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Spiel um den roten Pass

Nationenwechsel von Sportlern sind ein sensibles Thema. Erleichterte Einbürgerungen von Ausländern der dritten Generation würden daran nichts ändern.

Christian Zürcher
Rot das Leibchen, rot der Schweizer Pass: Murat Yakin, hier auf dem Spielfeld 1997, wollte anfangs der 90er-Jahre Schweizer werden. Bild: Keystone
Rot das Leibchen, rot der Schweizer Pass: Murat Yakin, hier auf dem Spielfeld 1997, wollte anfangs der 90er-Jahre Schweizer werden. Bild: Keystone

Es war ein Nationalrat der Schweizer ­Demokraten, der dem Bundesrat eine Anfrage mit dem verfänglichen Titel «Bevorzugte Einbürgerung von Fuss­ballern» einreichte. Es war das Jahr 1993, und darin stand:

«Stimmt es, dass das Einbürgerungsgesuch des FC-Lugano-Fussballers N. S., der eventuell dereinst für unsere Nationalmannschaft spielen soll, auf Druck des Fussballverbandes mithilfe von Bundesräten bevorzugt behandelt werden soll – oder worden ist –, und wie steht es diesbezüglich mit dem Einbürgerungsgesuch des in Münchenstein ­wohnenden Spitzenfussballers M. Y.?»

Genau, die Herren N. S. und M. Y. sind Nestor Subiat und Murat Yakin. Die ­beiden wollten Anfang der 90er-Jahre Schweizer werden. Bundespräsident Adolf Ogi kam damals die Pflicht zu, die Frage der Schweizer Demokraten zu beantworten. Erinnert er sich noch daran? Der Anruf erreicht Ogi gerade auf der Skipiste bei Kandersteg. An den konkreten Fall könne er sich nicht mehr erinnern, sagt Ogi. Aber: «Gerade solche ­Anfragen hab ich besonders sachlich ­beantwortet.»

Der Fussballverbandhält fest, er habe auf Beschleunigungsanfragen stets verzichtet. Auch bei Breel Embolo.

Tatsächlich, Ogi schrieb seine Antwort im Namen des Bundesrats in prächtiger Amtssprache: Es könne dann zu einem beschleunigten Behandeln von Gesuchen kommen, wenn ein «erhebliches öffentliches Interesse» an einer ­raschen Einbürgerung besteht. Diese Regelung gelte auch für Spitzensportler, die Aussicht haben, «nach der Einbürgerung sofort ins Kader der Schweizer ­Nationalmannschaft aufgenommen zu werden». Bedingung sei aber, dass die gesetzlichen Voraussetzungen, sprich die nötigen Fristen, erfüllt seien. Die ­nötigen Fristen sind: 12 Jahre in der Schweiz leben. Oder: mit einer Schweizerin, einem Schweizer verheiratet sein und seit 5 Jahren in der Schweiz leben.

Nur nicht die Finger verbrennen

Das Beispiel zeigt, Einbürgerungen sind seit je ein Thema im Sport. Am 12. Februar wird nun darüber abgestimmt, ob Menschen, die bereits in der dritten ­Generation in der Schweiz leben, von einem erleichterten Verfahren profitieren sollen. Was bedeutet dies für den Schweizer Sport?

Swiss Olympic lässt verlauten, man habe keine Analysen gemacht, ob plötzlich mehr Athleten in den Farben der Schweiz antreten können.

Der Schweizer Fussballverband hat in der Vergangenheit immer wieder von Spielern mit ausländischen Wurzeln profitiert. Auf die Vorlage angesprochen, antwortet Sprecher Marco von Ah, dass die meisten Nachwuchsathleten bereits in der Schweiz geboren und aufgewachsen seien und daher ein allfälliger Effekt überschaubar sei. Positiv auswirken könnte sich aber, dass die Vorlage eine gesamtschweizerische Lösung anstrebe. Bis anhin konnte es Einbürgerungswillige Jahre zurückwerfen, wenn sie den Kanton wechselten – etwa von Genf nach Altdorf zogen.

Der Handballverband mutmasst, dass die erleichterten Einbürgerungen von Ausländern der dritten Generation (vorläufig) kaum Einfluss auf ihre Nationalmannschaften haben würden. Ausländische Jugendliche, die sich für Handball begeistern, kommen vor allem aus dem Balkan, nicht aber aus Italien. Und gemäss der Universität Genf sind 58 Prozent aller anspruchsberechtigten «Drittgeneratiönler» Italiener.

Alfred Zahner begleitet für den Verband seit 16 Jahren talentierte Handballer als Athletenbetreuer und hilft ihnen im Allerlei des Alltags. Die Einbürgerung von Secondos hat in den vergangenen Jahren zugenommen und damit auch seine Arbeit. Weil Handball lange meist nur von Studenten gespielt wurde und ein sozialer Aufstieg kaum möglich war, hätten Einwanderer aus dem Balkan erst nur Fussball gespielt, sagt Zahner, das habe sich mittlerweile geändert.

Dreimal hat Zahner bisher darauf gedrängt, dass der Einbürgerungsprozess beschleunigt ablaufe. «Dabei geht es vor allem darum, dass das Gesuch von der untersten Position des Stapels auf die oberste Position gelangt», sagt Zahner. Er nimmt Kontakt mit der Gemeinde auf, schreibt ein Gesuch und macht die Erfahrung, dass die Gemeinden sich sehr kooperativ verhalten. Beim letzten Fall konnte ein Athlet dank Zahners ­Bemühen rechtzeitig an die Juniorenweltmeisterschaft reisen. Der Vater des Athleten hatte ebenfalls ein Gesuch eingereicht, es wurde abgelehnt. Grund: zu wenig integriert.

Den Vorwurf, dass Sportler bevorzugt behandelt würden und so eine Zweiklassengesellschaft entstehe, wollen alle unbedingt vermeiden.

Der Fussballverband hingegen hat bisher, so hält er fest, auf jegliche ­Beschleunigungsanfragen verzichtet – selbst als Breel Embolo heftig von Kamerun umworben wurde.

Die Einbürgerung von Sportlern scheint ein sensibler Bereich zu sein. Die vom TA angefragten Sportverbände ­legen alle viel Wert darauf, dass sie sich stets innerhalb der Gesetze bewegt und nie Extrawünsche wie verkürzte Fristen gefordert hätten. Selbst Adolf Ogi betont, dass er als Sportminister zwar zwei, dreimal das Telefon in die Hand genommen habe, um Ratschläge zu geben; Kontakte mit der entscheidenden Instanz habe er aber nie gehabt.

Den Vorwurf, dass Sportler bevorzugt behandelt würden und so eine Zweiklassengesellschaft entstehe, wollen alle unbedingt vermeiden.

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