«Nicht der Präsident, sondern die Spieler entlassen den Trainer»

Auch Bernard Challandes wurde schon als Trainer beim FC Zürich abgesetzt – nun rät er Urs Meier, das Vertrauen in sich zu bewahren.

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Hat Sie die Freistellung von Urs Meier als FCZ-Trainer überrascht?
Ja, weil sie sehr früh in der Saison kommt. Und Nein, weil der Fussball so funktioniert – nicht nur beim FCZ. Und der Fussball ist wie der Spiegel der Gesellschaft.

Das heisst?
Die Geduld ist nicht vorhanden, das gilt ganz generell im Geschäftsleben oder auch im politischen Alltag. Und mit den Medien, vor allem den sozialen, kann noch schneller Druck erzeugt werden, mit anonymen Kommentaren, mit Meinungsmache in den Foren. Wenn der ­Erfolg ausbleibt, melden sich die unzufriedenen Sponsoren, die Fans werden unruhig, die Medien stellen Fragen und haben halt auch Einfluss. Wie ein Trainer arbeitet, was er unter der Woche macht, das ist dann nebensächlich.

Was denken Sie, wenn Sie von einem Club hören, dass er eine langfristige Strategie mit einem Trainer hat?
Ach, das sind Worthülsen. Wenn von ­einem Fünfjahresplan geredet und dann behauptet wird, dass etwas Langfristiges aufgebaut werden soll, ist das für mich nur Gerede. Wo gibt es das wirklich noch?

Kann ein Club höchstens noch von Monat zu Monat planen?
Von Monat zu Monat? Von Spiel zu Spiel! Das ist das heutige Schicksal eines Trainers. Er lebt einzig und allein von den Resultaten. Liefert er sie nicht, muss er gehen. Aber es ist nicht der Präsident, der ihn entlässt.

Sondern?
Es sind die Spieler. Schauen Sie sich das Zürcher Derby vom Sonntag an, das dritte Gegentor in der Nachspielzeit. Ein Ball von der Seite, und im Zentrum ist keiner vom FCZ bereit, aggressiv zu sein, den Gegner entscheidend zu stören und mit Entschlossenheit wenigstens das 2:2 zu retten. Ist das die Schuld des Trainers? Nein! Aber es ist der Trainer, der für diese Aussetzer bezahlt. Mir passierte das als Coach von Armenien auch. Der Ball flog gegen Albanien an den ­Pfosten statt ins Tor, darum jubelten die Leute nicht, sondern warfen mir falsche Wechsel vor. Ja, und dann bekam ich die Quittung. So nahe liegen Glück und Pech beieinander.

Befallen einen in solchen Momenten Selbstzweifel?
Nein, ich bin deswegen doch kein schlechter Trainer. Urs Fischer ist ein guter Trainer, das sieht man – und er wurde beim FCZ entlassen. Challandes war ein guter Trainer, er wurde Meister mit dem FCZ – und dann entlassen. Meier war und ist ein guter Trainer. Er hat vor einem Jahr gegen den FC?Basel den Cup gewonnen, er hat die Europa League erreicht. Alles gut. Dann zeigt die Mannschaft für eine gewisse Zeit nicht mehr eine Topmotivation, und schon ist Meier in Gefahr. Ein Trainer muss damit leben, dass es in der öffentlichen Wahrnehmung keinen Grau-bereich gibt: Heute ist der Trainer der Held, morgen ist er der Bettler.

Wie war es für Sie, beim FCZ unter Ancillo Canepa zu arbeiten?
Absolut problemlos. Wir waren zwar nicht immer einer Meinung, aber die Zusammenarbeit war stets korrekt. Jede Woche trafen wir uns zu einer Sitzung, wir assen etwas und diskutierten ausführlich über alles. Aber er hat mir nie vorgeschrieben, welche Taktik ich anwenden sollte. Er sagte mir nie, wen ich einsetzen müsste.

Hat der FCZ aus Ihrer Sicht eine Strategie?
Es wäre unfair, wenn ich mir ein Urteil erlauben würde. Dafür müsste ich viel näher beim Verein sein.

Kann man als Trainer heute noch Freude haben am Job?
Wieso nicht?

Weil Sie selber sagen, dass die Gefahr, rasch büssen zu müssen, erheblich ist.
Als Trainer musst du sehr, sehr, sehr stark sein im Kopf. Das ist klar, in unserer Gesellschaft, bei der Art und Weise, wie der Fussball funktioniert. Nur wenn du gewinnst, ist alles richtig. Und fertig!

Sion-Präsident Christian Constantin hat also doch recht, wenn er sagt, dass der Totomat einen Trainer entlasse.
In diesem Sinn hat er recht, ja. Aber das heisst nicht, dass er auch sonst immer recht hat.

Sie sind schon mehrmals entlassen worden. Gewöhnt man sich als Trainer irgendwann daran?
Gewöhnen kann man sich nicht daran, es berührt einen jedes einzelne Mal. Eine Entlassung ist hart. Aber ich bin ­jemand, der immer wieder aufsteht und den Kopf hochhält. Ich weiss genau, dass ich meinen Job gemacht habe. Ich habe beim FCZ eine Supermannschaft gehabt – mit Hassli, Abdi, Alphonse, Djuric, Tihinen, wir gewinnen und gewinnen, wir spielen guten Fussball, mit Pressing und so. Und dann sind ein paar Spieler verletzt, ein paar gehen weg, ein paar sind nach der Champions League nicht ganz bei der Sache. Aber ich? Ich bin noch immer der gleiche Challandes, ich habe gut gearbeitet, sehr gut, ich habe viel gearbeitet. Wir verlieren in Aarau, und ich bin weg. Mein Beruf ist mit diesem Risiko verbunden. Ich weiss, ich bin nicht Arsène Wenger, nicht Alex Ferguson, aber ich bin auch keine Null.

Was raten Sie Urs Meier?
Er muss ruhig bleiben, er muss das Vertrauen in sich behalten. Er kann ein ­wenig traurig sein, das ist nach dem, was geschehen ist, normal. Aber er muss sich sagen: «Ich habe einen Super-Job ­gemacht beim FCZ.» Ja, Urs kann stolz auf sich sein.

Welchen Trainer empfehlen Sie dem FCZ?
Ich könnte einen empfehlen, aber ich verzichte lieber darauf (lacht).

Weil Sie sich selber nennen würden?
Wenn Cillo (Canepa) mich anruft, sage ich ihm nicht gleich Nein, Nein, Nein.

Erstellt: 04.08.2015, 21:11 Uhr

Bernard Challandes (64).

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