Tod im Einzelzimmer

Der italienische Nationalspieler Davide Astori stirbt unter ungeklärten Umständen, er wurde nur 31 Jahre alt.

Italien trauert um den Captain der Fiorentina: Davide Astori war ein Sympathieträger des Calcio. Video: Tamedia.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor Auswärtsspielen war Davide Astori immer der Erste am Frühstücksbuffet, einige Minuten vor allen anderen war er da. Als Captain, sollte er ein Vorbild sein für die vielen jungen Spieler in den Reihen der AC Fiorentina, ein Beispiel für Professionalität. Und so waren alle verwundert, als Astori am Sonntag um 9.30 Uhr, als der Rest der Mannschaft schon unten im Frühstückssaal des Hotels in Udine sass, noch fehlte. Man schickte einen Masseur nach oben in sein Zimmer. Um ihn zu wecken. Astori hatte ein Einzelzimmer. Er lag tot im Bett. Mit 31 Jahren. Er hinterlässt seine Frau und eine zweijährige Tochter.

Woran Astori starb, war zunächst nicht klar. Die Staatsanwaltschaft von Udine ordnete eine Autopsie an. Wahrscheinlich ein plötzliches Leiden, ein Herzstillstand möglicherweise, mutmasste der Verein. Davor hatte dem Spieler nichts gefehlt, jedenfalls nichts, von dem man gewusst hätte. Mit der AC Fiorentina liefen die Verhandlungen für eine Vertragsverlängerung bis 2022. Er sollte in dieser Zeit Captain bleiben, der Pfeiler für die Zukunft. Der letzte Mitspieler, der ihn lebend gesehen hat, ist der Torhüter, Marco Sportiello. Die beiden hatten Playstation gespielt, bevor sie ins Bett gingen.

«Ciao Capitano», sagt der frühere Premier Renzi

Die Nachricht von Astoris Tod erschütterte Italien so sehr, dass deshalb auch die Berichterstattung über die Parlamentswahlen für eine Weile ausgesetzt wurde. Der Innenverteidiger aus Bergamo, der im Nachwuchs der AC Milan gross geworden war, war auch italienischer Nationalspieler – auf 14 Einsätze brachte er es.

Matteo Renzi, der frühere Premier Italiens und leidenschaftliche Fan der Fiorentina, twitterte, kaum hatte er nach Stimmabgabe das Wahllokal verlassen: «Das scheint mir so unglaublich zu sein. Ich bin fassungslos und weine mit seiner Familie und der ganzen Fiorentina. Ciao Capitano.»

Der Hashtag Astori war schon nach wenigen Minuten das sogenannte Topthema, weit vor jenem zu den Parlamentswahlen. Der italienische Fussballverband beschloss, alle Sonntagsspiele abzusagen, auch das legendäre Mailänder Derby, das mit grosser Spannung erwartet worden war. Das San Siro war ausverkauft. Der Beschluss des Verbandes reifte wohl beim Anblick der Bilder auf den Bezahlfernsehsendern Sky und Mediaset Premium.

Die stellten sich am Mittag auf den zweiten Teil des 27. Spieltags der Serie A ein und schalteten wie immer von einem Stadion zum anderen. Im Stadion Marassi von Genua, wo um 12.30 Uhr die Mittagspartie Genoa gegen Cagliari hätte stattfinden sollen, wärmten sich die Spieler gerade auf, da überbrachten ihnen Vereinsangestellte die Meldung des Todes. Manche Spieler verliessen den Rasen unter Tränen.

Vor allem die Spieler von Cagliari waren geschockt. Astori hatte sechs Jahre lang auf Sardinien gespielt. Er war eine Art Held auf der Insel, nachdem er 2013 beim Confed Cup in Brasilien, beim Spiel um Platz 3 gegen Uruguay, ein Tor für Italien geschossen hatte. 40 Jahre hatten die Sarden darauf warten müssen, bis endlich mal wieder ein Spieler von Cagliari für das Land traf – 40 Jahre nach dem grossen Gigi Riva.

Buffons bewegender Abschiedsgruss

Bis 2015 blieb Astori bei Cagliari, eine halbe Karriere lang. Dann wechselte er zunächst zur AS Roma, dann gleich weiter nach Florenz, wo er zur unumstrittenen Spielerpersönlichkeit wurde. Die laufende Saison war eine seiner besten. Der Routinier war immer dabei, ein Turm von einem Mann: 1,88 Meter gross, nicht sonderlich schnell, aber kopfballstark und technisch ziemlich versiert. «Piedi buoni», sagen die Italiener, «gute Füsse», wenn ein Verteidiger es schafft, mit dem Ball am Fuss gepflegt aus der Abwehr in den Aufbau zu wechseln. Davide Astori war so einer, der das konnte. Ein klassischer Vertreter der italienischen Verteidigerschule.

Die grosse Anteilnahme aber, die der Tod des Verteidigers nun ausgelöst hat, hing noch mehr an seinen menschlichen Qualitäten als an seinen spielerischen. Sie ging dann auch weit über die übliche Trauerrhetorik hinaus, wie sie in solchen Fällen ja recht reflexhaft einsetzt. Paolo Condò, der bekannte Journalist der «Gazzetta dello Sport», erzählte im Fernsehen, die Reporter hätten beruflich immer die Nähe zu Astori gesucht, weil der mit seiner Sensibilität die Dynamiken in den Mannschaften besser verstand als andere.

«Ciao, caro Asto», schrieb unter anderem Gianluigi Buffon, der grosse Torhüter von Juventus Turin, im vielleicht bewegendsten Zeugnis von allen. «Du warst Ausdruck einer besseren, vergangenen Welt, in der Werte wie Altruismus, Eleganz und der Respekt für den Nächsten noch etwas wert waren. Gratulation, echt, du warst eine der schönsten Persönlichkeiten des Sports, der ich begegnet bin.» Keine Hommage ohne Verbeugung vor dem Menschen. Juventus, für das Davide Astori nie gespielt hat, liess ausrichten: «Vereinsfarben zählen nichts, nur der Schmerz.»

Erstellt: 04.03.2018, 18:05 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...