Seoane – der akribische Trainer mit Experimentierlust

Es ist angerichtet, Spitzenspiel YB – FCB. Gerardo Seoane hat als Trainer noch keine Krise erlebt – auch deshalb ist er im Sommer bei Meister YB geblieben.

Trainer Gerardo Seoane ist keiner, der jammert. (Bild: AP)

Trainer Gerardo Seoane ist keiner, der jammert. (Bild: AP)

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Am Ende hält Gerardo ­Seoane noch einen kulinarischen Tipp für den Trip nach Porto bereit. «Probiert unbedingt den Fisch in Salzkruste in einem schönen Restaurant unten am Douro», sagt der YB-Trainer am Dienstag zu den Journalisten, mit denen er sich über den Europa-League-Auftakt der Young Boys unterhalten hat.

Seoane stand als junger Spieler vier Jahre bei Deportivo La ­Coruña unter Vertrag. Gespielt hat er in der ersten Mannschaft zwar nie, aber der gebürtige Spanier kennt die ­Gegend bestens. La Coruña liegt drei Stunden von Porto entfernt. Er war ein feiner Fussballer, holte jedoch zu wenig aus seinem Talent heraus, weil er vielleicht nicht immer mit allerletzter Ernsthaftigkeit unterwegs war. Das Fussball­magazin «Zwölf» schrieb einmal, in Seoanes Akte bei Deportivo sei die Beschreibung «Nachtschwärmer» vermerkt gewesen sein. Er sei damals ein Lebemann gewesen, der keine Party ausgelassen habe.

«Das ist ein Lernprozess»

Das ist lange her. Als Trainer geht Seoane akribisch vor. Sieben Jahre lernte er im Nachwuchs des FC Luzern das Handwerk, er hatte reichlich Zeit, um allerlei Dinge auszuprobieren. In der Menschenführung. Im Trainingsbetrieb. Bei der Ansprache. Und bezüglich Systemlehre. Anfang 2018 übernahm Seoane das Super-League-Team Luzerns, ein halbes Jahr später ging er zu YB, heute ist er Meistertrainer – und im Nebenamt auch mal Fremdenführer für Medienvertreter.

Und mit seiner Experimentierlust hat der 40-Jährige einfach ­immer weitergemacht.

Zwei Tage nach der Fisch­empfehlung Seoanes verlieren die Young Boys beim FC Porto 1:2. Sie sind vor der Pause schwach, danach verbessert, es ist eine ehrenvolle Niederlage gegen den portugiesischen Spitzenclub. Der grosse ­Gegner hat den YB-Trainer nicht davon abgehalten, ein paar Dinge zu testen. Er stellt sein Team im 3-4-3-System auf, beordert Abwehrchef Fabian Lustenberger ins Mittelfeld und die jungen Nicolas Bürgy und Cédric Zesiger in die Verteidigung. YB und insbesondere der fehlerhafte Bürgy finden nur schwer in die Begegnung, am Ende des Abends sagt Seoane: «Das ist ein Lernprozess. Die jungen Spieler profitieren von solchen Erlebnissen.» Er verlangt Flexibilität und lebt diese vor. «Man muss die ­Spieler beschäftigen, damit sie sich intensiv mit ihrem Job befassen.»

Seoane sei ein Fussballlehrer, der die Spieler besser mache, findet YB-Sportchef Christoph Spycher: «Er ist ein moderner, mutiger Trainer, der perfekt zu unserer Philosophie passt, auf entwicklungsfähige Fussballer zu setzen.»

Als Nachfolger von Adi Hütter, der YB zum ersten Meistertitel seit 1987 geführt hatte, trat Seoane 2018 ein schwieriges Erbe an. Er benötigte nicht lange, um die Menschen im Stade de Suisse zu überzeugen. Auffällig ist seine bemerkenswerte Ruhe. Selbst rund um die Champions-League-Auftritte gegen Juventus, Manchester United und Valencia blieb Seoane souverän und locker, als seien das Testspiele im Wintertrainingslager.

Mehrere Bundesligisten beschäftigten sich mit Seoane

Nach seinem Wechsel zu YB riefen Seoane in Luzern einige Leute hinterher, er sei einer, der immer dorthin gehe, wo es mehr zu verdienen gebe. So mag möglicherweise der Fussballer Seoane gewesen sein. Der Trainer Seoane hat seine Lektion ­gelernt. Einige Bundesligisten beschäftigten sich im Frühling mit ihm, bei der Hertha in Berlin hätte er unterschreiben können. Seoane blieb bei den Young Boys, weil seine Arbeit nicht beendet sei. Und: Weil es für ihn beim FCL und bei YB stets aufwärts ging. Die erste Krise im hektischen Berlin zu erleben, das wäre unangenehm gewesen.

Das 1:2 in Porto vor drei Tagen bedeutete die erste YB-Niederlage im elften Pflichtspiel. Den Kaderumbau im Sommer hat YB geschickt moderiert, die halbe Stammelf der Meisterjahre ist nicht mehr da, und aktuell fehlt die ­halbe Stammelf verletzt.

Seoane ist keiner, der jammert, er nimmt die Verletztenserie zum Anlass, halt noch ein bisschen mehr zu pröbeln. Er bildet sich ständig weiter, unter anderem hört er auf der Autofahrt von seinem Wohnort in der Innerschweiz nach Bern gerne spanische Podcasts, er beherrscht mehrere Sprachen perfekt. Seine Karriere wird bestimmt nicht im Stade de Suisse zu Ende gehen.

Vorerst aber geht es für ­Gerardo Seoane heute im Gipfeltreffen gegen Basel darum, die erste Mini-Ergebniskrise mit YB abzuwenden. Er hinterlässt trotz Personalsorgen und Programmstress nicht den Eindruck, beunruhigt zu sein. Womöglich wünscht er sich insgeheim sogar komplizierte Zeiten – damit er ausprobieren kann, wie man sich in so einer Krise verhält.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 22.09.2019, 08:44 Uhr

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