St. Gallens neuer Präsident, der Fan-Foren liest

Um den FC St. Gallen gibt es in diesen Tagen viel Unruhe. Schuld sind Änderungen in der Clubstruktur.

Bei ihm muss man zwischen den Zeilen lesen: Stefan Hernandez.

Bei ihm muss man zwischen den Zeilen lesen: Stefan Hernandez.

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Stefan Hernandez ist ein Mann, der zwischen den Zeilen spricht. Und manchmal sagt der Präsident des FC St. Gallen gar nichts und spricht trotzdem eine Menge. Wie nun in seinem Büro, sein Blick sucht etwas an der Wand, das an der Wand nicht zu finden ist. Es arbeitet im Kopf, nach 30 Sekunden entfährt ihm ein Fluch, begleitet von einem Lächeln: «Eine Scheissfrage.» Eben, die vermaledeite Frage: «Wem vertrauen Sie?» Sie scheint auf den ersten Blick wenig unverschämt, und doch plagt sie Hernandez.

Er könnte nun auf das Organigramm schauen, das könnte helfen, dort ist ein Trainer drauf, ein Sport- und Nachwuchschef, gar ein Sport-CEO, der die Aufgabe fasste, den Sportchef zu überwachen. Doch keiner der Namen fällt. Hernandez weicht aus auf Allgemeinplätze, erzählt davon, dass er grundsätzlich jedem das Vertrauen schenke, doch dürfe dieses nicht missbraucht werden. Wenn er merke, dass Leute ihn tendenziös angingen, werde er misstrauisch.

Die Antwort zeigt: Etwas ist geschehen in St. Gallen. Es hat mit diesem Organigramm zu tun, an dessen höchster Stelle Hernandez steht. Präsident und Geschäftsführer seit Mai.

Besuch bei den Kritikern

Der 50-Jährige ist ein Mann, der gerne auf Kreuzfahrten geht. Doch lieber im Frühling als im Sommer, weil die Preise dann dreimal billiger sind. Und wenn man seine Ferien noch ein bisschen ­weiter psychologisieren wollte, könnte man anmerken, dass Hernandez langfristig denkt. Er wird den Saisonstart verpassen, weil er für einmal im Sommer verreist und die Ferien bereits im Februar gebucht hat, damals, als er noch nicht Präsident war. Sparsam und langfristig denkend – nicht die schlechtesten Attribute für einen Clubpräsidenten. «Ich möchte das beibehalten», sagt Hernandez.

Er ist ein Präsident, der in Fan-Foren liest, um zu sehen, wie die Menschen denken. Er kontaktiert kritische Leserbriefschreiber und besucht sie gar. So passiert kürzlich im Appenzellerland, er sah dort ein Wohnzimmer ganz in Grün-Weiss gestaltet. «Schön, wenn aus anfänglichem Misstrauen solche Geschichten entstehen», sagt Hernandez.

Der Präsident ist der Mann, der im Mai auf Dölf Früh folgte. Diesen stillen Macher, der den FC St. Gallen in sechs Jahren gesund geführt hatte und nun wegen einer Krankheit zurückgetreten ist. Ein Mann aber auch, dessen letzte Entscheide nicht alle verstehen konnten. Einer dieser Entscheide betrifft seinen Nachfolger, Stefan Hernandez. Weshalb er? Einer, den in St. Gallen niemand kennt und der keine Bezugspunkte zur Fussballwelt hat. «Muss ich das?», fragt Hernandez und weist auf Bernhard Heusler hin, der in Basel ähnlich angefangen hat.

VR gegen VR-Präsident

Sein Lebenslauf in Kurzform geht so: Hernandez wuchs in Madrid auf, kam als 14-Jähriger nach Zürich, machte Matur und Wirtschaftsstudium, wechselte in die Privatwirtschaft, gründete und führte 15 Jahre lang eine Firma, brauchte dann ein Sabbatical und ist nun Präsident des FC St. Gallen.

Offenbar war zuletzt zwischen dem Verwaltungsrat (VR) und dessen Präsident Früh keine grosse Einigkeit mehr vorhanden. Es hiess: Früh gegen den VR, Insidern zufolge hat Früh «fast diktato­rische Züge» angenommen, auf andere Meinungen soll er nicht mehr eingegangen sein. So betrifft ein zweiter Entscheid dieses ominöse Organigramm.

Bevor Früh abtrat, stellte er dieses auf den Kopf. Er stellte Sportchef Christian Stübi auf dieselbe Stufe mit dem Trainer und dem Nachwuchschef und setzte ihnen einen sogenannten Sport-CEO vor. Stübi war nun ein Sportchef mit abgesägten Hosen und beschränktem Einfluss. Oder wer wird künftig entlassen, wenn es in der Mannschaft harzt? Sportchef und Trainer zusammen?

Unruhen, fast wöchentlich

Seither entstehen in St. Gallen beinahe wöchentlich neue Unruhen. Stübi ertrug die Degradierung nicht, er erklärte seinen Rücktritt. Das Eigengewächs Roy Gelmi verliess den Verein, obwohl er bleiben wollte. Der Chef der Physiotherapeuten wurde entlassen, ohne Erklärung, offenbar gab es Unstimmigkeiten mit Nachwuchschef Marco Otero.

Im Club gibt es zudem seit der Änderung des Organigramms unsichtbare ­Loyalitätslinien. Sport-CEO Ferruccio Vanin gilt als guter Freund Oteros. Dieser pflegt mit Trainer Giorgio Contini sowie zwei weiteren Betreuern eine gewisse Nähe zum gleichen Spielerberater, dessen Sohn nun in der ersten Mannschaft spielt. Es gibt die Gefahr einer Allianz, die sich auch gegen Hernandez wenden könnte. «Ich weiss davon», sagt dieser.

Mittlerweile weiss auch die Stadt ­davon. So verfasste der Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts» einen Leitartikel mit dem Titel: «Haben Sie die Situation im Griff, Herr Präsident?» Hernandez hat den Artikel gelesen. Er sei sich sehr bewusst, was im Club geschehe, sagt er und erzählt eine Geschichte von früher.

Hernandez will unabhängig sein

Er reiste in den 90er-Jahren in den ­Sudan, um Mehlmühlen zu verkaufen, die Verhandlungspartner liessen ihn vier Stunden in einer stickigen Hotellobby warten, der Schweiss rann, dann wurde er in einen Raum mit 20 Leuten geführt, die wild und mit schlechtem Englisch auf ihn einredeten.

Er hat damals die Leute unterschätzt und wurde von ihnen über den Tisch gezogen. «Das war eine Schule fürs Leben, daraus habe ich gelernt. Das wird mir nicht mehr passieren», sagt er. Wenn er merke, dass nicht alle in dieselbe Richtung laufen, greife er durch. Fragt sich, wie. Auch wenn Hernandez unabhängig sein will, hält Dölf Früh noch immer 49 Prozent der Aktien – dessen Wort hat nach wie vor Gewicht im Verein.

Noch eine Frage: «Hätten Sie die gleichen Leute eingestellt wie im Organigramm?» Wieder lächelt, schweigt und überlegt Hernandez. 30 Sekunden später sagt er: «Für ein abschliessendes Urteil ist es zu früh.» Das ist kein Nein und kein Ja – sehr viel aber zwischen den Zeilen.

Erstellt: 20.07.2017, 00:12 Uhr

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