«Die Fans richten ihre Agenda nach unserem Spielplan»

Urs Fischer wechselte vom FC Basel nach Berlin. Weshalb die zweite Bundesliga für ihn kein Rückschritt ist, erklärt der Trainer im Interview.

Viele Erfahrungen gesammelt: Urs Fischer beim Trainingsstart in Berlin. Foto: Mathias Renner (Getty Images)

Viele Erfahrungen gesammelt: Urs Fischer beim Trainingsstart in Berlin. Foto: Mathias Renner (Getty Images)

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Es war nicht so, dass Urs Fischer die Ferien dringend nötig hatte, an Energie mangelte es ihm auch Ende 2018 nicht. Aber das alte Jahr daheim bei seiner Familie in Zürich ausklingen lassen, das genoss er dann doch ausgiebig.

Seit Sonntag ist der 52-Jährige zurück in Berlin, zurück an seinem Arbeitsort in Köpenick im Osten der Stadt: Fischer ist seit vergangenem Sommer Trainer von Union Berlin – nach dem FC Zürich, Thun und Basel ist es seine erste Station im Ausland. Union belegt derzeit Platz 4, der Anhang träumt vom Aufstieg in die Bundesliga, der Coach sagt: «Das ist doch gut!» Ende Monat eröffnet er mit seiner Mannschaft das Jahr mit dem Heimspiel gegen den 1. FC Köln.

Nach den zwei Jahren als Trainer beim FCB sagten Sie: «Ich bin immer noch der Gleiche wie vor Basel.» Was sagen Sie nach einem halben Jahr bei Union?
Genau dasselbe. Meine Denkweise, meine Wertvorstellungen, mein Verhalten, mein Umgang mit Menschen – es ist alles wie vorher schon, und das ist gut so. Ich glaube aber, dass mir in Berlin meine Erfahrung, die ich in Basel machte, geholfen hat.

Inwiefern?
Union ist mein erster Verein im Ausland. Als ich nach Berlin kam, war alles neu für mich: die Liga, das Team, die Führung, das Umfeld. Wenn ich in der Schweiz von Zürich nach Thun gehe oder von Thun zu Basel wechsle, kenne ich die Verhältnisse, alle Spieler, jeden Gegner. Es war hilfreich, dass ich meinen Rucksack in Basel bei einem grossen Schweizer Club gut füllen konnte, auch mit Erlebnissen in der Champions League. Ich erschrecke nicht mehr so schnell und kann viele Situationen besser einordnen.

Was haben Sie in den sechs Monaten in Berlin gelernt?
Mich in einer Umgebung zurechtzufinden, in der es zwar keine Sprachbarriere gibt, aber viele andere Abläufe als in der Schweiz. Das merkte ich nur schon, als es darum ging, eine Wohnung zu suchen, mich anzumelden oder Versicherungen abzuschliessen. Und ich lernte eine neue Mentalität kennen.

«Der Berliner ist sehr direkt. Bei ihm weisst du sofort, woran du bist.»

Nämlich?
In der Schweiz ist es oft so, dass man sich sehr viele Gedanken darüber macht, wie man eine Botschaft formulieren und überbringen soll. Der Berliner hingegen ist sehr direkt, bei ihm weisst du sofort, woran du bist.

Das passt gut zu Ihnen: Direkt sind Sie ja auch.
Genau. Aber ich weiss auch, dass ich damit in der Schweiz nicht immer nur gut ankam.

Die Vorrunde überstand Union ohne eine Niederlage in 17 Runden. War das für Sie überraschend?
Überraschend ist der falsche Begriff, weil ich stets mit der Absicht in eine Saison gehe, nie zu verlieren.

Aber dass es gleich so gut läuft…
…klar, das konnte ich nicht voraussetzen. Aber das ist nicht allein mein Verdienst. Hinter dem Erfolg stehen ganz viele Leute, die ähnlich ticken und als Einheit funktionieren. Es hat von Anfang an gepasst.

Offensichtlich auch zwischen Ihnen und dem Publikum. Die Leute bei Union schätzen Ihre authentische Art.
Irgendwann fliegt es auf, wenn ich in eine Rolle schlüpfen würde, die nicht zu mir passt. Ausserdem wäre es sehr anstrengend. Nicht alle können die Kunst des Schauspielens beherrschen. Sonst wäre ja jeder in Hollywood. Ich sage mir: Bleib so, wie du bist, und mach, was du kannst. Es ist eine Frage des Anstands, Menschen zu grüssen oder mit ihnen ein paar Worte zu wechseln. Aber machen wir uns nichts vor: Ohne positive Resultate wird es problematisch. Da kann ich noch so umgänglich sein.

Sie meinen, dass es dann um Ihren Job geht?
Ja. Nehmen wir das Beispiel Jeff Saibene. Er hat Erfolg in Bielefeld, sein Vertrag wird verlängert, alles sieht gut aus. Auf einmal aber verliert er mit Arminia Spiele knapp, die er in der vergangenen Saison wohl gewonnen hätte. Und er wird entlassen. Dabei hat er an seiner Arbeitsweise bestimmt nichts geändert.

«Wenn ich mit einer Niederlage nicht umgehen kann, ja dann... wird es schwierig.»

Was zeigt Ihnen das?
So abgedroschen es klingt: Der Wind dreht manchmal schnell. Darum ist Euphorie von meiner Seite nicht angebracht.

Die Fans sehen das anders, sie träumen vom Aufstieg.
Das ist doch gut! Als Trainer habe ich eine realistische Sichtweise. Ich gehe davon aus, dass zwei der ersten drei Plätze an den Hamburger SV und den 1. FC Köln vergeben sind. Dahinter gibt es ganz viele Anwärter auf den Barrageplatz. Zu denen gehören wir auch, aber unser Vorsprung auf Platz 11 zum Beispiel beträgt nur sieben Punkte. Passen wir nicht auf, ist der schnell weg.

Die Union-Fans stehen im Ruf, besonders treu und leidenschaftlich zu sein. Wie macht sich das für Sie bemerkbar?
Wer Union-Fan ist, richtet seine private Agenda nach unserem Spielplan. Wir bestreiten die erste Vorbereitungspartie im Sommer gegen Carl Zeiss Jena – es sind 12'000 Zuschauer da. 12000! Wir reisen nach London zu einem Testspiel gegen Queens Park Rangers – und 1500 Fans kommen mit. Zum Cupspiel in Dortmund begleiten uns 9000. Oder am 23. Dezember findet das Weihnachtssingen im Stadion statt – mit fast 30'000 Menschen. Das ist keine PR-Aktion, sondern zeigt die tiefe Verbundenheit der Menschen mit Union Berlin.

Und Sie sind an diesem Anlass mittendrin und singen mit…
...natürlich. Weil es mich auch sehr stolz macht, ein Teil dieses Vereins zu sein.

Obwohl Sie mit Ihrer Mannschaft am selben Tag das erste Rückrundenspiel bei Aue 0:3 verloren hatten.
Die Niederlage hat mich gestört, klar. Aber wenn ich mit solchen Momenten nicht umgehen kann, ja dann... wird es schwierig.

Wenn Sie von Union schwärmen, ist davon auszugehen, dass Ihr Wechsel in die 2. Bundesliga kein Rückschritt war.
Es gibt vielleicht Leute, die von einem Rückschritt reden. Für mich ist es das Gegenteil, weil ich viele neue Erfahrungen sammle. Ich musste viel Energie investieren, um rasch ein komplettes Bild vom Club und von der Liga zu erhalten. Aber der Spass hat nie gelitten. Sonst hätte sich das auf die Qualität der Arbeit ausgewirkt. Und das konnte man bislang nicht unbedingt behaupten.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.01.2019, 18:17 Uhr

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