Torlos unter dem Mikroskop

Gareth Bale hätte alles für eine Weltkarriere in der Leichtathletik: Herz, Lunge, Beine. Als Fussballer von Real Madrid trifft der Waliser das Tor aber nicht oft genug.

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Manchmal lohnt es sich, einem Fussballer genau zuzuhören beim Reden. Als Gareth Bale vor einigen Wochen in einem Gespräch mit einem englischen Sportmagazin gefragt wurde, wie es denn so sei bei Real Madrid, da antwortete der Stürmer mit einer bedenkenswerten Metapher. «Wie unter einem Mikroskop ist das hier», sagte er. Ein passendes Bild. Volk, Medien, Politik. In Spanien fokussieren alle auf diesen Sport. Zoomen die Figuren heran. Zerlegen, studieren, analysieren jede Bewegung, jeden Blick, jede Geste. Alles kommt unter die Lupe, wie im Labor eben. Und wenn das Forschungsobjekt die Erwartungen nicht erfüllt, dann urteilt die pseudowissenschaftliche Gemeinde, die da über dem Mikroskop hockt, recht unakademisch. Mit Geringschätzung, Pfiffen und Schmährufen gar. Man stellt sich das beengend vor, besonders in Madrid.

Gareth Bale brennt gerade unter der Lupe, gut bezahlt und überexponiert. Der 25-jährige Waliser hat nun schon seit acht Spielen kein Tor mehr geschossen. 720 erfolglose Minuten insgesamt. Das ginge noch, wenn er dafür mit entscheidenden Pässen etliche Tore aufgelegt hätte, für Cristiano Ronaldo und Karim Benzema zum Beispiel, seine Kollegen im Sturm. Doch seit sieben Spielen gelingt ihm auch kein Assist mehr. Die momentane Baisse Real Madrids, das am Wochenende die Tabellenführung in der spanischen Meisterschaft verlor und sich nun in der Champions League gegen Schalke 04 etwas Goodwill zurückgewinnen möchte, trägt auch Bales kantige Gesichtszüge. Es ist, schreiben die Zeitungen, als sei der «Express aus Cardiff», wie man Bale auch gerne nennt, gar nie richtig in Madrid angekommen. Eineinhalb Jahre nach der Ankunft, wohlgemerkt.

Phänomenale Transfersumme

Natürlich ist die Kritik überrissen, aber so ist das nun mal eben unter dem Mikroskop. Als Bale im Sommer 2013 vom Londoner Verein Tottenham Hotspur zu Real Madrid wechselte, gaben zwei Dinge viel zu reden: seine Transfersumme und seine Athletik. Beide galten als phänomenal. Bei den medizinischen Tests zeigte sich, dass Herz und Lunge auch für eine Weltkarriere als Sprinter oder Mittelstreckenläufer reichen würden. Bald erzählte man sich in Madrid, Bale sei einfach weitergelaufen, ohne sichtbare Anstrengung, als ihm die Ärzte bedeuteten, die Extremübung sei vorbei. In der Umkleidekabine empfing man ihn dann als «Forrest Gump».

Etwa 100 Millionen Euro sollen die Madrilenen für die Verpflichtung von Bale bezahlt haben. Florentino Pérez, Reals Präsident, wollte den Spieler so sehr, dass er die Preistreiberei mit sich geschehen liess, musste sich dann aber viel Kritik anhören. Bale, so fand man, verfüge nicht über die internationale Erfahrung, die das viele Geld rechtfertigen würde: Mit Wales, seiner Nationalmannschaft, hat er die Welt des Fussballs nie zu bewegen vermocht und wird es wahrscheinlich auch in Zukunft nie tun; und Tottenham ist bei aller Tradition eben doch kein ganz grosser Verein. Vor allem aber wunderte man sich darüber, dass Pérez ausgerechnet einen Spieler holte, dessen Profil sich schier perfekt mit demjenigen des Superstars im Team deckte, mit Cristiano Ronaldo. Beide stürmen ja vorzugsweise auf der linken Aussenbahn, ihrem Habitat.

Der Erbe soll sich gefälligst gedulden

Am meisten irritiert darüber war CR7 selbst, ein Mann, der gerne grosse Schatten wirft und nun plötzlich mit seinem designierten Erben konfrontiert wurde. Mit 30 Jahren schon. Ganz so, wie Pérez sich das ausgerechnet hatte für die Belebung des Umfeldes. In jedem Training, schreibt die spanische Presse, fühlt sich Ronaldo gedrängt, den Neuen an die herrschenden Hierarchien zu erinnern. Jede Übung trachte er zu gewinnen, jedes Trainingsspielchen diene der Bestätigung des herausgeforderten Selbstverständnisses. Sein Agent, der Portugiese Jorge Mendes, liess unlängst ausrichten, Ronaldo werde seine Karriere bei Real Madrid beenden – «mit 38, 39, 40 Jahren». Die Botschaft galt dem Erben, der soll sich gefälligst gedulden, noch ein halbes Fussballerleben lang.

In den Ernstkämpfen musste Bale auf die rechte Aussenbahn ausweichen, wo er sich bis heute nicht sehr wohlfühlt. Besonders die weiten, gezirkelten Diagonalpässe ins Zentrum gelingen dem Linksfuss nun mal nicht so gut mit dem rechten Fuss. Zuweilen wechseln Bale und Ronaldo die Seiten, mitten im Spiel, versuchen so, die Gegner zu verwirren. Im letzten Jahr funktionierte dies gut, zuweilen gar traumwandlerisch. Zusammen mit Benzema gelangen dem BBC-Sturm 2014 in 53 Spielen 119 Tore – eine Quote von 2,2 Toren pro Begegnung. Nun liegt die Quote bei 1,2 Toren pro Spiel. Man verwirrt nicht mehr nur die Gegner, sondern öfter noch einander. Dann gibt es böse Blicke auf dem Platz, klare Gesten. Bale wird vorgeworfen, er spiele allzu individualistisch, passe den Ball selbst dann nicht immer, wenn ein Kollege besser zum Tor stünde, komme seinen defensiven Aufgaben nicht gebührend nach. Freilich, das alles liesse sich auch von Ronaldo sagen. Doch bei Bale ist die Kritik grösser, stärker verzerrt von der Lupe.

Der richtige Mann für die spanische Liga?

Mittlerweile wird die Frage diskutiert, ob er überhaupt geschaffen sei für Spaniens Fussball, für diese taktische Kultur, für das Spiel zwischen engen, von mauernden Gegnern zugestellten Reihen. Wenn er hingegen weite, offene Räume vor sich hat, dann durchmisst er diese mit grossen Ausfallschritten, die leicht ans reiterliche Genre gemahnen. Es sind Bale schon eindrückliche Tore gelungen, wichtige, entscheidende, solche, die Titel sicherten. Die Copa del Rey etwa gewann Real dank eines Tempolaufs von Bale über 50 Meter. Und den Finalsieg in der letztjährigen Champions League, den Gewinn der langersehnten «Décima», prägte er mit seinem zwischenzeitlichen 2:1 nachhaltiger als Ronaldo, der das Resultat mit seinem Penaltytor zum 4:1 lediglich rundete und doch so gockelhaft feierte, als gebe es neben ihm nur Statisten und Diener.

Bales Spanisch hat sich mittlerweile etwas verbessert. Jede Woche mache er Fortschritte, sagt er. Er verstehe jetzt auch die taktischen Sitzungen mit dem Trainer. Und er versteht die kritischen Titel in den Zeitungen. «Es gibt hier Zeitungen, die berichten nur über Real Madrid», sagt Bale. Und sezieren, analysieren, richten jeden Tag.

Erstellt: 09.03.2015, 15:53 Uhr

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