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Ungelöste Ultra-Problematik in Italien

Italien findet im Kampf gegen gewalttätige Fussballfans keine Lösung. Es fehlt an adäquaten Präventivmassnahmen. So richtet sich die Wut der Ultras inzwischen immer mehr gegen die Ordnungskräfte.

Chaos: Ausschreitungen sind rund um italienische Fussball-Spiele an der Tagesordnung.
Chaos: Ausschreitungen sind rund um italienische Fussball-Spiele an der Tagesordnung.
Keystone

Der italienische Fussball kriegt sein Hooligan-Problem nicht in den Griff. Der jüngste Vorfall ereignete sich vor etwas mehr als vierzehn Tagen beim WM-Qualifikationsspiel Bulgarien - Italien in Sofia. Zwischen Anhängern beider Fanlager und der Polizei war es zu Ausschreitungen gekommen, nachdem italienische Randalierer unter faschistischen Sprechchören eine bulgarische Fahne angezündet hatten. Als Konsequenz stellt nun der italienische Fussballverband (FIGC) den Tifosi bis auf weiteres keine Tickets mehr für Auswärtsspiele der Nationalmannschaft zur Verfügung. Dabei wäre gerade die «Schande von Sofia», wie die linksgerichtete Tageszeitung «La Repubblica» die Ereignisse kommentierte, vermeidbar gewesen. Bereits Wochen vor dem Länderspiel hatten die Ultras ihre geplanten faschistischen Aktionen in einschlägigen Internetforen grossspurig angekündigt.

Massnahmen greifen nicht

Die italienischen Sicherheitskräfte hatten es aber offensichtlich versäumt, rechtzeitig Präventivmassnahmen zu ergreifen. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison zeigte der Calcio seine hässliche Fratze aus Gewalt, Rassismus und blinder Wut. Bereits am ersten Spieltag Ende August hatten gewalttätige Anhänger von Napoli den Zug, der sie zum Auswärtsspiel nach Rom hatte bringen sollen, demoliert, Mitreisende aus ihren Abteilen geworfen und schliesslich bei ihrer Ankunft in Rom den Bahnhof Termini verwüstet. Dabei hatten sich Fussballverband und italienische Regierung vor dem Meisterschaftsstart zuversichtlich gegeben.

Mit rigorosen Massnahmen wie dem kollektiven Ausschluss der Gästefans bei Risikospielen, nicht übertragbaren Tickets, elektronischen Drehkreuzen an den Stadioneingängen sowie Videoüberwachung glaubte man, der Ultra-Problematik einen Riegel vorgeschoben zu haben. Das sich die sogenannte «Nulltoleranz» bereits in der Vergangenheit als zu wenig effizient erwiesen hatte, schwieg man bewusst tot.

So wollten die Verbandsfunktionäre wohl allzu schnell die Ereignisse vom Februar 2007 vergessen machen lassen. Damals verlor der sizilianische Polizeiinspektor Filippo Raciti anlässlich des Derbys Catania gegen Palermo bei Tumulten rund um das Stadion «Angelo Massimino» sein Leben. Die Meisterschaft war danach wochenlang unterbrochen. Als Konsequenz fanden mehrere Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Probleme wurden damit allerdings lediglich aufgeschoben. Nur ein paar Monate später, im November 2007, führte die Nachricht vom Tod des Lazio-Fans Gabriele Sandri, verursacht durch einen Schuss aus der Dienstwaffe eines Polizisten an einer Autobahnraststätte in der Nähe von Arezzo, zu schweren Ausschreitungen.

In mehreren italienischen Städten lieferten sich militante Ultras mit den staatlichen Ordnungskräften wüste Strassenschlachten. Gerade an diesen Ereignissen manifestiert sich die Trendwende des Phänomens «Ultrà»: Hatten sich früher rivalisierende Gruppen noch gegenseitig die Köpfe eingeschlagen, werden nun zunehmend die Polizeikräfte und damit der Staat zur Zielscheibe der Gewalt. Die Bilanz des letzten Jahres spricht von zwei Toten und über 360 Verletzten. Zweihundert davon waren Polizisten.

Die Macht der Ultras

Organisiert sind die italienischen Ultra-Vereinigungen meist streng hierarchisch. Die Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der Gruppe sind so simpel wie erschreckend zugleich. Mit jedem Petardenwurf, jedem Stadionverbot und jeder Justizanklage steigt das Prestige innerhalb der Gemeinschaft. Gemäss Statistik des italienischen Innenministeriums wurden fast 4000 Ultras bereits mit einem Stadionverbot belegt. Die Anführer geniessen nicht nur innerhalb der Gruppe hohes Ansehen. Oft reicht ihr Einfluss bis in die Spitzen der jeweiligen Fussballklubs hinein. So beteiligten sich beispielsweise die berüchtigten xenophoben «Irriducibili» (die Unbeugsamen) jahrelang am Merchandising und Ticketverkauf von Lazio Rom.

Als Claudio Lotito das Präsidentenamt des Römer Klubs 2004 übernahm, sagte er den ultrarechten Fans den Kampf an. Privilegien wie Gratistickets für Auswärtsspiele oder Charterflüge an Europacup-Spiele wurden ersatzlos gestrichen. Seitdem betritt Lotito das Römer Olympiastadion nur noch unter Polizeischutz.

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