So umgehen Spielerberater und Finanzjongleure das Fifa-Verbot

Seit einem Jahr dürfen die Transferrechte an Spielern nur noch bei den Clubs liegen. Doch es gibt Schlupflöcher.

Für Spieler wie Neymar werden teils eigene Firmen gegründet. Foto: Getty

Für Spieler wie Neymar werden teils eigene Firmen gegründet. Foto: Getty

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Neue Regeln inspirieren und fördern die Kreativität, Politiker kennen das. Da ­führen sie gutgemeinte Gesetze ein, nur damit diese wenig später umgangen werden. Im Fussball lässt sich zur Zeit Ähnliches beobachten.

Die Fifa befahl im vergangenen Mai ein Verbot der Third Party Ownership (TPO). Die Beteiligung Dritter (Berater, Spielerfonds, Präsidenten) an Spielerrechten war fortan untersagt. Kurz: Sie können nicht mehr prozentual an Transfersummen partizipieren. Damit drohte den Spieleragenten ein Erwerbsausfall. Also fanden sie Möglichkeiten, um die neue Regel zu umgehen:

  • Erstens: Die Berater mutieren von der dritten zur ersten Partei. Heisst: Sie kaufen ganze Clubs oder werden Minderheitsaktionäre. Auf diesem Weg können sie sich die Transfergewinne über die Dividenden auszahlen lassen. Dies konnte man beim FC Lugano mit dem Spieleragent Pablo Bettancourt oder ­unlängst beim FC Biel mit Carlo Häfeli beobachten. Nachfragen bei Schweizer Clubs wie GC, Basel oder YB zeigen, auch sie werden immer wieder von Spielerfonds auf einen Aktienverkauf angesprochen. Für alle kommt dieser Weg der Kapitalbeschaffung nicht infrage.

    Doch die Enthüllungsplattform Football-Leaks zeigt: Gerade für kleinere Clubs mit finanziellen Problemen ist dies oftmals der einzige Weg, um zu überleben. Das Konstrukt wird in Südamerika auf die Spitze getrieben: Spielerfonds besitzen Clubs und verleihen Hunderte von Talenten, zugleich bieten sie diese Spieler in Europa an. Können sie die Talente verkaufen, fliesst das Geld zum grossen Teil in die Taschen der Fonds und Berater.

  • Zweitens: Clubs beschäftigen ­Agenten auf Mandatsbasis, etwa zum Abwickeln von Transfers. Das erlaubt den Clubs, den Beratern Boni zu zahlen. Der Bonus ist zwar nicht mehr direkt an die Transfersumme geknüpft, kann aber an den Spielerverkauf gebunden werden. YB-Sportchef Fredy Bickel geht davon aus, dass dies die meisten Schweizer Clubs schon das eine oder andere Mal gemacht haben.

    Mit diesem Bonus-Kniff konnten auch die kleineren Vereine ihre grössten TPO-Sorgen tilgen. Weil sie talentierten Spielern nicht die Löhne von Grossclubs zu zahlen vermögen, haben sie ihnen bisher einen Anteil an der künftigen Transfersumme versprochen. Dieses Vorgehen ist heute illegal. Also vereinbart der Club mit dem Spieler eine fixe Erfolgsprämie bei einem Weiterverkauf. Es ist ein Graubereich, der von der Fifa anerkannt ist.

  • Drittens: Statt sich direkt am Fussballer zu beteiligen, werden den Clubs ­Darlehen gegeben, die sich am Spieler-Marktwert orientieren. Das nötige Geld stammt aus einem Kredit einer Drittperson. Das Darlehen samt Zinsen wird dann zurückbezahlt, wenn das Talent den Vertrag verlängert oder verkauft wird. Ein Beispiel ist der Hamburger SV, der auf diese Weise im Sommer ein 19-jähriges Talent erwarb.

    Noch professioneller geht die luxemburgische Investmentgesellschaft Fair Play Capital vor. Sie leiht Vereinen Kapital und rühmt sich als «der erste regulierte Investmentfonds im Fussball». Das geht so: Für einen Spielerkauf wird Geld ausgeliehen, der Club zahlt Zinsen und hinterlegt als Sicherheit Ticketeinahmen oder tritt die Fernsehrechte ab. Bei einem Weiterverkauf des Spielers können Sonderprämien fällig werden. Laut Eigenaussagen sprechen die Clubs prächtig auf das Angebot an.

  • Ein vierter und illegaler Weg: Man tarnt die Gelder oder schleust sie an den Kaufverträgen vorbei. Die Beträge ­werden als «Scouting-Vereinbarungen» vernebelt. Es werden gar Pseudofirmen gegründet, wie der Fall Neymar gezeigt hat. Wegen strenger Regeln in der Buchprüfung birgt dieser Weg Risiken.

  • Es gab überdies bis vor einer Woche eine weitere denkbare Option, die ­juristische: Der Spielerfonds Doyen Sports (im Portfolio: Falcao, Hernández, Neymar) und die portugiesische Liga (bekannt für TPO-Praktiken) klagten in Brüssel gegen die Regel – sie verstosse gegen gängiges EU-Recht. Die Klage wurde zweitinstanzlich abgelehnt.

Kleinere Vereine leiden

Mit dem Verbot wollte die Fifa ursprünglich die Selbstbestimmung des Spielers steigern und dem Fussball zu mehr Transparenz verhelfen. Es hat – gerade in Südamerika – die Gebaren dubioser Agenten erschwert und die Spielerrechte gestärkt. Gestern bestrafte die Fifa Clubs wie FC Santos, FC Sevilla, oder Twente. Die Fifa zeigt, sie meint es ernst. Aber hat es auch die Transparenz erhöht? Eher das Gegenteil ist der Fall, noch mehr geschieht im Hintergrund.

In Europa war das TPO zudem primär ein Finanzierungsmodell für Clubs mit strukturellen Defiziten. Das fällt nun weg, darunter leiden vor allem die kleineren Vereine. Und die Berater? Sie sagen, ihr Geschäft sei sicherlich nicht einfacher geworden, aber man wisse sich zu helfen. Oder wie sagt es ein Agent: «Will man einen Spieler verkaufen und mitverdienen, findet man immer einen Weg.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2016, 01:15 Uhr

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