Shaqiri in der Zwickmühle

Obwohl er in Irland fehlte, ist Xherdan Shaqiri bei der Schweiz ein besonderes Thema – Granit Xhaka zwingt seinen Teamkollegen mit einer Äusserung dazu, sich im Nationalteam zu erklären.

Zwei Männer, aber nur ein Captain-Bändeli: Shaqiri und Xhaka. Foto: Toto Marti (Blick/Freshfocus)

Zwei Männer, aber nur ein Captain-Bändeli: Shaqiri und Xhaka. Foto: Toto Marti (Blick/Freshfocus)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die letzte Frage ist leicht hin­geworfen. Bis dahin hat Granit Xhaka vieles beantwortet: Fragen zur Qualität der Leistung in diesem EM-Qualifikationsspiel in Irland; zur Tat­sache, dass das 1:1 schon ­wieder zwei verlorene Punkte bedeutet; zu seiner Rolle bei Arsenal und der Kritik an ihm, weil er letzten Sonntag einen Elfmeter verschuldete. Selbst die sehr belanglose Frage, ob das Kind, das er mit seiner Frau erwarte, eine Junge oder ein Mädchen werde, ist in der Mixed Zone gestellt worden.

«Hat die Entscheidung, dass Sie Captain sind, einen Einfluss gehabt für Xherdan Shaqiri?», will ein Journalist schliesslich noch wissen. Einen Einfluss eben für Shaqiri, diese Woche nicht zu den Spielen in Irland und gegen Gibraltar anzureisen. Und ein Nachsatz, der erklären soll, aber nicht belegt ist: «Er ist enttäuscht, weil er älter ist als Sie, weil er mehr Länderspiele hat als Sie.»

Xhaka ist es gewohnt, Captain zu sein, er hat die Qualitäten eines Leaders, auf und neben dem Platz. In Mönchengladbach wurde er mit 23 dazu befördert, er, der Schweizer in der Bundesliga. In dieser Rolle ist Xhaka jetzt auch bei Arsenal, immerhin einer Grösse in der Premier League. Und im ­Nationalteam ist er es, solange Stephan Lichtsteiner von Vladimir Petkovic nicht ­aufgeboten wird.

Bildstrecke: Wer ist der richtige Captain?

Shaqiri ist in der Schweizer Hackordnung zwar weit vorne, aber nicht so weit, wie er das auch schon angemahnt hat– gerade nach der letzten WM in Russland und dem Rücktritt von Valon Behrami. Neben Lichtsteiner und Xhaka steht auch Sommer vor ihm. Was das heute mit ihm macht, ist Interpretation und Spekulation, solange er selbst nicht gewillt ist zu reden.

Eine Theorie ist, dass er kein Problem damit hat, hinter dem altgedienten Haudegen und dem wohlüberlegten Goalie zurückzustehen. Die beiden haben andere Wurzeln als er. Das Problem für Shaqiri könnte vielmehr sein, dass er nicht an Xhaka vorbeikommt. Dabei spielt das Denken eine Rolle, das auf dem Balkan, der Heimat der früheren Basler Spieler, vorherrscht und prägend ist. Es geht um die Hierarchie, um das Alter, das dabei eine wesent­liche Rolle spielt.

Xhaka wird Ende dieses Monats 27, Shaqiri aber im Oktober 28. Aus seiner Sicht erhebt ihn das über Xhaka. Er hat auch mehr Länderspiele bestritten, 82 gegenüber 77. Das möchte er abgebildet haben, und das hat er intern eben schon deutlich eingefordert. Seine Wortmeldung ist folgenlos verhallt.

«Das Wichtigste ist, dass Xherdan mit einem Lachen zurückkommt.»Vladimir Petkovic

«Wenn das wegen des Captain-Bändeli wirklich das Problem ist», beginnt Xhaka die letzte Frage an diesem späten Donnerstagabend zu beantworten, «dann können wir gerne an einen Tisch sitzen, er und ich. Wir sind erwachsen genug, um darüber zu reden.» Xhaka jedenfalls ist erwachsen genug, um seit langem mit einer Führungsrolle betraut zu sein. Shaqiri dagegen ist bislang nie als Leader aufgefallen. Bei Bayern München war er eine kleinere Nummer, in Liverpool ist er das seit gut einem Jahr ebenso.

«Wenn das das Problem ist», fährt Granit Xhaka weiter, «kann er das Captain-Bändeli gerne haben. Gar kein Problem. Für mich spielt das gar keine Rolle.»

Es ist zwar nicht an Xhaka, das zu entscheiden. Noch immer ist Petkovic der Chef, der das bestimmt. Und noch immer ist Lichtsteiner der eigentliche Captain. Aber Xhaka ist es mit seiner Antwort gelungen, Shaqiri in die Zwickmühle zu bringen.

Am vergangenen Montag hat Petkovic das Fehlen Shaqiris noch mit einer Leere des Spielers erklärt, mit fehlender Motivation. Er hat mentale Probleme des Spielers in den Raum gestellt, ohne sie näher zu erklären. Dessen Wunsch nach einer Auszeit vom Nationalteam hat er verstanden und akzeptiert. Der Coach stellt keine Ultimaten, er sagt nicht, Shaqiri müsse künftig dieses oder jenes tun. Er hat nur die Hoffnung formuliert: «Das Wichtigste ist, dass Xherdan mit einem Lachen zurückkommt.»

«Wenn sich Shaqiri wieder zum Dienst für die Nationalmannschaft bereit meldet, hat er einige Fragen zu beantworten.»

Am Donnerstag nach dem Spiel in Irland redet Petkovic von Haris Seferovic und bedankt sich bei ihm dafür, dass er zur Mannschaft gekommen sei, obwohl seine Frau jede Stunde ein Kind erwarte. «Ich will ­Danke sagen für das, was er für die Schweiz gemacht hat», sagt Petkovic. Wer will, kann das leicht auch als Botschaft nach Liverpool verstehen.

Wenn sich Shaqiri wieder zum Dienst für die Nationalmannschaft bereit meldet, hat er einige Fragen zu beantworten. Ist er nur frustriert, weil es für ihn in Liverpool nicht wunschgemäss weitergeht und er da weit hinten anstehen muss? Weil er sich gerade nicht fit genug fühlt für das Nationalteam? Oder hat er auf einmal keine Lust auf die Schweiz gehabt, weil er das Bändeli nicht tragen darf? Es wäre eine eigentümliche Erklärung. Es wäre wirklich ein Zeichen von verletztem Stolz. Jedenfalls hat Xhaka ihn mit seiner Äusserung von Dublin dazu gezwungen, klar Stellung zu beziehen.

Im Oktober finden in Dänemark und gegen Irland die nächsten Qualifikationsspiele statt. Dass die Schweiz Shaqiri gebrauchen kann, hat das 1:1 in Irland eindrücklich belegt – zumindest den Shaqiri seiner besten, seiner lustvollen Tage, so wie im vergangenen November beim überragenden 5:2 gegen Belgien. Ohne diesen Shaqiri fehlt das Extra, das den Unterschied ausmachen kann. Manchmal ist es eben so, dass einer dann am wertvollsten ist, wenn er fehlt.

Mbabu, der Überschwängliche

Das Gleiche gilt für Stephan Lichtsteiner. An der Stelle des 35-Jährigen durfte am Donnerstag Kevin Mbabu auf der rechten Seite verteidigen, Mbabu ist ein manchmal überschwäng­licher junger Mann, der gerne den Vorwärtsgang wählt und das Taktische vergisst. Das war gegen Dänemark so, als er trotz der aufkommenden Hektik in den Schlussminuten lieber stürmen wollte, als das Spiel zu beruhigen, und prompt die Mannschaft wieder unter Druck brachte.

So war es auch diesmal, als er auf unbedarfte Art den Ball verlor und so am Ursprung des späten Ausgleichs stand. Dass dabei ein strafbares Offside vorlag, ändert nichts an seiner Naivität, die in der Super League noch zu verkraften war, aber international bestraft wird. Sein Glück ist, dass der Gegner morgen Gibraltar heisst, der hat bei allem ­Respekt eher nur Challenge-League-Niveau.

In einer ruhigen Minute wird sich auch Petkovic eingestehen müssen, dass er den alten Mann von der Seitenlinie noch immer gut gebrauchen kann. Nicht wegen des Bändeli. Sondern wegen seiner Erfahrung und der Vorbildwirkung.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 06.09.2019, 22:33 Uhr

Artikel zum Thema

Xhaka: «Shaqiri kann das Captain-Bändeli haben, wenn er will»

Granit Xhaka bietet seinen Rücktritt als Captain an, wenn er so Xherdan Shaqiri zurück ins Nationalteam holen kann. Mehr...

Unmöglich, dass Shaqiri jetzt noch Captain wird

Kommentar Mit seinem Angebot, Xherdan Shaqiri das Captain-Bändeli abzugeben, erreicht Granit Xhaka genau das Gegenteil. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Hochwasseralarm: Touristen im Gänsemarsch auf einem Laufweg auf dem Markusplatz in Venedig. (13. November 2019)
(Bild: Stefano Mazzola/Getty Images) Mehr...