Stolpert ein Genie über seine Schwächen?

Lucien Favre könnte einen ganz grossen Club wie die Bayern trainieren. Doch sein Rücktritt in Gladbach zeigt auch, was ihm dazu fehlt.

Lucien Favre sorgt mit seinem Rücktritt in Gladbach für Gesprächsstoff.

Lucien Favre sorgt mit seinem Rücktritt in Gladbach für Gesprächsstoff. Bild: Keystone

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Der 57-jährige Lucien Favre hat nach dem schlechtesten Saisonstart der Gladbacher Vereinsgeschichte mit fünf Niederlagen aus fünf Runden und dem 0:3 zum Auftakt der Champions League in Sevilla die persönlichen Konsequenzen gezogen und seinen sofortigen Rücktritt erklärt. Nach viereinhalb Jahren, in denen er die Mannschaft gleich zu Beginn seiner Amtszeit in extremis vor dem Abstieg gerettet und zuletzt sogar in die Champions League geführt hat. Doch der in Deutschland zum Trainer des letzten Jahres gekürte Romand steigt aus und stösst jene Menschen vor den Kopf, die bis zuletzt trotz der Krise ohne Wenn und Aber hinter ihm gestanden hatten.

Favre wirft also den Bettel hin und verschwindet durch die Hintertür. Er gab sich nicht so kämpferisch und stark wie Jürgen Klopp, der Borussia Dortmund in der vergangenen Saison vom letzten Tabellenrang aus der Krise und schliesslich noch in die Europa League geführt hatte. Klopp kündigte seinen Rücktritt trotz laufendem Vertrag erst auf Ende Saison an. Vor seinem Abgang erledigte er noch seinen Job. Das tat Favre indes nicht.

In der Trainingsarbeit ein Genie

Lucien Favre ist zweifelsohne ein grosser Trainer. In seiner täglichen, akribischen Arbeit auf dem Feld ist der Detailversessene sogar ein Genie, weil er jeden einzelnen seiner Spieler technisch und taktisch stetig weiterentwickelt und immer noch besser macht. Während der Spiele ist er ein taktischer Fuchs und überrascht die Gegner. Favre ist auch ein Trainer, der Talente erkennt, die anderswo durchgefallen sind.

Doch Favre hat auch eine andere Seite und weist Defizite auf. Er ist unberechenbar und nur schwer zu führen. Er hat in Gladbach schon oft seinen Rücktritt angeboten, wenn er sich mit etwas nicht gleich einverstanden erklären konnte. Favre gilt auch als Zauderer, wenn es um Transfers geht. Einen Spieler, den er partout will, will er plötzlich nicht mehr. Das war beispielsweise beim Basler Granit Xhaka der Fall, bei dem ihm kurz vor dessen Verpflichtung Zweifel aufkamen. Das Gleiche soll jetzt auch mit Josip Drmic, der für zehn Millionen von Leverkusen kam, passiert sein. Favre wollte ihn offenbar auch nicht mehr.

Favre geht im Unfrieden – wie in Berlin und beim FCZ

Und zuletzt verriet er mit seinen öffentlichen Zweifeln an der Qualität seiner Mannschaft eigene Unsicherheit. Favre hat es nicht geschafft, für Max Kruse und Christoph Kramer, die den Verein verliessen, Nachfolger aufzubauen und zu integrieren. Und in der Hektik der immer grösser werdenden Krise wurde auch er immer nervöser, wechselte das System und die Mannschaft von Spiel zu Spiel, anstatt mit einem Stamm für Stabilität zu sorgen.

Favre wird zweifelsohne wieder irgendeinen Club finden. Irgendeinen. Mit seinem abrupten, fluchtartigen Abgang in Gladbach hat er eine grosse Schwäche offenbart und sich dadurch möglicherweise den Weg zu einem ganz grossen Verein wie Bayern München verbaut. Denn letztendlich geht Favre, so wie damals beim FC Zürich und bei Hertha BSC, im Unfrieden, denn zu sehr fühlen sich die Chefs in Gladbach vor den Kopf gestossen. Allen voran Manager Max Eberl, der ihn nicht zum Umdenken bringen konnte und deshalb schleunigst einen neuen Trainer suchen muss, weil Gladbach mit einer Dreifachbelastung von einer englischen Woche in die andere eilt.

Erstellt: 21.09.2015, 13:01 Uhr

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