St. Gallen Meister? Ja, natürlich!

Keine Mannschaft der Super League bereitet im Moment mehr Freude als der FC St. Gallen – Fachleute trauen ihr sogar den Titel zu.

Spasstruppe: Wird St. Gallen am Schluss gar noch Meister?

Spasstruppe: Wird St. Gallen am Schluss gar noch Meister? Bild: Keystone

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Der Pflichttermin ist am Donnerstag, 17.30 Uhr, Autogrammstunde im Einkaufscenter des Stadions in St. Gallen. Alle sind sie da vom Club, der Trainer und seine Spieler. Und als die geplanten 60 Minuten vorbei sind, kann keiner von ihnen gehen, weil so viele Menschen da sind, die etwas wollen, nicht nur eine Unterschrift, auch ein Foto, ein kurzes Gespräch. Fast drei Stunden bleiben sie, bis auch der Letzte zufriedengestellt ist.

«Das zeigt mir, die Leute stehen noch mehr hinter uns», sagt Peter Zeidler, der Trainer. Er spürt die Erwartung und hört sie sagen: «So, jetzt ziehen wir voll durch!»

Seit die Mannschaft am vergangenen Sonntag in Basel 2:1 gewonnen hat und als Tabellenführer der Super League in die Woche gegangen ist, ist die Stimmung in St. Gallen endgültig wie bei einer Dauer-Olma. Allen, denen der Club am Herzen liegt, geht es gut. Und sie wissen hier durchaus zu schätzen, dass die Rest-Schweiz entdeckt, dass es hinter Zürich noch einen Landstrich gibt, in dem Fussball leidenschaftlich ausgelebt wird.

«Das ist Rock’n’Roll!»FCSG-Präsident Matthias Hüppi

Unter der Woche erzählt Matthias Hüppi im «Blick», dass er zuweilen eine halbe Stunde brauche, um in der Stadt 200 Meter weit zu kommen, weil jeder etwas von ihm wolle. Hüppi, Präsident und oberster Fan, schlägt keinen Wunsch ab, zu gut weiss er, wie wichtig der Kontakt zur Bevölkerung ist.

Vom Chaos an die Spitze: Das Werk von Hüppi und Co.

Als Hüppi das Amt übernahm, herrschte Chaos in St. Gallen, wieder einmal. Der Club war im Herbst 2017 von Machtkämpfen zerrissen, und sein Haushalt war schwer in Schieflage. Hüppi, zuvor über Jahrzehnte ein prägendes Gesicht des Schweizer Fernsehens, scheute die Aufgabe nicht. Vielmehr verkündete er: «Das ist Rock’n’Roll!»

Hüppi und seine Kollegen im Verwaltungsrat definierten, welchen Fussball sie sehen wollen. Alain Sutter wurde ihr Sportchef, weil er sich damit identifizieren konnte. Sutter fand Zeidler als Trainer, Zeidler schliesslich hat diesen Fussball etabliert, der für überschäumende Freude am Spiel steht. «Ja, spielt Jungs, spielt!», ruft er ihnen zu. Was Silvan Hefti sagt, der junge Captain einer jungen Mannschaft, ist bezeichnend: «Es motiviert mich ungemein, wenn ich sehe, dass die anderen um mich herum genauso verrückt rennen.» Zeidler hat diesen Satz mit besonderem Wohlwollen registriert, er hat ihn gleich zum wichtigsten dieser Woche erhoben.

Und weil dieses St. Gallen so gut unterwegs ist, stellt sich vor dem Heimspiel gegen Servette von heute Sonntag die Frage: Kann es diese Saison sogar Meister werden?

Experten glauben an den Coup

«Das ist möglich», sagt Alain Geiger, «sehr gut möglich.» Der frühere Aarauer Meistermacher Rolf Fringer findet: «Natürlich.» Und Jörg Stiel, Kopf und Goalie der Mannschaft, die St. Gallen im Jahr 2000 den Titel schenkte, antwortet: «Ja, natürlich!»

Geiger ist der Trainer, der heute mit Servette im Kybunpark antritt und derzeit sogar noch einen Hauch besser unterwegs ist als St.Gallen. Aus den letzten neun Runden hat seine Mannschaft 22 Punkte geholt, einen mehr als St. Gallen, sechs mehr als YB und gar zwölf mehr als Basel. «Meine Spieler haben Mut, sie haben Lust auf Fussball», sagt Geiger, «und sie träumen! Sie werden nicht erwachsen und denken auf einmal: Spielen wir von jetzt an defensiv! Nein, ich bremse sie nicht, ich lasse ihnen ihre Freiheiten auf dem Platz. Sie sollen nach vorne spielen.» Das sind Sätze, die auch von Zeidler sein könnten.

Servette-Trainer Alain Geiger traut St. Gallen den Titel zu. Bild: Keystone

Mit Zeidler versteht sich Geiger bestens, er tauscht sich immer wieder einmal am Telefon mit ihm aus, ohne ihn deshalb gleich als Freund zu sehen. Er kennt die Fussballkultur in der Ostschweiz, weil er den Schweizer Fussball kennt, darum sagt er: «Die St. Galler lieben den Zweikampf. Ich habe Peter einmal gesagt: ‹Du machst genau das, was die Leute wollen.›»

Auch aus der Distanz spürt Geiger, was diese St. Galler Mannschaft ausmacht: die Intensität ihres Spiels, das kollektive Verständnis, die Atmosphäre in der Gruppe. In der Zusammenfassung kommt er zum Schluss: «Sie ist furchterregend.» Vielleicht ist das ein wenig dick aufgetragen, aber das steht für den Respekt vor der Arbeit, die in St. Gallen geleistet wird und von Mut geprägt ist.

«Ich wünsche mir eine Mannschaft, die stinkfrech spielt und für Furore sorgt.»TV-Experte Rolf Fringer vor der Saison

Als Rolf Fringer vor dem Saisonstart als Experte im Teleclub-Studio sass, sagte er: «Ich wünsche mir eine Mannschaft, die stinkfrech spielt und für Furore sorgt, ich wünsche mir ‹dä fräch Siech› als Trainer, der etwas macht, was nicht erwartet wird.»

So zumindest hat er seine eigenen Worte im Kopf. Er hat einfach auf den Trainer gehofft, der so ist wie er 1992, als er von Schaffhausen nach Aarau wechselte. «Was Barcelona?», sagte er damals, «jetzt kommen wir.» Und sie kamen, weil Fringer einen Plan hatte und mit seinem Pressingfussball die Gegner überforderte. Sie wurden Meister, was so sensationell war, wie es heute ein Titel von St. Gallen wäre.

Bekam was er wollte: TV-Experte Rolf Fringer. Bild: Keystone

Natürlich hat St. Gallen nicht die grössten personellen Mittel, die haben die Young Boys, Meister der letzten beiden Saisons. Und auch Fringer sagt: «Wenn der Favorit gut funktioniert, wird es für den Underdog schwierig.» Aber wenn es um St. Gallen geht, fällt ihm ein Bild ein, wie es typisch ist für ihn: «Wenn du auf Wolke sieben schwebst und alles rosa siehst, wenn du gut spielst und Tore schiesst, dann ist es, wie wenn du frisch verliebt bist. Dann siehst du nicht ein halbes Prozent Negatives.» Darum vermutet er: «Diese St. Galler bekommen keine Angst vor der eigenen Courage.»

Fringer, 63 inzwischen, kann sich noch gut erinnern, wie es ­damals in Aarau war, und wie er seinen Spielern sagte: «Wir müssen nur gut spielen, dann gewinnen wir.»

Es war seine Botschaft, dass sie den Plan nicht vergessen sollten, den er ihnen vorgab. Und weil Bilder eben manchmal zum Verstehen helfen, nahm er das von einem Wolfsrudel: «Nicht jeder rennt gleich los, wenn er die Beute sieht. Nein, die Wölfe umzingeln ihre Beute, und erst wenn sie in guter Position sind, schlagen sie zu.» Umzingeln bedeutet für ihn: Jeder erledigt seine Arbeit und hält diszipliniert seine Position.

Wenn unbekannte Spieler dem Trainer aus der Hand fressen

4-4-2 mit Raute heisst das System, das Zeidler spielen lässt. So banal das tönt, so viel verlangt der Trainer von den Spielern. Sie müssen rennen und rennen und bereit sein, das auch einmal ohne unmittelbaren Ertrag zu tun. Und weil die meisten noch jung sind und keine grossen Namen haben, sagt Fringer: «Eine No-Name-Mannschaft frisst einem Trainer aus der Hand, wenn er einen Plan hat.»

«Spielen sie weiter so wie letzten Sonntag in Basel, kann es funktionieren.»Ex-Goalie Jörg Stiel

Wenn es um das St. Gallen der Stunde geht, wird viel vom Gefühl geredet, das sich in dieser Gruppe entwickelt hat, von Zusammen­leben und Zusammenhalt. Geiger tut das, Jörg Stiel ebenso. Stiel, heute Goalietrainer bei Xamax, erlebte noch die Stimmung im alten Espenmoos, dieser kleinen Festhütte, die für die Identifikation des Vereins so wichtig war. Und er spürte, wie in der Mannschaft auch ein Selbstverständnis heranwuchs: «Wir schauten zum Gegner und dachten: Was wollt ihr überhaupt hier? So war es wirklich.»

Marcel Koller war der Trainer, Marc Zellweger grätschte alles weg, Jairo war der Künstler, und Charles Amoah schoss die Tore im Akkord. Heute heissen Zeidlers Spieler Zigi, Hefti, Letard, Stergiou, Muheim, Quintilla, Görtler, Ruiz, Itten, Babic oder Demirovic. Wenn Stiel von ihnen spricht, tut auch er das mit Anerkennung: «Egal, ob sie nun einmal ein Spiel verlieren, sie schaffen Freude. Und spielen sie weiter so wie letzten Sonntag in Basel, kann es funktionieren.»

Dann können wohl selbst irgendwelche Agenten, die ihnen das Blaue vom Himmel und eine Zukunft bei Barcelona versprechen, das Projekt nicht in Gefahr bringen. Auch das denkt Stiel.

Dem St. Galler Meistergoalie von 2000 macht das aktuelle Team viel Spass. Bild: Keystone

Mit dem, was kommt, ist in erster Linie Alain Sutter beschäftigt, weil das zu seiner Arbeit als Sportchef gehört. Er lebt seine Emotionen anders aus als Matthias ­Hüppi, er tut es still, darum ergänzt er die Führung so gut. Dass es Wechsel im Kader geben wird und wahrscheinlich schon im Sommer der eine oder andere weiterziehen dürfte, macht ihm keine Sorge. Er sagt: «Wenn man ein solches Projekt verfolgt, wie wir das tun, sind Transfers die Intention. Es geht darum, dass wir sportlich und wirtschaftlich von unseren Spielern profitieren können.»

«Ich bin nie ein Wahrsager gewesen und werde nie einer sein»Sportchef Alain Sutter

Wer allenfalls gehen kann? ­Keine Ahnung, sagt Sutter. Ob St. Gallen Meister werden kann? Keine Ahnung. «Ich bin nie ein Wahrsager gewesen und werde nie einer sein», sagt er. Aber wann spricht er von einer guten Saison? «Wie soll ich jetzt schon wissen, was ich in ein paar Wochen denke? Ich bin schon froh, dass ich weiss, was ich denke, wenn ich es gesagt habe.» Er lacht laut heraus.

Zeidlers Prognose: «Wir fangen nicht an zu spinnen»

Inzwischen ist Freitag, der Tag nach der langen Autogrammstunde. Peter Zeidler hält seinen wöchentlichen Medientermin ab, es sind mehr Journalisten gekommen als sonst, zehn statt nur drei oder so. Zeidler ist dieser Trainer, dem Sutter eine «hohe Sozialkompetenz» bescheinigt und bei dem er eine «glasklare Überzeugung» erkennt, wie er den Fussball sieht.

Und er ist der Trainer, der am Sonntag nach dem Sieg in Basel mit seinen Spielern so ausgelassen gejubelt hat. Ein Fotograf hat diesen Moment festgehalten. Als Zeidler eine Aufnahme davon sieht, erkennt er nichts Gekünsteltes. «Der Moment ist so echt», sagt er noch Tage später.

Der Baumeister: FCSG-Coach Peter Zeidler. Bild: Keystone

Also, Peter Zeidler: Kann dieses St. Gallen Meister werden? Bei der Frage erinnert er sich an den vergangenen Frühling, als der Mannschaft das Abrutschen auf den Barrageplatz drohte. Irgendwie ist es für ihn wie damals: «Wir haben gezeigt, wie es geht: sich aufs nächste Spiel konzentrieren, zusammenhalten, sich an der täglichen Arbeit freuen.» Die Sätze sind wie eine Blaupause für diese ausgedehnten Augenblicke in der Euphorie. «Im Moment leben», heisst Zeidlers Botschaft. Kaum hat er sie verkündet, stellt er fest: «Jetzt rede ich wie ein Philosoph.»

Am 21. Mai endet die Saison. YB ist dann der Gegner in Bern, auch das weiss Zeidler. Und was er noch weiss: «Wir sind selbstbewusst, wir attackieren, wir trauen uns etwas zu. Aber wir fangen nicht an zu spinnen.»


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Erstellt: 09.02.2020, 12:07 Uhr

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