Typisch Favre

Eigentlich sprechen Bruno und Luca über Beziehungen. Weil es ihnen aber bald zu persönlich wird, sprechen sie lieber über einen, von dem sie viel gelesen haben.

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Bruno und Luca sprechen an diesem Morgen über Beziehungen, es ist anfänglich ein sehr privates Gespräch, und Männer sind bei diesem Thema manchmal etwas wortkarg, sie weichen aus, weil es ihnen zu ­persönlich wird und Gefühle mit­spielen und es vor allem sein könnte, dass im Bistro jemand zuhört, was unangenehm wäre.

Und so reden sie bald über die Beziehungen anderer und über einen, den beide zwar nicht persönlich kennen, von dem sie aber schon viel gelesen haben, besonders an diesem Morgen wieder. Bruno hat vor einiger Zeit einmal jemanden getroffen, der ihn gut kennt und mit ihm zusammengearbeitet hat, und der sagte, es sei keine einfache Beziehung mit ihm, sehr kompliziert. Sie reden über Lucien Favre.

Bruno erinnert sich an ein grosses Interview, das eine deutsche Zeitung mit ihm führte, es ist noch nicht lange her, Favre freute sich auf die neue Saison, auch auf die Champions League, in seinem Büro auf der ­Geschäftsstelle von Borussia ­Mönchengladbach hängt eine ­Europakarte, und mit Nadelköpfen sind alle Städte markiert, in denen in diesem Herbst der grosse Fussball gespielt wird. Gladbach, Favres ­Gladbach gehört dazu, nach vielen, vielen Jahren endlich wieder, es sei eine unglaubliche Geschichte, sagt Favre selber.

In diesem Interview, Favre ist gut gelaunt, kommt ein Wort immer wieder vor, fast in jedem zweiten Satz, es ist ein Wort, das viel über Favre und den Menschen Favre aussagt, wie er denkt und ist, es ist das Wort «aber». Er sagt etwas, schränkt dann sogleich ein. Es ist so, aber es könnte auch so sein. Das kann sein, aber man muss auch an das denken. Das stimmt, aber das ist auch möglich. Das ist denkbar, aber ich denke. Ich bin überzeugt, aber das darf man nicht vergessen. Es ist richtig, aber nicht ganz.

Favre ist ein grüblerischer Mensch. Er sucht ständig, plant, verwirft, hat tausend Ideen, sucht die nächste, er zweifelt, zaudert, hadert, ist ­skeptisch, misstrauisch, und er ist sehr pedantisch, will ständig die Perfektion, er sei ein hoch versierter Fussballlehrer und begabter ­Schwarzmaler, hat jemand einmal geschrieben.

Und wie er tickt, hat Brunos Kollege damals an diesem Beispiel gezeigt, «typisch Favre» sei es gewesen, es ging um den Zuzug eines neuen Spielers, es war kurz vor Transferschluss. 23.50 Uhr: Holen wir ihn, er passt hervor­ragend zu uns. 23.52: Oder nein, ich brauche ihn nicht. 23.54: Oder ­vielleicht doch. 23.56: Nein, es geht nicht mit ihm. 23.58: Ich überlege. 23.59, um Mitternacht ist Transferschluss: Ich will ihn, unbedingt!

«Ist es in dieser Nacht zum Sonntag im Kopf von Lucien Favre auch so zu- und hergegangen, als er einsam zu Hause sass in seinem Büro? Oder vielleicht im ­Morgengrauen bei einem Spaziergang», fragt Luca, «hat er ständig überlegt, war er hin- und hergerissen, dachte er einmal so, sofort aber wieder anders, ­grübelte er, weil er Zweifel an sich selber hatte, und verzweifelte er, weil er die Lösung nicht mehr sah und nur noch diesen Ausweg, die Flucht?»

«Vielleicht», sagt Bruno. Lucien Favre habe einmal gesagt, dass ­Kompromisse immer Fehler seien, bevor die beiden aber wieder über Beziehungen reden und es vielleicht wieder privat wird und darüber, dass es in ­Beziehungen doch Kompromisse braucht, in jeder Beziehung, und Beziehungen sonst nicht funktionieren können, stehen die beiden Freunde im Bistro auf und gehen.

Erstellt: 22.09.2015, 08:38 Uhr

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