Stephan Lichtsteiner ist um Harmonie bemüht

Der Verteidiger ist zurück im Nationalteam. Vor den wichtigen Spielen übt er sich in Diplomatie.

Gleich wieder voll dabei im Nationalteam, wenn auch erst im Training: Rückkehrer Stephan Lichtsteiner. (Bild: Pascal Muller/Freshfocus)

Gleich wieder voll dabei im Nationalteam, wenn auch erst im Training: Rückkehrer Stephan Lichtsteiner. (Bild: Pascal Muller/Freshfocus)

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Man wüsste gerne, wie der jüngere Stephan Lichtsteiner reden würde. Jener zuweilen unbedarfte Heisssporn, der auf dem Platz wie ein Abfahrer unterwegs sein konnte, stets mit voller Kraft voraus, der in Gesprächen forsch war und sich nicht immer der Diplomatie verpflichtet fühlte.

Aber Lichtsteiner ist zum Slalomfahrer geworden. Er umkurvt die Brennpunkte elegant wie Stangen, ohne sie zu touchieren. Er ist das auch am Dienstagnachmittag bei einem Medientermin des Nationalteams im Hotel Royal Savoy in Lausanne.

Der Gedanken liegt nahe, dass er mit der Entwicklung im Nationalteam seit der WM 2018 unzufrieden sein muss. Doch er bleibt souverän, ruhig, unverbindlich. Mehrmals sagt er, es sei mühsam, immer und immer wieder die gleichen Fragen beantworten zu müssen, ehe er die immer und immer wieder gleichen Fragen stilsicher beantwortet.

Zu seiner Rolle als Captain: «Ich habe mich immer als solcher gefühlt, auch als ich nicht aufgeboten wurde.» Zu seinem Verhältnis zum Nationalteam: «Ich bin nie zurückgetreten und werde das nie tun. Ich bin stolz, wieder im Aufgebot zu sein.» Zum Verhältnis zu Nationaltrainer Vladimir Petkovic: «Das ist immer gut gewesen.» Zur Kommunikation: «Petkovic war immer klar und ehrlich, das war alles mit mir abgesprochen.»

Lichtsteiner spielt die Rolle des erfahrenen Vermittlers ausgezeichnet. Wobei präziser ist: Er ist dank seiner Erfahrung zum ausgezeichneten Vermittler gereift. Beispielsweise mit seiner Doppeladler-Geste an der WM vor einem Jahr gegen Serbien, als er sich mit den albanischstämmigen Akteuren solidarisierte.

Zwei Einsätze seit der WM

Eigentlich ist Lichtsteiner ja aussortiert worden von Petkovic, der nach der Weltmeisterschaft 2018 eine personelle Verjüngung der Auswahl einleitete, bei der Moderation des Umbruchs jedoch nie die richtigen Töne traf. Gelson Fernandes, Johan Djourou und Blerim Dzemaili zogen sich recht leise zurück, im Gegensatz zu Valon Behrami. Gökhan Inler und Philippe Senderos sind länger nicht mehr dabei, und so ist Lichtsteiner der einzige Nationalspieler, der bereits bei der Heim-EM 2008 im Aufgebot stand.

Er ist hochdekoriert, mit Juventus wurde er siebenmal in Serie Meister, er bestritt 105 Länderspiele, war an fünf grossen Turnieren, es locken Schweizer Rekorde: Heinz Hermanns Bestmarke liegt bei 118 Einsätzen, an sechs Welt- oder Europameisterschaften war einzig Behrami. Aber Lichtsteiner, dieser stets besonders ehrgeizige, beinahe besessene Arbeiter, behauptet ganz gelassen: «Diese Rekorde sind nicht das, was mich interessiert. Ich will die letzten Monate und Jahre geniessen. In meinem Alter sollte man nicht mehr zu weit nach vorne schauen.»

Im Januar wird Lichtsteiner 36. Seit Sommer 2018 absolvierte er nur zwei Länderspiele, Kevin Mbabu etablierte sich als stürmischer Rechtsverteidiger, leistete sich aber auch schwere Fehler. Zuletzt beim 1:1 in Irland, als er in der Schlussphase vor dem Ausgleich den Ball verlor.

Und Lichtsteiner war auch bei jenem 3:3 gegen Dänemark vor einem halben Jahr in Basel nicht dabei, als die Schweiz in den letzten Minuten drei Gegentore erhielt. Er sagt, solche Rückschläge würden zum Reifeprozess einer jungen Mannschaft gehören. «Ich war auch mal auf dem Platz, als wir gegen Island in der zweiten Halbzeit zu Hause nach einem 4:1 nur 4:4 spielten.» Das war 2013 in der WM-Qualifikation, als ihm zwei seiner acht Länderspieltore gelangen.

Jetzt ist Lichtsteiner zurück, als sei er nie weg gewesen. Vladimir Petkovic konnte es sich kaum mehr leisten, auf ihn zu verzichten. Mbabu ist noch keine Stammkraft beim neuen Arbeitgeber Wolfsburg, Michael Lang musste Ende August von Mönchengladbach zu Bremen wechseln, Basels Silvan Widmer ist bloss die Nummer 4 in der Hierarchie. Und am Samstag in Dänemark sowie am Dienstag in Genf gegen Irland stehen wegweisende EM-Qualifikationspartien an. Ob Lichtsteiner in der Startformation steht, ist offen. Er sagt, er sei bereit – ob er spiele oder nicht.

Harziger Start in Augsburg

Stephan Lichtsteiner tut so, als sei alles ganz normal. Dabei besuchte ihn Petkovic, nicht als reisefreudig bekannt, kürzlich sogar in Augsburg. «Konstruktiv und gut» sei das Gespräch gewesen, sagt Lichtsteiner.

Selbst an diesem Nachmittag in Lausanne ist zu spüren, wie wertvoll er ist für die Auswahl, dass er der Mannschaft «noch etwas geben kann», wie er es formuliert. Und sei es vorerst nur in der Rolle des mediengewandten Aussenministers, der auf Deutsch, Französisch und Italienisch fehlerfrei parliert. Er spielte in Lille, bei Juventus, zuletzt bei Arsenal, seit Mitte August ist er in Augsburg.

Ein riesiges Abenteuer sei das für ihn, er betont, wie mutig sein Entscheid gewesen sei, aber die Bundesliga reizte ihn sehr. Es ist bereits seine vierte bedeutende Liga, die Heimat ist nahe, die Herausforderung gross.

In Augsburg läuft es unter dem Schweizer Trainer Martin Schmidt harzig. Gegen Bremen flog Lichtsteiner vor der Pause mit Gelb-Rot vom Platz, am Sonntag setzte es bei Leader Gladbach ein 1:5 ab, Lichtsteiner wurde zur Halbzeit ausgewechselt. «Das war taktisch bedingt», sagt er.

Einer für alle

Lichtsteiner kann immer noch eine ideale Identifikationsfigur dieses Nationalteams sein. Jeder respektiert seine herausragende Karriere, viele mögen ihn wegen seiner Art und Herkunft besonders. Er ist vielleicht gar der einzige Akteur, der für eine Mannschaft stehen könnte, welcher an den Stammtischen in der Deutschschweiz mehr Goodwill entgegengebracht würde. Lichtsteiner sagt noch, er wisse selber nicht, wie es mit ihm weitergehe. Er spricht davon, dass es streng sei in seinem Alter. Aber sagt dann sofort, er würde einem Aufgebot fürs Nationalteam auch mit 45 noch Folge leisten.

Lichtsteiners Botschaft könnte lauten: So schnell werdet ihr mich nicht wieder los.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 09.10.2019, 09:49 Uhr

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