«Unterschätzt nie den Underdog!»

Die Kampfansage des nordirischen Trainers an die Schweiz – und die Glückwünsche von Prinz William.

Zu Besuch bei Crusaders FC. Video: Fabian Sanginés

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Die Angebote am Schaufenster des Reisebüros tönen verlockend. Madeira, Venedig, ein Abstecher nach Las Vegas oder als Alternative an grauen, nassen Tagen: für 31 Pfund nach Alicante. Das Tattoo-Studio Joker hat noch freie Termine. Und auf einem Plakat wirbt David Beckham für teure Uhren.

Belfast wirkt an diesem Mittwoch unaufgeregt, dabei naht ein Abend, an dem das ganze Land in die Stadt schaut. Nordirlands Nationalmannschaft empfängt die Schweiz, es geht in zwei Spielen um die WM-Teilnahme. Spürbar ist die Zuversicht. Nur einer grätscht dazwischen. Alex Frei, der Schweizer Rekordtorschütze, gibt im «Belfast Telegraph» eine ernüchternde Prognose für die Einheimischen ab: «Wir gewinnen in Nordirland 2:1 und dann 3:0 in der Schweiz.»

Ordenträger Davis

Im Vorort Holywood residiert die nordirische Delegation im Culloden Estate and Spa, einem Haus mit fünf Sternen und freiem Blick auf die Irische See, eine feinere Hoteladresse gibt es im Land nicht.

Steven Davis sitzt mit verschränkten Armen an einem Tisch, der mit grünem Tuch überzogen ist. Vor ihm liegen Diktiergeräte von Journalisten. Der Mann ist begehrt, gerade in diesen Tagen hat er einiges zu erzählen. Die Partie scheint weit weg. Der 32-Jährige spielt bei South­ampton, in der Heimat ist er Captain und das Herz des Nationalteams. Journalist Steven Beacom sagt: «Wenn Davis gut ist, ist Nordirland gut.»

Vergangene Woche erlebte der Mittelfeldspieler einen speziellen Moment abseits des Rasens, und davon berichtet er nun. Er bekam eine Einladung in den Buckingham Palace und erhielt dort von Prinz William einen Verdienstorden. Er ist nun Member of the British Empire und darf sich MBE Davis nennen. Berührend sei dieser Moment gewesen, als er die Auszeichnung erhalten habe, «es war ein denkwürdiger Tag», sagt er. Und: «Prinz William wusste, dass wir zweimal gegen die Schweiz antreten müssen, und wünschte uns alles Gute.»

Heute bestreitet Davis sein 100. Länderspiel und ist ganz zufrieden, dass es in der Barrage nicht gegen Italien geht, auch nicht gegen Kroatien. Das Los hält er für das bestmögliche, «aber vermutlich», sagt er, «denken die Schweizer dasselbe». Und: «Wir wollen etwas erreichen, auf das wir und alle Leute stolz sein können.»

Kein Nordire steht bei Arsenal unter Vertrag, keiner bei Juventus oder Milan. Dafür ist jeder Nordire draufgängerisch und selbstbewusst, «wir alle wissen, was kämpfen bedeutet», betont Davis. Im Tor steht Michael McGovern, Reservist bei Norwich City in Englands Championship, die stämmigen Abräumer vor ihm heissen Gareth McAuley und Jonny Evans, beide von West Bromwich Albion, beide mit Vorlieben für Duelle in der Luft; Oliver Norwood von Fulham ist der Ballverteiler; und vorne taucht Josh Magennis auf, 1,88 Meter, 89 Kilo, ein Mann mit einer erstaunlichen Geschichte. Er war Goalie bei Cardiff City, bis er mit 18 mangels Perspektiven die Lust verlor, die Handschuhe beiseitelegte und fortan Stürmer sein wollte. Derzeit hat er einen Vertrag bei Charlton in der dritten englischen Liga. Und meldet: «Es gibt für mich nichts Schöneres, als Tore zu erzielen. Und wie verrückt wäre es, wenn ich so mithelfen könnte, dass wir in Russland dabei sind?»

Fussball im Blut

Das Flutlicht brennt an der Shore Road, es ist Dienstag, das erste von zwei Trainings in der Woche für die Crusaders steht bevor. Wer ihnen dabei zuschauen will, biegt in die St Vincent Street ein, fährt vorbei an Backsteinhäusern, stoppt vor der Clubbeiz, läuft quer durchs Lokal und findet sich dann im Stadion mit dem originellen Namen Seaview wieder, 3300 Plätze bietet es.

Es ist nicht die Bühne für den grossen Sport, wer hier spielt, tut das nach Feierabend. Im Durchschnitt sind am Match­tag 1400 Besucher da. «Ob 500 oder 50'000, das ist egal», sagt Stephen Baxter, «wir haben Fussball im Blut, wir lieben dieses Spiel.» Der 52-Jährige ist der Trainer des FC Crusaders, dem Dritten der Zwölferliga, und eigentlich sollte er sich jetzt um sein Team kümmern. Aber das Aufwärmen überlässt er den Assistenten, «die brauchen mich dafür nicht». Er bittet in ein Sitzungszimmer.

An der Wand hängt ein Bild, das den Coach mit zwei Trophäen zeigt, über dem Türrahmen fällt ein Wimpel von Servette auf, in einer Vitrine stehen Pokale, und im Kopf von Baxter sind die Erinnerungen. Etwa an seinen ersten Besuch in den Siebzigerjahren in diesem Stadion, als der FC Liverpool mit Kevin Keegan vorbeischaute und Vater Baxter seinen Buben mitnahm. Wie seine Abneigung gegenüber Liverpool entstand und die Liebe zu Manchester United wuchs. Oder wie er selber für die Crusaders, Linfield und Glenavon stürmte und manchen Titel gewann.

Baxter ist nie Profi gewesen. Seit 21 Jahren führt er sein eigenes Sportartikelgeschäft. Das erklärt seine Gelassenheit, was den Trainerjob angeht: «Ich habe nie Angst vor einer Entlassung.» Die Crusaders haushalten mit einem Budget von rund 500'000 Franken pro Jahr, ihren besten Spielern überweisen sie monatlich gegen 1500 Franken. Er wünscht sich, dass junge Talente mehr Geduld mitbringen und länger in der heimischen Liga bleiben. «Aber dann gehen sie nach Schottland oder England, viele schon mit 12 Jahren», sagt er, «mit 16 kehren sie desillusioniert zurück. Was bringt das?»

Heute Abend wird Baxter mit seiner Mannschaft früher mit dem Training anfangen und danach mit ihr im Social Club – der Stadionbeiz – den Nordiren am TV gegen die Schweiz zusehen. Er wünscht sich ein 2:0, und er hält das nicht einmal für unrealistisch, weil für ihn die nordirischen Eigenschaften zum Vorschein kommen werden: Kampfkraft, Stolz, Demut. Und dann ist da noch der Trainer, «ein Meister der Taktiker», schwärmt er, «was Michael O’Neill macht, ist fantastisch. Die Schweiz ist auf dem Papier besser, ja, aber O’Neill hat eine klare Idee, was es für den Erfolg braucht.» Als höflicher Mensch schickt Baxter als Gruss einen Rat an die Schweizer: «Unterschätzt nie den Underdog!»

Also, Stephen Baxter, wer qualifiziert sich? «Nordirland, natürlich!»

Loyal und laut

Am Donnerstag werden sie den Windsor Park füllen und für eine Atmosphäre sorgen, die jüngst selbst die deutschen Spieler bei ihrem Auftritt in Nordirland beeindruckte, obwohl die Kulisse mit 18'000 Zuschauern überschaubar ist. «Diese Fans sind sehr leidenschaftlich und friedlich. Sie unterstützen ihre Spieler, sie feiern sie», sagte Mats Hummels. Die Supporter sind als «Green and White Army» bekannt, und wenn das Hinspiel vorüber ist, brechen sie zu Tausenden Richtung Basel auf – ganz viele von ihnen zwar ohne Tickets, aber es ist für sie Ehrensache, bei einer solchen Mission Nähe zur Mannschaft zu demonstrieren. Und es gibt sogar welche, die nach Norditalien fliegen, gruppenweise ein Auto mieten und in die Schweiz fahren, um so Geld zu sparen. Sie organisieren sich über die sozialen Medien und freuen sich auf ein Abenteuer am Wochenende. «Die Fans sind sehr loyal», sagt Jayne McCormack, Journalistin bei BBC News in Belfast, «sie waren in schlechten Zeiten da, sie sind es in den guten erst recht.» Und nicht vergessen werden soll: «Sie lieben es, laut zu singen.»

Video: Stimmen aus Belfast

BBC Journalistin:«Die Schweizer Fans werden umgehauen»

Als Nordirland 1986 letztmals an einer WM teilnahm, war McCormack noch gar nicht auf der Welt. Wenn danach grosse Turniere stattfanden, gehörten die Sympathien in der Familie der heute 28-Jährigen den Engländern. Im vergangenen Jahr erübrigte sich das, weil die eigene Auswahl an der EM dabei war und gleich weit kam wie die Schweiz – in die Achtelfinals. «Frankreich war für mich der beste Beweis, welche Ausstrahlung diese Mannschaft hat», sagt McCormack, «unabhängig von ihrer Religion standen die Leute vereint hinter unseren Spielern. Und für mich ist klar, dass es ein Verdienst von Michael O’Neill ist. Er bringt die Nordiren zusammen.»

Moulin: «Wir setzen uns durch»

Kaum stand die Schweiz als Barrage-Gegner fest, versorgte O’Neill seine Spieler mit Hausaufgaben. Der Trainer pflegt das immer so zu tun, er erwartet, dass sich seine Mannschaft mit dem beschäftigt, was auf sie zukommt. Und als am 17. Oktober die Barrage-Paarungen klar waren, dachte Christophe Moulin: «Das ist sehr gefährlich für die Schweiz.» Der 46-jährige Neuenburger arbeitete von 2006 bis 2011 für den nordirischen Verband als Ausbildner, Analytiker, Scout und Trainer. Er lebte in dieser Zeit mit seiner Familie in Enniskillen, knapp zwei Autostunden von Belfast entfernt.

Er lernte «spontane, gemütliche und sehr nette» Menschen kennen. Und er stellte eine enorme Begeisterung für den Fussball fest: «Die erste Frage war immer: Wie heisst du?Und die zweite: Welche Mannschaft unterstützt du?» Nun ist Moulin wieder in der Schweiz, er ist beim Verband als Ressortleiter Nachwuchsförderung angestellt, und er weiss, was heute auf die Mannschaft zukommen wird. «Die Nordiren haben im Hinspiel ein grosses Ziel: kein Tor erhalten», sagt er, «sie werden gut organisiert und gefährlich bei stehenden Bällen sein.» Und: «Die Ambiance im Windsor Park wird verrückt sein.» Wie Journalistin McCormack weiss Moulin: «Wenn das Nationalteam spielt, ist das ganze Land vereint, da hat kein Glaube einen Einfluss.»

Moulin hätte sich gewünscht, dass sowohl Nordirland als auch die Schweiz an der WM dabei sind. In der Barrage soll es die Schweiz schaffen. Und klar ist für ihn: «Wir setzen uns durch. Weil wir die bessere Mannschaft sind.»

Es finden sich ziemlich viele Nordiren, die ihm widersprechen.

Erstellt: 08.11.2017, 23:40 Uhr

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