Shaqiri und seine mentalen Probleme

Der Verband kommuniziert im Fall des Schlüsselspielers erneut schwach. Shaqiri fühlt sich offenbar nicht bereit, für die Schweiz zu spielen.

Das Nationalteam versammelt sich vor dem Irland-Spiel. Video: SDA

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Pierluigi Tami sagt es nicht gleich so, dafür ist er zu ­zurückhaltend. Aber er meint es so: Was reden wir hier eine halbe Stunde über einen ­Spieler, der gar nicht da ist! Wieso reden wir nicht über diese Spiele, die jetzt anstehen, über Irland, über Gibraltar?

Tami ist seit dem 1. Juli der neue Direktor des Nationalteams. Im Hotel am Fuss des Uetlibergs hat er seit der ­Ernennung zum Chef von Vladimir Petkovic seinen ersten Auftritt. Er sagt, er wolle seine Analyse zur Mannschaft erst Ende Jahr präsentieren. Sein Statement ist dürr. Danach geht es um den, der nicht da ist: um Xherdan Shaqiri, um einen Spieler, der offenbar eine Leere spürt, die ihn daran hindert, jetzt in der Schweiz zu sein.

23 Spieler sind nach Zürich gekommen, um sich auf die beiden Spiele zur EM-Qualifikation in dieser Woche vorzubereiten. Aber sie interessieren an diesem Montagnachmittag überhaupt nicht. Shaqiri interessiert, er vor allem, und ein wenig auch noch Stephan Lichtsteiner, weil er als Captain wie schon im Juni beim Finalturnier der Nations League keine Berücksichtigung bei Petkovic fand. Lichtsteiner, erklärt der Coach, sei wegen der ­fehlenden Vorbereitung im Sommer körperlich nicht in der nötigen Verfassung. Das will er ihm schon vor zwei Wochen gesagt haben.

Petkovic verblüfft, als er bestätigt, dass das Verhältnis zwischen ihm und Shaqiri viel besser sein könne.

Am Freitag hat Petkovic sein Aufgebot bekannt gegeben, und seither hat es viel Kritik gegeben: an ihm, an Shaqiri. Die Frage, wie gross das Bekenntnis des Spielers zum Nationalteam noch sei, ist thematisiert worden. Ebenso das Verhältnis von Coach und Spieler, das wirklich nicht gleich so ist, als würden sie einander bei einem Wiedersehen freudig um den Hals fallen. «Es hat viel Polemik gegeben», stellt Petkovic fest, der online gerne unterwegs ist. «Als Journalisten haben sie drei Tage Zeit gehabt, um zu spekulieren, Zeitungen zu verkaufen, und online … Schauen Sie, wie viel Mal jemand so gemacht hat.» Er meint, wie oft jemand einen Text zu Shaqiri angeklickt hat.

Es geht mal wieder um die Kommunikation

Petkovic mag scherzen. Für die Sache aber ist es nicht gut, dass der Verband über die Gründe zu Shaqiris Abwesenheit die Öffentlichkeit im Ungewissen liess, dass Shaqiri am Freitag, am Samstag, Sonntag, Montag und auch heute noch das vorherrschende Thema ist und nicht gerade dieses besonders wichtige Spiel am Donnerstag in Dublin. Es geht beim SFV wieder einmal um das Thema, das während des letzten WM-Sommers so viele Konflikte aufbrechen liess. Um die Kommunikation. Zu seinen Zeiten als Coach erklärte Ottmar Hitzfeld bei einer Pressekonferenz seine personellen Entscheide. Polemiken liessen sich so vermeiden. Das wäre auch jetzt einfach möglich gewesen.

Petkovic versucht drei Tage verspätet, die Personalie Shaqiri zu erklären. Er sagt auch: «Das Niveau unseres Verhältnisses ist okay. Es kann auch viel besser sein. Wir müssen uns gegenseitig öffnen.» Das Bekenntnis verblüfft, Petkovic ist nicht bekannt für solche Einblicke. Dass Shaqiri also nicht kommt, soll keine kurzfristige Sache, sondern schon fünf Tage vor der Bekanntgabe des Aufgebots beschlossen worden sein. Soll es so sein. Der entsprechende Wunsch kam vom Spieler selbst, «er hat konkrete Probleme», sagt Petkovic. Und hebt schon fast zum Monolog an, dass er Shaqiris Anliegen verstehe und akzeptiere. «Vielleicht kann er jetzt auf andere Gedanken kommen. Vielleicht kann er so die Möglichkeit nutzen, wieder der alte Xherdan zu werden, den wir brauchen und den wir genossen haben. Wir sind für ihn da, wir sind aber auch für alle andern da, um ihnen in kleinen physischen oder ­mentalen Krisen zu helfen.»

Shaqiri setzt seine Situation in
Liverpool mehr zu, als seine öfter
unbeschwerte Art vermuten liesse.

Bei Shaqiri ist es nicht die Physis, er ist fit. Sonst hätte ihm Jürgen Klopp am Samstag beim Spiel von Liverpool in Burnley nicht wenigstens fünf Minuten Auslauf gegeben. Das Mentale muss das Problem sein. Petkovic sagt: «Manchmal spürt man als Fussballer, dass man nichts geben kann. Vielleicht ist man ein bisschen leer, auch von der Motivation her. Dann kann eine Pause helfen. Oder ein Spiel. Oder fünf ­Trainings an einem Tag. Oder man schaut Fernsehen.» ­Shaqiri bevorzugt die Auszeit vom Nationalteam.

Offenbar setzt dem 27-Jährigen die Situation in Liverpool sehr viel mehr zu, als sein öfter unbeschwert-flapsiges Auftreten vermuten liesse. Es geht um das Empfinden, im Club nicht wirklich gebraucht zu werden, in der Hierarchie der Offensivspieler nur die Nummer 6 oder gar 7 zu sein. Dass er finanziell für sein Leben ausgesorgt hat, hilft da nicht weiter. Shaqiri hat das Selbstverständnis, dass er spielen will, immer, überall. 82 Länderspiele tragen dazu bei und all die gewonnenen Titel mit Basel, Bayern München und Liverpool.

Shaqiri reagiert anders als Schär oder Seferovic

Andere Spieler haben schon anders reagiert, wenn sie im Club nicht zum Einsatz kamen. Da begriffen sie ein Aufgebot von Petkovic als Chance, um in einer anderen Umgebung wieder aufzutanken. Fabian Schär ist so ein Beispiel oder Haris Seferovic. Shaqiri ist anders. Denkbar ist, dass er, der gelegentlich auch kapriziöse Individualist, dieses Nationalteam nicht als Wohlfühloase begreift, wie andere das tun. Petkovic sagt: «Es macht keinen Sinn, ihn aufzubieten, wenn er sich nicht darauf konzentrieren kann, Fussball zu spielen. Er braucht diese Pause von zwei Wochen, um gedanklich wieder aufzuladen.»

Petkovic hat Shaqiri ein längeres SMS geschrieben, «mit positiven Gedanken». Denn es geht auch um die Frage, ob er fürchte, dass Shaqiri die Lust auf die Schweiz verlieren könne. «Ich will nicht pessimistisch sein», sagt er, «ich hoffe, er meistert die Situation so, dass das Nationalteam wieder von ihm profitieren kann.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 03.09.2019, 07:31 Uhr

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