Vergöttert und doch verdammt

Atlético Nacional, einst der Lieblingsverein des Drogenbarons Pablo Escobar, träumt von alter Grösse und feiert eine lange ersehnte Errungenschaft.

Über 4 Millionen Fans hat Atlético Nacional auf Facebook, rund 50'000 sind es jeweils im Stadion Atanasio Girardot.

Über 4 Millionen Fans hat Atlético Nacional auf Facebook, rund 50'000 sind es jeweils im Stadion Atanasio Girardot. Bild: Keystone

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Das grün-weiss gestreifte Trikot mit dem Schriftzug des Limonadeherstellers Postobon ist in Medellin so etwas wie eine zivile Uniform. Es gibt Ecken in der Stadt, da machen die Träger von Atlético-Nacional-Shirts gut und gerne 20 Prozent aus. Und das längst nicht nur an Matchtagen. Als Nacional am vergangenen Sonntag durch einen Penaltysieg über Junior de Barranquilla seinen 15. Meistertitel gewann, verwandelte sich Medellin von den Armenvierteln an den Hängen bis ins gutsituierte El Poblado in einen freudetrunkenen Tatzelwurm aus Feuerwerk, Fahnen und jenem weissen Schaum, mit dem hier bei Fussballfeierlichkeiten alles vollgesprüht wird.

War früher der 1993 getötete Drogenbaron Pablo Escobar der grösste Geldgeber von Nacional, so sind es heute die Fans. Kein Verein im Land hat mehr Anhänger als die Grünweissen (allein auf Facebook sind es über 4 Millionen), keiner setzt mit Merchandising annähernd so viel um. Der bislang einzige Sieg in der Copa Libertadores, dem südamerikanischen Pendant zur Champions League, liegt dennoch schon über 26 Jahre zurück. 1989 schlugen die mit Nationalspielern wie Leonel Alvarez, Andrés Escobar, René Higuita, Gabriel Gomez und Luis Fernando Herrera gespickten Grün-Weissen im Final den Club Olimpia aus Paraguays Hauptstadt Asuncion. Kolumbiens damaliger Staatspräsident Virgilio Barco gratulierte der Mannschaft überschwänglich zum Titel, obwohl längst klar sein musste, woher das Geld für die Nationalspieler kam.

So sieht es aus, wenn Nacional spielt. Video: Youtube.

An der kommenden Copa Libertadores nimmt Nacional nun einen neuen Anlauf. Die Mannschaft von Trainer Reinaldo Rueda, der seit einem Studium an der Sporthochschule Köln fliessend Deutsch spricht nicht, muss sich aber mit der Rolle des ambitionierten Aussenseiters begnügen. Kolumbiens Liga zählt seit dem Versiegen der Drogengelder nicht mehr zu den finanziell wirklich lukrativen Destinationen, entsprechend bescheiden ist der internationale Leistungsausweis ihrer Vereine.

Dass Once Caldas, ein Club aus Manizales, 2004 die Copa gewann, war mehr eine Laune des Fussballgotts als eine logische Entwicklung. Zudem sieht der Verband auch die höchste Spieklasse des Landes als Ausbildungsliga. Es sind – wie in Europa vor dem Bosman-Urteil – nur vier Ausländer pro Equipe erlaubt. Alexander Mejia, einer der international bekannteren Spieler in der Meistermannschaft von Nacional, kehrte nur nach Medellin zurück, weil er sich in der mexikanischen Liga nicht durchsetzen konnte. An der WM 2014 hatte er immerhin fünf Partien für das kolumbianische Nationalteam absolviert.

In Kolumbien überragend, international wegen der Schwäche der heimischen Liga zum Hoffen auf ein Wunder verdammt, so könnte man die Situation von Atlético Nacional zusammenfassen. Fürs Erste aber sind die Anhänger einmal zufrieden. Der 15. Titel am vergangenen Sonntag war nämlich nicht irgendeiner, sondern ein ganz bedeutender: Nacional ist nun alleiniger Rekordmeister und muss sich diese Ehre nicht länger mit den Millionarios aus Bogota teilen. Die besten Anhänger der Welt hat der Club wohl ebenso, er wird geradezu religiös verehrt. (Newsnet)

Erstellt: 24.12.2015, 16:25 Uhr

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