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Ungeklärte Todesfälle in Katar

Ein neuer Report übt scharfe Kritik an den Arbeitsbedingungen im Gastgeberland der Fussball-WM 2022.

Wenn junge Bauarbeiter in Katar sterben, diagnostiziert die Regierung gerne Herzoder Atemstillstand. Foto: Warren Little (Getty)
Wenn junge Bauarbeiter in Katar sterben, diagnostiziert die Regierung gerne Herzoder Atemstillstand. Foto: Warren Little (Getty)
Keystone

Der Fussball-Weltverband Fifa drängt laut eigenen Aussagen auf bessere Arbeitsbedingungen in Katar, dem Ausrichterland der WM 2022. Auch viele Clubs, die über Sponsorenverträge Ölmillionen aus dem Golfstaat in ihren Betrieb einfliessen lassen, geben sich oft tief besorgt. Das Emirat selbst hat Besserung und Schutzmassnahmen für die Arbeiter auf den Baustellen versprochen. Doch kommt das Vorhaben nach Einschätzung von Experten kaum voran.

In einem heute Mittwoch publizierten Bericht fordert die international tätige Organisation Human Rights Watch (HRW) die Fifa und deren Mitgliedsverbände nun auf, die «Massnahmen zum Schutz der Bauarbeiter» zu forcieren; es geht um «Hitzerisiken und vermeidbare Todesfälle». HRW tritt für die Wahrung der Menschenrechte ein und findet, der Fussball müsse in diesem Sinne Druck auf Katar ausüben.

HRW geht weiterhin von Todesfällen im Zusammenhang mit der WM-Bautätigkeit aus. Der Bericht hält zwar fest, dass das zuständige Supreme Committee Fortschritte eingeleitet habe – so sei im Vorjahr ein besseres Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Arbeitspausen festgelegt worden, um die klimatischen Belastungen durch Hitze und Feuchtigkeit auszubalancieren. Doch das sei zu wenig, um Gesundheitsrisiken zu vermeiden und Todesfälle zu verhindern. Zumal diese Massnahmen nur für jene Arbeitsmigranten gelten, die direkt an den WM-Baustellen tätig sind, also rund 12 000 Menschen. Das sind aber nur 1,5 Prozent der rund 800 000 Bauarbeiter, die im Emirat insgesamt tätig sind.

«Jährlich Hunderte Todesopfer»

Zudem dürfte eine grosse Zahl der nicht direkt am Stadionbau Beschäftigten dennoch für WM-Arbeiten eingesetzt werden – etwa bei der Infrastruktur. «Wenn Katars WM-Organisatoren ein klimabasiertes Arbeitsverbot verhängen können, dann kann auch die Regierung Katars dem folgen und für einen besseren Hitzeschutz für alle Arbeiter sorgen», sagt Sarah Whitson, HRW-Direktorin für den Mittleren Osten.

Human Rights Watch rügt dezidiert die undurchsichtige Darstellung von Todesfällen unter den Wanderarbeitern. Das Emirat habe auf Anfrage mitgeteilt, dass es 2016 zu 35 Todesfällen am Arbeitsplatz kam, die sich «meistens aus Stürzen, vermutlich auf Baustellen», ergeben hätten. Die Gesamtzahl der Todesfälle habe die Regierung jedoch nicht vorgelegt. Demgegenüber würden vereinzelte Informationen von Botschaften der Herkunftsländer der Beschäftigten belegen, «dass die Zahl der jährlichen Todesopfer in die Hunderte geht». Das betrifft vor allem Arbeiter aus Bangladesh, Indien und Nepal.

Da es keine Autopsien gibt, sei es schwer möglich, konkrete Todesursachen zu ermitteln. Schon eine 2014 in Auftrag gegebene Untersuchung habe gezeigt, dass es ungewöhnlich viele Fälle von Herzstillstand gebe – «ein allgemeiner Begriff, der keine Todesursache benennt». Katars Behörden hätten es versäumt, zwei Schlüsselempfehlungen von damals umzusetzen. Zum einen habe Katar seine Gesetze nicht reformiert, um Autopsien gerade bei «unerwarteten oder plötzlichen Todesfällen» zu ermöglichen. Zudem habe das Land «keine unabhängige Studie zu der anscheinend hohen Anzahl von Todesfällen veranlasst, die vage auf Herzstillstand zurückzuführen sind».

Beispielhaft zeigt sich das anhand der Informationen, die das Supreme Committee über die Todesfälle vorlegte. Demnach wurden bei WM-Projekten zwischen Oktober 2015 und Juli 2017 acht Todesfälle als «nicht arbeitsbezogen» eingestuft. Sieben davon wurden mit «Herzstillstand» und «akutem Atemstillstand» begründet. Für HRW «Begriffe, die die zugrunde liegende Todesursache verdecken und es unmöglich machen, festzustellen, ob sie mit Arbeitsbedingungen wie dem Hitzestress zusammenhängen». Auch bezieht sich die Zahl an «nicht arbeitsbezogenen» Todesfällen nur auf Arbeiter, die unmittelbar auf WM-Baustellen tätig waren.

Aus Kreisen einiger HRW-Mitarbeiter, die mit dem Bericht befasst waren, heisst es nun, Katar gehe nicht richtig mit dem System um, welches das Verhältnis von Arbeit zu Pausen festhält; die Daten würden auf «grobe Fahrlässigkeit» hinweisen. Katar habe gegenüber Human Rights Watch erklärt, dass 2016 mehr als 400 Stunden Arbeitsunterbrechungen gestattet worden seien; auf Basis der klimatologischen Daten für diese Zeit haben HRW-Mitarbeiter allerdings einen weit höheren Bedarf an Arbeitspausen errechnet.

700 Stunden zu viel gearbeitet

Demnach hätten die Arbeiter mehr als 700 Stunden unter Bedingungen malocht, die nicht zur Arbeit geeignet seien; basierend auf einem 8-Stunden-Tag entspricht das fast 90 vollen Arbeitstagen. Diese Rechnung stelle die ungeklärten Todesfälle, zumal unter überwiegend jungen Männern, sowie die nicht zertifizierten Todesursachen in einen «wichtigen Kontext». Dazu heisst es im offiziellen HRW-Bericht: Katar solle das auf die Sommerarbeitszeiten beschränkte Arbeitsverbot «ersetzen durch eine rechtsverbindliche Anforderung, die auf den tatsächlichen Wetterbedingungen basiert».

Was HRW dem Emirat vorhält, ist auch als Botschaft an dessen Nutzniesser im Fussballgeschäft gerichtet. «Die Fifa und die Verbände sollten verdeutlichen, dass sie Gesetz- und Praxisveränderungen erwarten, die ein Golf-weites Beispiel dafür sind, wie man Bauarbeiterleben rettet. Jetzt – und in Zukunft», teilt HRW-Direktorin Whitson mit.

Der Bericht kommt womöglich nicht zufällig an dem Tag heraus, an dem zwei vom Emirat gesponserte Fussballclubs aufeinandertreffen: Paris St-Germain und der FC Bayern München. Erstere machten zuletzt Schlagzeilen durch den 222-Millionen-Euro-Transfer des Brasilianers Neymar, den Katar finanzierte. Und die Münchner verkündeten jüngst, dass der Flughafen von Katar, der bereits seit einiger Zeit als sogenannter Platinsponsor des deutschen Rekordmeisters firmiert, nun auch als sichtbarer Sponsor auf dem Trikotärmel wirbt. Geschätzt 10 Millionen Euro pro Saison, heisst es, fliessen in die Kasse; konkrete Zahlen nennt der FC Bayern nicht.

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