Stören sollte Petkovics neuer Chef aber schon

Pierluigi Tami ist der neue Direktor der Schweizer Nationalmannschaften. Sein erster Auftritt war bemerkenswert leise.

Pierluigi Tami – er gilt nicht als Revoluzzer, aber als intelligenter, integrer Arbeiter mit sozialer Kompetenz. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Pierluigi Tami – er gilt nicht als Revoluzzer, aber als intelligenter, integrer Arbeiter mit sozialer Kompetenz. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

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Es war ein merkwürdiger Anlass, diese Präsentation von Pierluigi Tami. Wie da Dominique Blanc, der neue Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes, zunächst in aller Ernsthaftigkeit die letzten Resultate des Nationalteams in St. Gallen herunterbetete, weil dort bald gegen Georgien gespielt wird. Als ob das interessieren würde an dem Tag, an dem der SFV seinen neuen starken Mann vorstellen wollte, den Direktor der Nationalmannschaften.

Und wie dieser neue Mann danach vor den Medien minutenlang seine Karriere vorlas. Fast so, als ob Pierluigi Tami selbst nicht glauben mag, dass sich noch jemand an ihn erinnert. Daran, dass er 2011 die Schweizer U-21 in den Final der EM coachte, dass er Assistent im A-Nationalteam war und bei GC Schweizer Trainer des Jahres 2015 wurde.

Sowieso war es ein bemerkenswert stiller Auftritt. Tamis Ausführungen zu seinem neuen Job gipfelten irgendwann in der Aussage: «Ich möchte nicht stören.» Dabei war die Öffentlichkeit doch davon ausgegangen, genau dies sei eine seiner Aufgaben. Sollte der neue Direktor nicht eine starke Figur sein, nachdem die Doppeladler-Affäre an der WM 2018 gezeigt hatte, dass die bisherigen Personen und Strukturen den Anforderungen nicht mehr gewachsen waren? Er sollte doch derjenige sein, der künftig Vladimir Petkovic führt und verhindert, dass der Nationaltrainer Entscheidungen im Alleingang fällt. Er sollte Petkovics Mängel in der Kommunikation gegen innen und aussen kompensieren.

Es stehen wichtige Termine an

Tatsächlich stehen in Tamis Pflichtenheft die «Führung des Nationaltrainers» und die «Erarbeitung einer Kommunikationsstrategie». Von all dem aber sprach Tami nicht. Stattdessen will er in den kommenden Monaten alle kennen lernen, die für seine Arbeit wichtig sind: «Spieler, Trainer, den Zentralvorstand des SFV, alle Präsidenten und Sportchefs der Clubs der Super und der Challenge League.» Erst danach will er öffentlich über seine mittel- und langfristigen Ziele sprechen: «Was macht es für einen Sinn, wenn ich heute meine Vision präsentiere – und die Leute, mit denen ich demnächst spreche, sind nicht einverstanden?»

Ein neuer Direktor, der erstens nicht stören will – und zweitens bereit ist, seine Ziele jenen anzupassen, die schon im Amt sind? Irgendwie klingt das ganz anders als damals, als der SFV einen Aufbruch versprach. Im November 2018, als die Berater Heusler und Heitz ihren Doppeladler-Bericht vorlegten und der damalige SFV-Präsident Peter Gilliéron mit Pauken und Trompeten grundlegende Reformen ankündigte.

Eine merkwürdige Entwicklung

Tamis Vorstellung passte jedenfalls ganz wunderbar zur reichlich merkwürdigen Entwicklung, die die Dinge in den sieben Monaten danach genommen haben. Erst entschieden die Proficlubs der Swiss Football League, der neue Direktor solle nicht nur A-Team und U-21 unter sich haben. Sondern gleich alle Nachwuchs-Auswahlen. Dann wehrten sich im Zentralvorstand die 1. Liga und die Amateure gegen diese Idee.

Weil sich der Verband so selbst blockierte, geschah ein halbes Jahr lang – nichts. Ausser dass mögliche Kandidaten wie der Berner Sportchef Christoph Spycher öffentlich Bekenntnisse zu ihren bisherigen Arbeitgebern abgaben. Erst im vergangenen Monat kam wieder Bewegung in die Sache, als ein Komitee der SFL vier Kandidaten direkt anfragte. Es gibt viele Spekulationen, wer aus dem Kreis Peter Knäbel, Alain Sutter und Martin Andermatt aktiv abgesagt hat – und wer aufgab, weil er spürte, dass seine Chancen schwanden. Fakt ist, dass Tami in der öffentlichen Wahrnehmung nicht als erste Wahl dasteht.

Werden ihm alle Nachwuchs-Nationalteams unterstellt?

Schwieriger für seine Arbeit wird sein, dass sein Pflichtenheft noch immer nicht fix ist. Derzeit ist Tami für das A-Team und die U-21 zuständig. Was er an der Präsentation nicht sagte: Er ist wie die SFL der Meinung, dass ihm alle Nachwuchs-Nationalteams unterstellt sein sollten. Wann es aber so weit sein wird, ist offen. Frühestens könnte es im November so weit sein. Aber daran glauben die wenigsten. Der SFV bewegt sich wegen seines Dreikammersystems nur sehr schwerfällig.

Vielleicht ist Tamis Wahl gerade deswegen die richtige. Der Tessiner ist zwar kein Revoluzzer. Aber der 57-Jährige gilt als intelligenter und integrer Arbeiter mit sozialer Kompetenz. Gut möglich, dass so einer in einem reformscheuen Verband mehr bewegen kann als ein egogetriebener Haudrauf.

Eines aber weiss sicher auch Tami: Will er seinen Job erledigen, muss er schon ein paar Leute stören. Zum Beispiel Nationaltrainer Petkovic, den er laut Pflichtenheft «führen» soll, der bislang aber nicht den Eindruck hinterlässt, dass er gerne geführt wird.

Erstellt: 01.07.2019, 22:35 Uhr

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