Uli Hoeness geht und bleibt dennoch

Es spricht viel dafür, dass sich der 67-Jährige schon bald als Präsident zurückzieht. Ein wirklicher Abschied wäre dies aber noch lange nicht.

Kein Mann der leisen Töne: Uli Hoeness sorgte in seiner Karriere für das ein oder andere verbale Highlight. (Video: Tamedia)

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Als Uli Hoeness 1979 beim FC Bayern als Fussball-Manager anfing, wusste er gar nicht, wie so ein Managerjob überhaupt geht. Er hat die Geschichte später immer wieder genüsslich erzählt: wie er sein Sakko über seinen Schreibtischstuhl gehängt und dann überlegt hat, wen man jetzt so anrufen könnte.

Es hat sich dann bald herausgestellt, dass das Herumbringen von Tagen eines von Hoeness’ kleineren Problemen war. Er war immer gut beschäftigt. Er hat das Festgeldkonto erfunden oder wenigstens die Legende davon, er hat den Mia-san-mia-Mythos geprägt, er hat die besten Spieler eingekauft, und zwar gerne bei der Konkurrenz, er hat eine Fussball-Arena in den Münchner Norden gestellt, die Basketball-Abteilung ausgetragen und geboren, und jetzt lässt er ihr auch noch vom österreichischen Milliardär Dietrich Mateschitz eine Halle bauen.

Blumen für die Frau

Wenn Spieler mit dem Trainer unzufrieden waren, sind sie zu Hoeness an den Tegernsee rausgefahren, nicht selten wurde der Trainer dann entlassen. Und wenn sie Blumen für Frau Hoeness dabeihatten, wurde nicht selten ihr Vertrag verlängert.

Uli Hoeness hat den Job des Bundesliga-Managers erfunden.

Und jetzt soll dieser allmächtige Uli Hoeness, der nicht nur den FC Bayern, sondern auch den Job des Bundesliga-Managers erfunden hat, 40 Jahre später aus der Zeitung erfahren, dass er übrigens bei Bayern aufhört?

Tatsächlich hat Hoeness, 67, offenbar keine Macht über jene Geschichte gehabt, die am späten Dienstagabend die Branche aufwühlte. Mit der Meldung der «Bild», wonach er, Hoeness, im November nicht mehr fürs Präsidentenamt kandidiere und sich auch als Chef des Aufsichtsrats zurückziehe, hatte Hoeness offenkundig nicht gerechnet.

Offiziell erst im August

Von ihm stamme die Geschichte nicht, sagte er dieser Zeitung gestern, ansonsten wolle er das weder bestätigen noch dementieren. Weder die Meldung über seinen Rückzug noch jene, wonach der ehemalige Adidas-Chef Herbert Hainer sein Nachfolger werden soll; die Entscheidung über seine Zukunft werde er dem Verwaltungsbeirat am 29. August mitteilen, vorher gebe es von ihm keine offizielle Erklärung.

Das wäre ja wirklich ein unwürdiges Bild. Hoeness als Getriebener seines eigenen Abschieds, überrumpelt womöglich von einer Indiskretion in seiner FC-Bayern-Familie, die sich gerade auch räumlich von ihm entfernt hat. Bis zum Dienstagabend tourte das Team unter Federführung des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge durch die USA. Nein, so soll er bestimmt nicht aussehen, der Tag, an dem Uli Hoeness sein Baby zu treuen Händen übergibt.

Über die unterschiedlichen Zungenschläge der Freundfeinde Hoeness und Rummenigge ist zuletzt viel zu hören gewesen; und folgt man dieser Logik, dann dürfte auf den ersten Blick Vorstandschef Rummenigge einen Tagessieg davongetragen haben. Da stellte er auch noch schnell ­Jérome Boateng eine Zukunft bei Bayern in Aussicht, was Hoeness kürzlich noch ausgeschlossen hatte.

Die Bayern haben in Amerika auch ganz guten Fussball gespielt – und was, wenn demnächst auch noch, wie zu hören ist, der Nationalstürmer Timo Werner als neuer Bayern-Spieler vorgestellt würde?

Einen wirklichen Abschied würde das auf keinen Fall bedeuten.

Wäre das nicht der endgültige Beweis für die souveräne Betriebssicherheit eines Rummenigge-geführten FC Bayern?

«Das wars noch nicht»: Das hatte Uli Hoeness den Clubmitgliedern verschwörerisch zugeraunt, bevor er wegen seiner Steueraffäre ins Gefängnis einrücken musste; und wer den Blick nun vom flüchtigen Tagesszenario löst, dem drängt sich eine 2019er-Version dieses Satzes auf: Das wars immer noch nicht. Zwar dürfte Hoeness Ende August tatsächlich seinen Rückzug von beiden Ämtern bekannt geben, aber einen wirklichen Abschied würde das auf keinen Fall bedeuten.

Keine Sorge beim Basketball

Zum einen könnte Hoeness dem Aufsichtsrat als normales Mitglied erhalten bleiben, auch Vize- oder zumindest Ehrenpräsident könnte er zusätzlich werden. Dazu passen die Signale, die bei der Basketball-Abteilung angekommen sind: Ihnen sei versichert worden, man müsse sich keine Sorgen machen, dass der Förderer Hoeness abhandenkomme, heisst es.

Ausser als Uli Hoeness könnte Hoeness aber auch noch in anderen Erscheinungsformen weiterhin mitregieren. Der designierte Aufsichtsratschef Hainer gilt als langjähriger Hoeness-Vertrauter, auch Oliver Kahn, der designierte Vorstandschef, wird mit Hoeness’ ausdrücklichem Segen im Januar 2020 in den Betrieb zurückkehren, den er führen soll, wenn Rummenigges Vertrag ausgelaufen ist.

Denkt man sich noch den Mönchengladbacher Manager Max Eberl als neuen Sportvorstand dazu, dann wäre dieser Verein immer noch und mehr denn je ein Uli-Hoeness-Verein.

Der radikalste Anhänger

Hoeness geht und bleibt: In den Chefbüros träfe man dann lauter Leute, die dem alten Patriarchen nahestehen; mit Eberl hat Hoeness ja bereits Gespräche geführt, als es darum ging, jenen Sessel des Sportchefs zu besetzen, den im Moment noch Hasan Salihamidzic vorwärmt.

Der radikalste und oft auch brachialste Anhänger von Uli Hoeness ist Uli Hoeness.

Aber Eberl hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er einen Job bei Bayern nicht ausschliesst – und dass er sowieso ein radikaler Anhänger von Uli Hoeness ist. Der radikalste und oft auch brachialste Anhänger von Uli Hoeness ist in all den Jahrzehnten aber schon immer Hoeness selbst geblieben, deswegen hatten viele bis zuletzt an ein anderes Szenario geglaubt: dass Hoeness seinen Freundfeind Rummenigge in den Ruhestand gehen sieht, selbst aber weitermacht.

Doch die vergangene Jahreshauptversammlung, auf der Hoeness die Kritik aus seinem Verein so frontal abbekam wie nie zuvor, hat ihn offenbar nachdenklich gestimmt. «Das trifft mich sehr, sehr», hatte er damals gesagt. Auch ohne den Besitz der höchsten Ämter dürfte Hoeness aber weiterhin sein Sakko über den Schreibtischstuhl hängen und überlegen, wie er Legenden und Mythen seines Clubs weiter pflegt. Die unangenehmen öffentlichen Auftritte würde er künftig allerdings den anderen überlassen.

Erstellt: 25.07.2019, 09:10 Uhr

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