Talentierter Chaot

Kevin Rüegg ist die Überraschung beim FC Zürich. Er ist vor dem Cup-Viertelfinal gegen Thun der einzige Junior, der in dieser Saison den Durchbruch geschafft hat.

Explosiv und schnell: Kevin Rüegg nennt sich selbst «Aggressivleader». Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Explosiv und schnell: Kevin Rüegg nennt sich selbst «Aggressivleader». Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Am Sonntag nach dem Spiel gegen Lausanne schlurft Kevin Rüegg Richtung Garderobe, die Schultern hängen, er ist platt. Erstmals musste er für den FCZ auf dem Flügel spielen. Seinen Arbeitstag prägen nicht die kurzen Sprints, die er vom Spiel aus dem Zentrum gewohnt ist, sondern die langen – die Seite rauf und runter. Trainer Uli Forte legt seinem Talent den Arm um die Schultern und rekapituliert mit ihm das Spiel. Gut habe er es gemacht, er könne aber künftig ruhig etwas mehr die Situation eins gegen eins suchen.

Aber eben, für einen 19-jährigen Jungprofi ganz ordentlich. Dabei wäre sein Weg ganz anders verlaufen, hätten ihm seine Eltern das Schuheschnüren früher beigebracht. Als Sechsjähriger besuchte er ein Handballtraining, weil er aber beim Schuhbändeln versagte, schickten sie ihn wieder nach Hause. Es war der Start seiner Fussballkarriere.

Als Zehnjähriger entdeckt

Als Zehnjähriger wird er vom FCZ bei seinem Stammclub Greifensee entdeckt, er durchläuft alle Nachwuchsstufen, wohnt während zwei Jahren fern von der Familie in Luzern, um ein Ausbildungszentrum des Schweizerischen Fussballverbands zu besuchen, er reist später an die U-17-EM und plagt sich lange mit Rückenschmerzen, die er irgendwann überwindet. Darum ist er nun Stammspieler beim FCZ.

Es ist wenig überraschend, dass es unter den jungen Spielern gerade Rüegg in die erste Mannschaft geschafft hat. Er ist ein Spielertyp, der Trainer Forte gefällt. Dynamisch, robust, lauffreudig. Der Mann ist 1,73 Meter gross und wurde auch schon als Würfel bezeichnet, er nennt sich selbst «Aggressivleader». Gegen Lausanne spielte er zusammen mit Pa Modou auf den Aussenpositionen. Der Sohn eines Schweizers und einer Kamerunerin auf rechts, der ähnlich prächtig gebaute Gambier auf links. Der Fussballerjargon behilft sich hierfür gerne mit dem Begriff Flügelzange – in diesem Fall eine Untertreibung. Der Kraft der beiden käme das artverwandte Werkzeug Abbruchzange näher.

Wobei das zumindest Rüegg unrecht tut, er wirkt zwar bullig, ist aber auch technisch versiert, explosiv und schnell auf den ersten Metern. Potenzial hat er in Sachen Kreativität.

Die Degen-Zwillinge sind seine Berater und halten viel von ihm, sie versprechen sich eine internationale Karriere. Für solche Prognosen ist es ­alleweil noch etwas früh, doch der ­gelernte Rechtsverteidiger macht vieles richtig. Trainer Forte sieht das ähnlich: «Er ist schon sehr weit, bleibt aber vernünftig.»

Dass man nun viel von Kevin Rüegg spricht, hat auch damit zu tun, dass die anderen Jungen des FCZ aus dem Fokus verschwunden sind. Noch vor Saisonstart sagte Forte, dass Spieler wie Fabian Rohner, Izer Aliu oder Maren Haile-Selassie «sehr nahe» an Spielen in der ersten Mannschaft seien. Nun spielen sie aber vorwiegend in der U-21. Aus sehr nahe wurde weit weg. Das ist erstaunlich, gerade auch, weil der FCZ die Wege für Nachwuchsspieler in die erste Mannschaft verkürzen und jede Saison mehrere Junioren etablieren will.

Forte sagt, die jungen Talente hätten sich zuletzt etwas verlaufen, es fehle ihnen der Biss. «Sich zu denken: Ich habe es geschafft, und einfach das Trikot spazieren zu führen, das geht natürlich nicht.» Klare Worte.

500 Franken Busse

Es gilt mildernd zu sagen, dass es sich bei Rohner, Haile-Selassie und Aliu um Offensivspieler handelt. Sie spielen also auf Positionen, auf denen man sich – frei nach Forte – nicht nur mit starkem Willen in die Mannschaft reinbeissen kann. Auch der Trainer gibt seiner Kritik etwas Milde mit und sagt, solche Momente seien im Leben eines Jungprofis normal. Im Trainingslager in Belek biete sich den Talenten die nächste Möglichkeit, einen weiteren Schritt zu machen.

Auch über Rüegg hat sich Forte schon enerviert, er hat ihn gar zu einer Busse von 500 Franken in die Mannschaftskasse verdonnert. Rüegg beschreibt sich selbst als chaotisch, so hat er beim Cupspiel gegen Lausanne-Ouchy die falschen Schuhe eingepackt. Statt die langen Stollen wählte er die Sommerausführung – also glitt der Mann mit der Zahnspange wieder und wieder aus.

Forte muss nun herausfinden, ob die wahren Qualitäten von Rüegg eher im Zentrum oder auf der Seite liegen – die Anlagen deuten auf die Seite hin. Weitere Chancen zum Testen bieten sich für den Trainer bereits heute gegen Thun im Cup-Viertelfinal (19.30 Uhr).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 15:40 Uhr

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