«… und wir spielen ab und zu Mist»

Die erste Saisonhälfte endet für den FC Zürich versöhnlich, doch das 3:1 in St. Gallen bestätigt das Bild einer launischen Mannschaft.

Ein Auf und Ab: Der FC Zürich und Marco Schönbächler.

Ein Auf und Ab: Der FC Zürich und Marco Schönbächler. Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone

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Es war zu erwarten, es musste so kommen, so wollte es das Muster der Hinrunde. Nach einer Demontage folgt eine Reaktion, nach dem 0:5 gegen Servette gewinnt der FCZ in St. Gallen 3:1. So bleibt vom FCZ in erster Linie das Bild einer launischen Mannschaft. Sie schafft es, beinahe im Siebentagesrhythmus von Untergangsstimmung in Euphorie zu wechseln. Und zurück.

Die Gewinner

Was musste er sich anhören, dass er das Tor nicht treffe, dass er ein Fehleinkauf sei. Es wurde gar gehöhnt und erzählt, dass er bei Bayern im Gespräch war. Blaz Kramer hat das mitbekommen. Der Slowene ist ehrgeizig, das bekam man nach den Spielen mit, wenn er erzählen musste, weshalb ihm wenig gelungen war. Es nagte an ihm, es regte ihn auf, es war zu spüren. Doch plötzlich stand er richtig und traf. Einmal, zweimal, am Ende sechsmal. Seine Tore und Pässe brachten dem FCZ Punkte und eine Siegesserie. Es begann mit dem Spiel gegen Basel und ­endete nun vorerst in St. Gallen. Erst legte er Schönbächler auf, dann holt er den Penalty vor dem 2:1 heraus.

Punkte brachte auch Becir Omeragic. Sieben Partien spielte der 17-Jährige von Anfang an, sechsmal gewann der FCZ. Seine Abgeklärtheit und Spielintelligenz erstaunen. Gegen St. Gallen bekam er eine Pause. Ebenfalls gewinnbringend ist die neue Mittelfeldzentrale mit Toni Domgjoni und Simon Sohm sowie Antonio Marchesano mit seinen Einfällen in der Offensive.

Der Transfersieger

Auch er musste sich erst einiges anhören. Seine Transfers seien schlecht gewesen, die Mannschaft sei dürftig zusammengesetzt. Und die Kritiker hatten recht, das muss auch Sportchef Thomas Bickel eingesehen haben, als er vor Transferschluss noch einmal aktiv wurde. Er verpflichtete Tosin Aiyegun, Pa Modou und Vasilije Janjicic. Der Nigerianer Aiyegun ist eine Verstärkung, der Gambier Pa Modou ebenfalls und der Schwamendinger Janjicic eine gute Ergänzung. Und plötzlich schlug auch noch der vielkritisierte Kramer ein. Seit Transferschluss holte der FCZ 25 Punkte. Auch dank der Einfälle von Bickel.

Die Verlierer

Er wurde geholt als Mann des Zentrums, der Nationalspieler Sloweniens kam als Hoffnungsträger. Denis Popovic spielte anfänglich viel, doch es gelang ihm wenig. Darum spielte er bald nicht mehr, und gegen St. Gallen stand er nicht einmal mehr im Aufgebot. So muss man die erste Saisonhälfte einteilen in eine Phase mit und eine ohne Popovic. Ohne ihn läuft es besser. Popovic spürt das und wirkt seither lustlos. Beim Trainieren. Beim Einlaufen an den Spielen. Auf die Frage, was los sei, sagt er: «Fragen Sie den Coach.» Dieser sagt, dass sein Nichtaufgebot ein Signal sei, dass er nicht zufrieden sei. Es wäre keine Überraschung, wenn Popovic den FCZ im Winter verliesse.

Zweiter Verlierer: Assan Ceesay. Auch wenn er noch so gerne möchte, kann er der Mannschaft mit seinen Sturmkünsten nicht helfen.

Die Einbrüche

Der FCZ hat eine negative Tordifferenz – und das hat vor allem einen Grund. Wenn der Club verliert, dann meist hoch (dreimal 0:4 und einmal 0:5 in der Liga, zudem einmal 0:4 im Cup). Es scheint, als habe der FCZ einen Knick im Charakter: Liegt er mit zwei Toren zurück, fällt er auseinander und lässt sich vorführen. Die Kanterniederlagen lassen Trainer Magnin mehrmals ratlos zurück, er hat noch keine Antworten für diese Systemausfälle gefunden.

Der Trainer

Ludovic Magnin sagte einmal, es war kurz nach seinem Start als FCZ-Trainer, dass es eine Frage der Zeit sei, bis die Mannschaft seinen Fussball verstehe und spiele. Die Frage ist also nicht, ob es jemals dazu kommt, sondern wann. Trotzdem gab es eine Zeit in der Hinrunde, da stellte sich die Ob-Frage besonders. Der FCZ kam nicht vom Fleck, eine Entwicklung musste man suchen. Magnin war angezählt, im Clubumfeld erzählt man sich, dass er hauchdünn an einer Entlassung vorbeigeschrammt sei. Kurz darauf gab es fünf Siege in Serie. Es ist ein Beweis, dass Kontinuität sich eben auszahlt. Das geplante vertikale Spiel wurde deutlicher, Selbstvertrauen kehrte in die Mannschaft zurück.

Und trotzdem muss Magnin noch immer beweisen, was er überhaupt kann. Auch wegen der sich wiederholenden Kanterniederlagen. Noch immer lässt sich nach manchen Spielen nicht genau sagen, ob seine Siege System haben oder auf Zufall oder Glück gründen. Das Wort Glück kann Magnin übrigens nicht ausstehen, man müsse die Sache differenzierter betrachten. Für ihn existiert eine Art Lebensglück und ein Wettkampfglück. Zweiteres habe sich seine Mannschaft hart erarbeitet.

Die Aussage

Wenn Marco Schönbächler in Form ist, dann gelingen ihm Dinge, die andere nicht können und wiederum andere als wunderbar beschreiben. In dieser Hinrunde erinnert einiges an den Schönbächler aus seinen besten Zeiten. Ähnlich frech spricht er gegenüber dieser Zeitung über seine Zukunft und davon, dass er sich beim FCZ einen letzten Vertrag geben würde. Fünf Jahre Laufzeit, Stammplatz, guter Lohn, Anschlussvertrag. Diese Lockerheit mündete in folgenden Satz: «Die Journalisten schreiben ab und zu einen Mist zusammen. Und wir spielen ab und zu einen Mist zusammen.»

Der Aufrechte

Yanick Brecher ist seit dieser Saison Captain. Und er hat es als Torhüter nicht einfach. Er war es, der immer und immer wieder bei den Kanterniederlagen den Ball aus dem Tor holen musste. Doch selbst nach diesen bitteren Spielen stand er hin und stellte sich kritischen Fragen. Ganz anders seine Kollegen, die marschierten ohne Worte in die Garderobe.

Der Härteste

Es ist ein Morgen im Dezember, es ist kalt, der Platz in der Brunau gefroren, die Spieler des FCZ sind dick eingepackt, Kappe, Handschuhe, Trainerhosen. Es dampft aus den Mündern der Spieler. Doch einer trägt unten ohne. Kurze Hosen. Nackte Beine. Quizfrage: Wer ist es? Wenn sie es erraten, dann gibt es einen Tamedia-Automatenkaffee aufs Haus. Die Lösung lesen Sie am Ende des Textes*.

Der Lehrblätz

Beim 0:5 gegen Servette fehlten Kramer und Aiyegun gesperrt. Beide versuchten sich in der Partie davor gegen Xamax im Spiel mit der Schwerkraft, sie machten das so ungelenk, dass sie aufflogen und wegen Unsportlichkeit die vierte Gelbe sahen. Ihr Tempo fehlte darauf dem FCZ – Schwalben lohnen sich nicht.

Das Fazit

Der FCZ gewinnt die Spiele, die er muss. Gegen Thun, Xamax, Servette, Luzern, Sion. Er kann über sich hinauswachsen wie gegen Basel und nun gegen St. Gallen. Doch die Exploits werden sekundiert von spielerischen Fiaskos gegen YB, Basel und Favoritenschreck Servette. Mal gut, mal schlecht also. Es sind dies Ergebnisse einer Mittelfeldmannschaft und sie widersprechen (noch) dem präsidialen Anspruch nach einem Spitzenclub.

*Und hier noch die Lösung: Mimoun Mahi.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 15.12.2019, 19:30 Uhr

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