und eben erst Meister geworden ist: Zum 37. Titel von Benfica hat er 23 Treffer beigetragen – keinem anderen in der Liga sind mehr Tore gelungen.

Früher heissblütig, heute ein kühler Torjäger

23 Treffer – das sind so viele wie noch nie zuvor, es sind sogar mehr als doppelt so viele wie in seiner bisher besten Saison (zehn Tore bei Frankfurt 2014/15). Es ist offensichtlich: Seferovic hat sich verändert. Aus dem heissblütigen Stürmertalent von einst ist ein kühler Torjäger geworden.

Dabei verlief die erste Hälfte dieser Saison in Lissabon nicht eben nur problemlos. Seferovic, der im letzten November in der Hierarchie weit nach hinten gerutscht war, pendelte zwischen Bank und Platz. Er weiss selber: «Ich war nicht erster, nicht zweiter, nicht dritter, sondern letzter Stürmer.» Und doch liess er nie Zweifel zu.

Vorteilhaft für ihn war, dass Benfica im Januar den Trainer wechselte. Bruno Lage, ein 43-jähriger Portugiese, schenkte Seferovic Vertrauen. Seine Botschaft an ihn: «Immer weiterrennen, immer weiterkämpfen – dann kommst du automatisch zu deinen Toren.» Der Schweizer weiss heute: «Mit dem neuen Coach kam die Wende, ich bin unter ihm besser geworden.» Und mit einem Lächeln: «Ich brauchte ihn, er brauchte mich.»

Früher haderte Seferovic oft mit Entscheidungen der Schiedsrichter, er regte sich zuweilen auch über Teamkollegen auf und gab sich ­selten Mühe, seinen Unmut zu verstecken. Inzwischen spart er sich die Energie für das Wesentliche auf, für sein Spiel. «Ich bin ruhiger geworden und studiere nicht zu viel über Dinge nach, die ich nicht beeinflussen kann.»

Seferovic ist ein Vulkan, der irgendwann einmal ausbricht

Gelson Fernandes, einer der langjährigen Wegbegleiter im Nationalteam, beschreibt Seferovic als «Vulkan». Er sei eigentlich introvertiert, fresse vieles in sich hinein, «und irgendwann kommt es zum Ausbruch». Eine solche Unbeherrschtheit leistete er sich vor drei Jahren, als er kurz vor der EM im Test gegen Belgien die Rote Karte sah, weil er den Schiedsrichter beleidigt hatte. Oder als er im November 2017 im Barrage-Rückspiel gegen Nordirland bei seiner Auswechslung von eigenen Fans ausgepfiffen wurde. Er liess sich von Emotionen leiten und zu einer abschätzigen Geste hinreissen.

Reaktionen wie diese sollen der Vergangenheit angehören. Neu an Seferovic ist auch, dass er gelernt hat, sich durchzubeissen. In früheren Jahren wechselte er in hohem Tempo immer wieder den Club. Nun drängte er im Winter nicht auf einen Weggang von Benfica, obwohl es im Herbst Schwierigkeiten gegeben hatte. Davonlaufen, das war für ihn keine Option, nein: Er wollte es allen zeigen. Ganz im Sinne seiner Frau, die einst auf Instagram in deftiger Sprache schrieb: «Den Ahnungslosen das Maul stopfen.»

Auf beeindruckende Weise ist Seferovic genau das gelungen. In seinen Worten: «Viele haben mich abgeschrieben, aber ich habe nie aufgegeben und gezeigt, was ich kann.» 19 seiner 23 Liga-Treffer für Benfica gelangen ihm allein in diesem Kalenderjahr. Nur Barcelonas Lionel Messi traf 2019 häufiger in der Meisterschaft (21). Auch mit der Nationalmannschaft lief es dem Linksfuss zuletzt ausgezeichnet. Mit drei Toren glänzte er in der Nations League beim grossen 5:2 gegen Belgien – und statt Pfiffen gab es Ovationen, als er ausgewechselt wurde.

Einen gewichtigen Anteil am Aufschwung habe seine Frau Amina: «Wir führen ein schönes, geordnetes Leben zusammen.» Auch für Gelson Fernandes ist offensichtlich, warum Seferovic die Emotionen nun besser im Griff habe: «Seine Frau tut ihm gut. Man sieht, dass er privat glücklich ist.» Emotionen zeigt der Schweizer nur noch nach Torerfolgen – oder wenn er strahlend von einer neuen Rolle redet: Im September wird er das erste Mal Vater: «Ganz realisieren kann ich es wohl erst, wenn das Kind da ist. Aber schon die Vorfreude ist ein wunderbares Gefühl.»

Er spürt die Wertschätzung: «Die Leute mögen mich»

Bis 2022 ist Seferovic vertraglich an Benfica gebunden. Und er erweckt den Eindruck, als habe er mit dem portugiesischen Rekordmeister einen Glückstreffer gelandet. «Angebote anderer Clubs wird es sicher geben, das gehört zu diesem Business», sagt er, «aber ich würde gerne bei Benfica bleiben, weil ich alles habe, was ich brauche.» Dazu gehört auch die Wertschätzung des Publikums: «Die Leute mögen mich.»

Nun geht die Saison in die Verlängerung, aber immerhin findet sie dort statt, wo er sich inzwischen auch heimisch fühlt: in Portugal. Mit dem Nationalteam wird er am Mittwoch in Porto im Halbfinal des Final Four auf Gastgeber Portugal treffen. Antreten wird er mit dem Selbstvertrauen, mit dem er prächtige Treffer erzielt hat wie im April gegen Feirense. Wie sagt er doch: «Ich erziele meine Tore. Und brauche nicht viele Chancen dafür.»



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Erstellt: 03.06.2019, 17:10 Uhr

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