Eine gewichtige Sport-Stimme lässt aufhorchen

Anpfiff um 12.30 Uhr in Mailand zum Derby – wegen Fans in Asien. Begrüssung auf Chinesisch am Stadion-Screen. Was kommt da noch? Der Adidas-Chef geht noch viel weiter.

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Fremdländische Schriftzeichen sind in europäischen Fussballstadien längst nicht mehr aussergewöhnlich. Die Grossclubs bewegen sich global, und vor allem in Asien brummt das Geschäft mit den Fans. Und immer mehr auch das mit den Investoren. In der Premier League ist West Bromwich vollständig in chinesischem Besitz und Manchester City teilweise, in der Serie A gehört Inter Mailand seit vergangenem Sommer einem chinesischen Konsortium.

Erst vor wenigen Tagen zog Stadtrivale AC Milan nach, als die in Hongkong ansässige Rossoneri Sport Investment Group den Club von Silvio Berlusconi erstand. Dessen Ära endete so nach 31 Jahren, neu amtet der Chinese Li Yonghong als Milan-Präsident. Und als nun am Ostersamstag das erste Mailänder Stadtderby des chinesischen Zeitalters angepfiffen wurde, geschah das um 12.30 Uhr MEZ. Zur Primetime in China. Auf der Videowand im Stadio Giuseppe Meazza wurden die Zuschauer in chinesischer Schrift willkommen geheissen.

Schöne neue Fussballwelt? Jein: Neu zumindest ist der Trend nicht. Schon 2003 stieg bei Manchester United der US-Unternehmer Malcolm Glazer ein und Stan Kroenke 2007 bei Arsenal. Die laufend steigenden TV-Einnahmen in den grossen Ligen machten die Clubs zunehmend für Unternehmen aus dem Ausland interessant, von den 92 Teams im englischen Profifussball sind heute 28 in ausländischem Besitz. In der Serie A ist es neben den beiden Mailänder Clubs mit der AS Roma auch ein weiteres der grossen Teams.

Aber das sind alles keine feindlichen Übernahmen – die Clubs streben diese Partnerschaften an. Wie sie auch ihre Mannschaften um die Welt fliegen lassen, um da und dort noch bekannter zu werden, um noch mehr Fanartikel zu verkaufen. Fast alle der Grossclubs touren während der Sommerpause durch Amerika, Australien, Thailand oder China und lassen bei Partien ohne sportlichen Wert, aber in den grösstmöglichen Stadien ihre besten Spieler antreten. Bayern München unterhält in New York ein eigenes Büro und in China eine Fussballschule.

Adidas bezahlt fast eine Milliarde

Und es bleibt nicht bei Freundschaftsspielen. Schon 1993 fand der Supercup des italienischen Fussballs erstmals in den USA statt und 2003 nochmals. In den vergangenen acht Jahren nun wurde er nur noch zweimal in Italien angesetzt – nach China war zuletzt Katar an der Reihe. Vor zwei Jahren hatte die Serie A erwogen, eine Saison mit einem internationalen Spieltag zu eröffnen: zehn Partien in zehn Städten, von New York über Jakarta bis Shanghai. Die Uefa präsentierte vor ein paar Monaten die Idee, den Champions-League-Final künftig in New York durchzuführen.

Nun lässt aus Deutschland eine gewichtige Stimme aufhorchen, die fordert, auch in der Bundesliga mit der Internationalisierung endlich vorwärtszumachen. Im Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» sagt der neue Adidas-Chef Kasper Rorsted: «Die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten – ob uns das gefällt oder nicht.»

Adidas rüstet unter anderem Bayern München und die Nationalmannschaft aus. Das Engagement bei den Bayern kostet Adidas 60 Millionen Euro jährlich, fast eine Milliarde ist es bis zum Ende des Vertrags im Jahr 2030. Zudem hält das Unternehmen aus Bayern zehn Prozent am bekanntesten Fussballclub des Landes. Auf einen solchen Partner wird in der Regel gehört.

Die eher auf Tradition bedachten Fussballfans dürften erschaudern angesichts Rorsteds Aussagen. Konkret spielt es für den Dänen beispielsweise keine Rolle, wo der Final des DFB-Pokals stattfindet: «Was spricht dagegen, wenn er künftig statt in Berlin auch einmal in Shanghai ausgetragen würde? Ich sehe das als Chance. Das wäre nur eine logische Konsequenz.» Seit 1985 ist das Olympiastadion in der Hauptstadt Austragungsstätte des Finals.

Überhaupt gehöre laut Rorsted auch die 50+1-Regel der deutschen Fussballliga (DFL) abgeschafft, die verhindert, dass Grossunternehmer oder Investoren aus dem In- oder Ausland die Mehrheit eines Clubs übernehmen können. Dank (oder wegen) der 50+1-Regel sind Verhältnisse wie in England oder Italien nicht möglich.

Rorsted findet im SZ-Interview jedoch, nur durch eine Abschaffung der Regel und den Einstieg von ausländischen Investoren bei mehreren Vereinen lasse sich das Dauerabonnement der Bayern auf den Meistertitel brechen: «Dann wären grössere Investitionen in Bundesligaclubs möglich, die Liga würde wieder spannender, weil wieder echter Wettbewerb entstünde.»

Erstellt: 18.04.2017, 12:50 Uhr

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