So litt Messi in der Nationalmannschaft

Nach jahrelanger Schelte zieht der Fussballstar eine überraschende, aber logische Konsequenz. Eine Hintertür bleibt aber noch offen.

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Es waren für jeden Fussballfan herzzerreissende Bilder, die ihn um 4.54 Uhr (MESZ) aus dem New Yorker Met Life Stadium erreichten. Fassungslos stand er da, Lionel Messi, einer der besten Fussballer in der Geschichte des Sports. Der Superstar vergoss bittere Tränen, es entlud sich ein Druck, der über zehn Jahre immer grösser geworden war. Und in den letzten drei Jahren, mit drei Finalniederlagen in Serie, offensichtlich unerträglich geworden war. Rund eine Stunde danach, frisch geduscht, aber noch immer sichtlich aufgewühlt, schockte er sein Land erneut: «Das wars für mich in der Nationalmannschaft.»

Messi verkündet seinen Rücktritt. Video: Reuters.

Mit 29 Jahren tritt Messi als Captain – und generell als Spieler des Nationalteams – kurz nach seiner vierten Finalniederlage zurück. Er tut dies auch als Rekordtorschütze seines Landes, nachdem er im Halbfinal mit einem magistralen Freistoss seinen 55. Treffer im Trikot der Albiceleste erzielt und Gabriel «Batigol» Batistuta als Rekordhalter abgelöst hat. Er führte sein Land 2014 nahezu im Alleingang in den WM-Final und in den beiden letzten Jahren ins Endspiel der Copa América. Einmal verloren die Gauchos nach Verlängerung, zweimal sogar nach Penaltyschiessen. Und dennoch wurde ihm in seinem Heimatland, das seit 1993 auf einen grossen Titel wartet, niemals der Respekt entgegengebracht, der ihm aufgrund seiner überragenden Leistungen gebührte.

Kein Leader?

Der Höhepunkt der Messi-Schmähungen wurde im Dezember 2009 erreicht, als der Stürmer im Final der Club-WM in der Verlängerung den Siegtreffer für Barcelona schoss – gegen den argentinischen Vertreter Estudiantes de La Plata. Ungeheuerlich sei es gewesen, dass Messi, der Argentinier, ein Tor gegen seine Landsleute derart euphorisch gefeiert habe. Überall in Argentinien waren in den Tagen darauf Beleidigungen zu lesen. In sozialen Medien, Zeitungen oder auf Wände gesprayt.

Dennoch reiste Messi zu jedem Testspiel seiner Nationalmannschaft, auch wenn dies seinem Arbeitgeber Barcelona überhaupt nicht passte. Auch wenn er angeschlagen war, liess er die Zusammenzüge nicht aus, dennoch war er der Schuldige, wenn es dem zweifachen Weltmeister mal nicht lief. Er zerreisse sich mehr für Barça als sein Herkunftsland, hiess es immer wieder. Zuletzt giftete sogar Diego Armando Maradona und sagte während der Copa América, Messi sei kein Leader. Dabei spielte es auch keine Rolle, dass Messi jeweils bei Penaltyschiessen als Erster anläuft, also den Penalty tritt, der wegweisend für den Verlauf der Kurzentscheidung sein kann – und nicht den Sieg bringenden, um danach in den Medien als Penaltyheld zu gelten.

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Messi tritt zurück: Eine richtige Entscheidung?





So auch in New York. Soeben war Chiles sicherster Schütze, Arturo Vidal, an Argentiniens Goalie Sergio Romero gescheitert. Messi hätte sein Team in Führung schiessen und damit eine grosse Last von den Schultern seiner Teamkollegen nehmen können. Er stellte sich dem Druck, der von Jahr zu Jahr, von Finalniederlage zu Finalniederlage grösser geworden war – wohl wissend, was über ihn hereinbrechen würde, sollte er scheitern. Dazu hatte er im Hinterkopf, dass er bei einer nächsten Enttäuschung im Endspiel zurücktreten würde. Er verzog, der Rest ist bereits Geschichte.

Bitterer Moment: Messi verschiesst den Penalty. Video: Youtube.

Für viele gilt Lionel Messi, der begnadete und möglicherweise über Generationen hinweg beste Fussballer, wegen eines fehlenden Titels als unvollendet. Dabei wären mindestens die Weltmeisterschaft 2018 und die Copa América 2019 durchaus noch in seiner Reichweite. Messi sagte jedoch bei seiner Rücktrittsrede mit bebender Stimme: «Es geht nicht um mich. Ich wollte den Titel mit der Nationalmannschaft wie kein anderer, aber offensichtlich geht das nicht für mich.»

«Dann werden die Kritiker ihre Worte bereuen»

Sofort lancierte die argentinische Zeitung «Olé», eines der Medien, die vor Jahren Stimmung gegen Messi gemacht hatten, eine Kampagne für den Verbleib ihres Ausnahmekönners. Das Medium forderte die Leser dazu auf, ihn via Twitter unter dem Hashtag #NotevayasLeo (Übersetzung: Geh nicht Leo) zum Verbleib zu überreden. Mit dem Rücktritt trafen die Prophezeiungen von diversen Sportgrössen des Landes, wie dem ehemaligen Nationalspieler Matias Almeyda oder Basketballstar Emanuel Ginobili, ein, die unisono gewarnt hatten: «Eines Tages wird es Messi zu viel, und er wird nicht mehr ins Nationalteam kommen wollen. Dann werden die Kritiker ihre Worte bereuen.»

Messi vergiesst bittere Tränen. Video: Youtube.

Es bleibt aber eine Chance bestehen, dass es sich Messi nochmals überlegt. Torhüter Romero und Messis Jugendfreund Sergio Agüero sagten beide, es sei möglich, dass Messi den Rücktritt aus Frust verkündet habe. Agüero schob nach: «Ein verschossener Penalty ändert nichts daran, dass Leo der beste Spieler der Welt ist. Aber er war untröstlich, ich habe ihn noch nie so zerstört gesehen.»

Messi selber liess im emotionalen Interview, das um die Welt ging, noch eine Hintertür offen. Kurz nachdem er die Bombe platzen gelassen hatte, fragte der Reporter von TyC Sports ungläubig, ob er tatsächlich nie mehr für Argentinien auflaufen werde. Messi antwortete: «Ich weiss es nicht, aber wahrscheinlich nicht.»

Erstellt: 27.06.2016, 12:33 Uhr

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