«Seien Sie nicht so romantisch!»

Stünde der Fussball ohne Kommerzialisierung besser da? «Nein!», sagt Ökonomieprofessor Stefan Szymanski. Für die Fans ist sie Segen und Fluch zugleich.

Die teuersten Spieler der Welt, Cristiano Ronaldo (links) und Lionel Messi: Ohne Kommerzialisierung wären sie niemals so reich geworden.

Die teuersten Spieler der Welt, Cristiano Ronaldo (links) und Lionel Messi: Ohne Kommerzialisierung wären sie niemals so reich geworden. Bild: Keystone

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Schauen Sie noch gern Fussball?
Definitiv. Weshalb fragen Sie?

Weil Ihre Studien zeigen, dass die Resultate im Fussball immer vorhersehbarer werden.
Das stimmt. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine reichere Mannschaft am Ende einer Saison gewinnt, ist heute höher als früher.

Schadet dies der Attraktivität des Fussballs?
Hier muss man differenzieren. Über eine ganze Saison mag die Vorhersehbarkeit zugenommen haben, in einem einzelnen Spiel ist der Ausgang aber beinahe genauso unvorhersehbar wie vor 20 Jahren. Zudem können Sie nicht abstreiten, dass der Fussball heute so populär ist wie noch nie. Die Antwort muss also nein lauten.

Das zeigen die Niederlagen der englischen Clubs in der Champions League. Trotzdem werden mächtige Vereine immer dominanter.
Auch das stimmt, doch das war schon immer so. Dominanz ist ein Muster, das in fast jeder Liga zu erkennen ist. Real Madrid oder Bayern München dominieren seit 60 Jahren. Selbst auf den Faröern gewann Havnar Bóltfelag 17-mal den Meistertitel in den vergangenen 50 Jahren. Ich vergleiche diese Clubs deshalb gern mit Cola oder Pepsi, sie haben eine Marke geschaffen, die ihnen eine gewisse Konstanz garantiert. Sie profitieren von der Kommerzialisierung und können sich von der Konkurrenz abheben.

Wie stehen Sie zu dieser Kommerzialisierung?
Ich als Ökonom kann mir kein anderes Konzept vorstellen, dank dem der Fussball heute populärer wäre.

Wirklich?
Stellen Sie sich folgende Frage: Gäbe es mehr, gleich viele oder weniger Fussballfans, wenn der Sport weniger kommerzialisiert, weniger in neue Märkte gegangen wäre, weniger im Fernsehen übertragen würde?

Aber das Spiel verliert mit immer mehr Geld an Reinheit.
Vielleicht. Ein anderes Beispiel: Macht McDonald’s gutes Essen? Nicht wirklich. Verbietet man McDonald’s, würden Leute womöglich weniger und besser ­essen. Aber so funktioniert die Wirtschaft nicht.

Soll man denn zwischen ­Kommerzialisierung und Reinheit des Spiels abwägen?
Das ist eine Frage der Ethik. Im Allgemeinen bin ich aber überaus skeptisch ­gegenüber Visionen im Fussball. Will mir jemand sagen, wie er Fussball besser ­machen kann, werde ich misstrauisch.

Weshalb?
Fussball ist immer noch ein Spiel. Die Zeit sollte für wichtigere Dinge verwendet werden.

Sie sagen: Es ist gut, wie es ist.
Jetzt versuchen Sie mich in eine ethische Ecke zu drängen. Ich sage lediglich, es ist schwierig, hier eine objektive Aussage zu machen. Und: Falls es Probleme im Fussball gäbe, ist nicht die Popularität der Grund dafür – denn die war nie höher als heute.

Populär ist auch die Champions League, die stark vermarktet wird. Die Unterschiede zwischen gross und klein nehmen dadurch zu.
Wir haben traditionelle nationale Ligen, in denen es kleine Vereine und grosse Clubs mit grossen Stars gibt. Letztere ­haben aber den finanziellen Anreiz, möglichst oft gegeneinander zu spielen. Da ist der lukrative TV-Markt, da sind die grossen Sponsoren, da ist das Geld.

Wohin führt das?
Im schlimmsten Fall zum Zerfall des ­europäischen Fussballs, die grossen ­Vereine klinken sich aus ihren Ligen aus. Das muss nicht passieren, aber wir ­bewegen uns seit 20 Jahren darauf zu. Noch hält der Leim zwischen den kleinen und grossen Vereinen.

Und der Leim ist das Geld? Die Grossen brauchen die Kleinen und umgekehrt.
Ich würde eher sagen, der Leim ist die Tradition, und das Geld ist das, was die beiden auseinandertreibt. Die Traditionen sind bedroht.

Ist das gut oder schlecht?
Das ist für mich nicht relevant. Doch die grossen Clubs werden Wege finden, mehr gegeneinander zu spielen. Die Frage ist, unter welcher Organisationsform dies passieren wird – etwa indem sie mehr internationale Spiele austragen oder gar eine eigene Liga gründen.

Was sollen die Fans des FC Sevilla denken, wenn der FC Barcelona plötzlich nicht mehr in der ­heimischen Liga spielen will?
Seien Sie pragmatisch. Sevilla hat sicherlich nette Fans, auch Barcelona hat nette Fans, doch der Punkt ist vielmehr: Auch hier spielen die Grössenverhältnisse. Der Einfluss der grossen Vereine ist bedeutend grösser als jener der kleinen. Die Grossen werden bestimmen. Die Fans werden es ertragen müssen.

Sie sagten einmal, Fussball-Kapitalismus funktioniere hervorragend.
Das kompetitive System hat es dem Fussball erlaubt, zur weltweit populärsten Sportart zu werden. Das muss keine gute Sache sein, es ist aber ein Fakt.

Es gibt ein Sprichwort, das besagt, Kapitalismus ohne Bankrotte sei wie das Christentum ohne Hölle.
Das ist im Fussball nicht anders, die Zahl der Bankrotte ist enorm. Der Unterschied zwischen dem normalen Kapitalismus und jenem im Fussball ist, dass in der Firmenwelt das Unternehmen beim Konkurs seine Güter verkauft und dann liquidiert wird – es verschwindet. Im Fussball führt der Bankrott aber nicht zum Tod des Vereins. Er wechselt das Management, steigt vielleicht ab, doch der Club überlebt.

Weshalb?
Seit 1970 gab es Gesetzesrevisionen, die insolvente Unternehmen vor den Forderungen der Gläubiger schützen – denken Sie an Schuldenerlasse. Meine Studien zeigen, dass die Fussballclubs diese Änderungen in der Vergangenheit mitunter am erfolgreichsten angewendet haben – sie überleben fast immer.

Warum scheitern sie überhaupt?
Es gibt ein beliebtes Narrativ von Journalisten. Clubs gehen bankrott wegen schlechten Managements, wegen falscher Entscheide, wegen zu hoher Ausgaben. Dieses Narrativ ist aber sehr fadenscheinig. Im Nachhinein zu sagen, «haa, das war ein dummer Fehler», ist einfach. Die Frage ist, können Sie zum besagten Zeitpunkt sagen, das ist ein Fehler? Nein. Jede Entscheidung hat etwas von einem Gamble. Denken Sie an den 19-jährigen Martial, den Manchester United für 50 Millionen Euro holte. Da dachten auch alle, das ist falsch, das ist dumm, der ist zu teuer. Nun hat Martial bereits mehrere Tore geschossen.

Manchester United kann sich einen solchen Transfer leisten, nicht aber Crystal Palace oder der FC Wil.
Damit sind wir bei einem Grundproblem des europäischen Fussballs angelangt. Die Möglichkeit des Auf- und Abstiegs fördert diese Ungleichheit schlechthin. Im amerikanischen Sport mit den geschlossenen Ligen gibt es zum Beispiel weniger Konkurse, weil es kaum eine Bestrafung für sportliches Versagen gibt. In Europa zerstört ein Abstieg den Club. Sie müssen also dagegen ankämpfen und investieren. Sie sind zwangsläufig in einer unmöglichen Situation.

Clubs können sagen: Wir machen das nicht.
Es mag Ausnahmen geben, doch das ­System funktioniert anders, sie müssen investieren. Die Konsequenz des ­Versagens im Fussball ist die finanzielle Katastrophe.

Nun hat die Uefa das Financial- Fairplay-Modell (FFP) entworfen, um dem entgegenzutreten.
Nur löst es nicht die reellen Probleme. Erstens schränkt das FFP vorwiegend die grossen Clubs ein. Doch die Bankrotte, die passieren bei den kleinen Clubs. Zweitens verringert es den Wettbewerb. Kleine Vereine können kaum mehr durch externe Einflüsse, also ­Mäzene, wachsen und damit immer weniger die grossen fordern. Drittens beeinflusst es den Spielermarkt: Es ­limitiert die Löhne, ja den Arbeitsmarkt als solchen. Das ist ökonomisch gesehen äusserst fragwürdig, der Wettbewerb wird eingeschränkt. Das FFP ist eine Fehlkonstruktion – nicht umsonst hat es die Uefa ­diesen Sommer gelockert.

Sprechen wir über die Geldgeber. Was passiert, wenn etwa Abramowitsch Chelsea verlässt oder die türkischen Investoren Wil verlassen?
Warum soll dies relevant sein?

Die Clubs haben keine Exitstrategie. Sie sitzen auf Hunderten von Millionen von Schulden und können sie nicht bezahlen.
Warum soll das schlimm sein? Stellen wir uns vor, Abramowitsch verlässt Chelsea und will seine gegebenen Millionen zurück. Die Chelsea-Leute sagen: «Haa, wie du siehst, die haben wir nicht.» Es gibt eine Nachlassstundung, die Schulden werden abgeschrieben, der Club steigt womöglich ab, doch er überlebt.

Für den Fan furchtbar.
Seien Sie nicht so romantisch. So funktioniert das Geschäft. Ein grosser Club wird nie verschwinden. Das mag bei kleineren Clubs anders sein, doch auch sie überleben meist, auch in der Schweiz. Denken Sie an Neuchâtel Xamax oder Servette. Sie haben schlecht gegambelt, doch es gibt sie ­immer noch.

Wo erleben denn Sie Fussball­romantik?
Nun, ich bin Ökonom (lacht). Das können andere tun.

Erstellt: 11.04.2016, 16:25 Uhr

Der britische Professor lehrt an der University of Michigan und forscht im Bereich Fussball. Er hat mehrere Bücher geschrieben, u. a. den Best­seller «Soccernomics».

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