Sepp Blatter schwitzt im Uni-Kreuzverhör

Der ehemalige Fifa-Präsident versucht vor Studenten in Basel, sein Image zu retten. Es ist nicht immer einfach, ihm dabei zuzuschauen.

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Ein paar Trillerpfeifen hatte Sepp ­Blatter mehr oder weniger stoisch über sich ergehen lassen, ein marxistisches Manifest auch. Aber der Angriff, der wirklich schmerzte, kam erst ganz am Ende der Veranstaltung. Mit einem Wisch schob Luis Moreno Ocampo all die Erklärungen beiseite, die der ehemalige Präsident des Weltfussballverbandes Fifa ­zuvor hervorgebracht hatte.

Da war noch alles in Ordnung: Sepp Blatter grüsst das Publikum, als er und der ehemalige Fifa-Reformer Mark Pieth vor der Veranstaltung im Hörsaal ankommen. (Foto: Reuters; 15. April 2016)

«Ja, Sepp Blatter hat nichts zu tun gehabt mit der Korruption in Südamerika. Er hatte nichts damit zu tun, dass sich sein Generalsekretär bereicherte», hob der ehemalige Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs an, «aber er muss es gewusst haben. Er ist doch ein intelligenter Mann. Trotzdem ist er still geblieben. Und still zu bleiben, ist kein Rezept gegen Korruption.»

Diese Ohrfeige zum Abschluss traf Blatter sichtlich. Schliesslich war er nach Basel gereist, weil er die Gelegenheit sah, sich zu verteidigen gegen all die Anschuldigungen, mit denen er konfrontiert wird. «Es war eine Frechheit, was Herr Ocampo da gesagt hat», meinte Blatter später in einer Medienrunde. Hat er also tatsächlich nichts gewusst von all der Korruption in seinem engsten Umfeld im Machtzentrum des Weltfussballs? «Ich bin nicht der moralische Hüter dieser Männer.»

«Das sind alles Amerikaner!»

Damit war Blatter wieder bei seiner Verteidigungsstrategie, die er schon zuvor während zwei Stunden in einer Art Kreuzverhör angewandt hatte. Unter Ocampos Anleitung hatte eine Studiengruppe der juristischen Fakultät der Uni Basel zuvor eine Woche lang Strategien für eine reformierte Fifa erarbeitet. Nun musste Blatter sozusagen als Studienobjekt herhalten.

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Neue Antworten vom einst mächtigsten Mann im Weltfussball durften nicht erwartet werden. Blatter hat sich seine Sicht der Dinge zurecht gelegt. Er als Präsident hatte gar nicht so viele Befugnisse, wie alle Aussenstehenden denken. Die korrupten Funktionäre wurden nicht von ihm eingesetzt, sondern von den Kontinentalverbänden. Darum kann er auch nicht für ihre Taten verantwortlich sein.

Das alles kulminierte in der Aussage zu den Verdächtigten, die von US-amerikanischen Behörden verhaftet wurden: «Das sind alles Nord- oder Südamerikaner! Und was ihnen vorgeworfen wird, hat nichts mit der Fifa zu tun.»

«Der DFB ... Also bitte!»

Obwohl Blatter sich selbst immer als Motor der Reformen innerhalb der Fifa präsentiert, scheint er noch immer nicht begriffen zu haben, dass offene Information ein Teil dieser Reformen ist. An den merkwürdigen Zahlungen, die im Rahmen der WM 2006 vom Deutschen Fussballbund DFB an die Fifa und irgendwie wieder zurück geflossen sind, scheint Blatter vor allem etwas zu stören: Dass sie nun öffentlich sind. «Der DFB ... Er rühmt sich, die grösste Sportorganisation der Welt zu sein. Und schafft es nicht einmal, seine Probleme intern zu behandeln. Also bitte!»

Mauern gegen Kritik: Sepp Blatter war auch in Basel im Verteidigungsmodus. (Foto: Reuters; 15. April 2016)

Wenn es auch keine Neuigkeiten gab an diesem Abend in Basel, so gewährte Blatters Auftritt doch Einblicke. Da war ein 80-jähriger Mann, der mit all seinem noch immer vorhandenen Charme und all seiner rhetorischen Finesse sein ­eigenes Bild in der Öffentlichkeit zu retten versucht.

Ihm dabei zuzuschauen, ist nicht immer einfach. Die Meinungen über sein Wirken, ob positiv oder negativ, sind gemacht. Um so krampfhafter wirkt der Versuch, sein Image noch aufzupolieren. Vielleicht ist es an der Zeit, Blatter mit all seinen Geschichten und Rechtfertigungen einfach mal ruhen zu lassen.

Wählt Infantino einen Freund?

Oder doch nicht? «Blatter ist die Vergangenheit der Fifa», sagte Ocampo, «doch wir müssen die Vergangenheit verstehen, um die Zukunft zu gestalten.» Und um die ging es der Studiengruppe eigentlich. Sie hat als wichtigsten Punkt der nahen Zukunft die Wahl des neuen Fifa-Generalsekretärs ausgemacht, der neu viel mehr Macht hat und eine Art CEO des Weltfussballs wird.

«Nimmt Fifa-Präsident Ifantino einfach einen Freund, oder wählt er nach professionellen Merkmalen? Das ist die entscheidende Frage», stellte Ocampo fest.

Wichtig ist auch, was nicht getan wurde

Auch wenn sie wohl keine Freunde mehr werden: So uneins waren sich der argentinische Top-Jurist und der Ex-Präsident gar nicht in der Beurteilung der Ära Blatter. Ob er etwas bereue, was er während seiner Amtszeit getan habe, wurde Blatter gefragt. «Nichts, was ich getan habe», lautete die Antwort, «aber etwas, das ich nicht getan habe: Dass ich nicht noch mehr versucht habe, um die Fifa wieder auf den rechten Weg zu bringen.»

Und da fanden sich Luis Moreno Campo und Sepp Blatter wieder: Das Problem von Blatters Regentschaft in der Fifa, das waren Unterlassungen.

Erstellt: 15.04.2016, 22:32 Uhr

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