Voller Tank und hohes Tempo

Martin Schmidt ist seit drei Wochen Trainer von Bundesligist Mainz, aber das ist nur eine Facette seines Lebens: Der bald 48-jährige Oberwalliser lotet gerne Grenzen aus.

Erfahrener und neuer Schweizer Bundesligatrainer: Gladbachs Lucien Favre (links) und Martin Schmidt, aufgestiegen im FSV Mainz. Foto: Pixathlon

Erfahrener und neuer Schweizer Bundesligatrainer: Gladbachs Lucien Favre (links) und Martin Schmidt, aufgestiegen im FSV Mainz. Foto: Pixathlon

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Die Stimme kratzt, schon wieder, es sind die hörbaren Spuren der Anstrengung, von Arbeit, wie sie hier ankommt. ­Irgendwann hat er auch die Ärmel hochgezogen, demonstrativ, und einfach ignoriert, dass es langsam kühl wird an diesem Abend, an dem er mit seiner Mannschaft Mönchengladbach empfangen hat. Dabei hängt daheim im Kleiderschrank doch mindestens ein halbes Dutzend warmer Winterjacken des Clubs, alle noch unberührt. Martin Schmidt friert selten, in Mainz sowieso nicht, und das ist es eben auch, was sie an ihm mögen: diese unzimperliche Seite an ihm. Und dieses Wilde ist ein ­Signal an seine Spieler: «Wehrt euch!»

Schmidt ist Trainer, schon lange ­eigentlich, aber vor drei Wochen hat er eine Bühne betreten, die seinen Alltag verändert hat. Bald 48 ist er, ein Walliser aus Naters, befördert zum Cheftrainer beim FSV Mainz. Und seit er das ist, wird er ausgeleuchtet.

Plötzlich weiss die deutsche Fussballwelt, dass er ein verrückter Typ sein muss, einer mit dieser Geschichte: ­Automechaniker, Garageninhaber, Mechaniker in der Tourenwagenmeisterschaft, Mitbesitzer einer Textilfirma, Jodler, Extrem-Skifahrer, furchtloser Biker, sieben Kreuzbandrisse, zwei gebrochene Halswirbel-Fortsätze. Schmidt gibt viel her für das Bild eines Trainers, der aus dem Rahmen fällt.

Der Taktikfanatiker

Das samstägliche Spektakel ist vorüber, und Schmidt sitzt im Bauch der Coface-Arena, er atmet bei einer Tasse Kaffee durch. Eben ist er Lucien Favre begegnet, einem Berufskollegen mit anderem Bekanntheitsgrad, Gladbach ist zu Gast gewesen, hat aber nicht gewinnen können. Mainz hat dem Favoriten ein 2:2 abgerungen, ein beachtlicher Erfolg.

Schmidt trägt längeres Haar und Trainingsanzug, die Merkmale erinnern an Jürgen Klopp, den Dortmunder mit Mainzer Vergangenheit. Der Schweizer ist, wie Klopp auch, nie ein besonders begabter Fussballer gewesen. In Naters ist er mit fünf Schwestern und einem Bruder aufgewachsen, hier hat er auch selber gespielt, ist von der 3. Liga bis in die NLB aufgestiegen, Hingabe und Biss haben ihn durch jede Stufe begleitet. Und mit 34 hat er für sich die Faszination entdeckt, Trainer zu sein und selber eine Mannschaft zu formen. Er führt den FC Raron in die 2. Liga Inter; er steigt später mit der U-21 des FC Thun in die 1. Liga auf, tüftelt an taktischen Feinheiten und schiebt, wenn er Kollegen zum Bier trifft, zur Veranschaulichung seiner Idee gern Gläser und Zahnstocher auf dem Tisch herum. «Er lässt nicht locker, bis das Gegenüber es begriffen hat. Oder Forfait gibt», sagt Marco Decurtins, ein ehemaliger Teamkollege in Naters.

Rastlos – und kreativ

Im Berner Oberland steht er im Ruf, ein unersättlicher Fussballkonsument zu sein. «Er schaute alles, was im Fernsehen angeboten wurde, egal aus welcher Liga», erinnert sich Sportchef Andres Gerber, «aber bei aller Akribie war er auch total normal: ein lustiger Kerl, ein feiner Mensch.» Über Thun findet er 2010 nach Mainz zu den Reserven, weil der damalige Trainer Thomas Tuchel von Schmidts Spielstil angetan ist. Dem Oberwalliser gelingt auch mit der Mainzer U-23 der Aufstieg, dieses Mal in die 3. Bundesliga, das stärkt seine Position im Club. 2014 erwirbt er die Uefa-­­­Pro-Lizenz in der Schweiz, und Yves Débonnaire, der Ausbildner beim Verband, spürt: «Da ist einer, der für das lebt, was er macht, er schaut ­dafür nicht auf die Uhr.»

Und vor drei Wochen wurde Schmidt auf den Chefsessel befördert, er, den in der Schweiz nur Insider gekannt haben, ist in der Bundesliga angekommen.

Schmidt ist rastlos, unnachgiebig, er geht ans Limit «und meistens darüber hinaus». Sagt er selber. Das erfordert Energie, aber das ist nie ein Problem: «Das Benzin geht mir nicht aus.» Der gläubige Katholik findet seine Kraftquellen beim Lesen, Bücher hat er oft drei parallel zur Hand. Er geniesst es auch, in Mainzer Cafés Zeitungen zu lesen.

Wenn seine Schwester Miranda Schöpfer im Bekleidungsgeschäft in Brig für ein Problem dringend eine Lösung sucht, ruft sie Martin an: «Er lässt nie ­locker und ist auch kreativ. Irgendetwas fällt ihm immer ein.» Das passt zu ihm, der bei Raron einst einen Jahreskalender mit Halbnackt-Fotos von sich und den Spielern machen und den Erlös der Behindertenstiftung Insieme zukommen liess. «Junge, gesunde Leute konnten so Behinderten helfen», sagt er.

Ideenreichtum schadet auch jetzt in Mainz nicht. Es geht um den Ligaerhalt, und das verlangt selbst einem Unerschütterlichen wie ihm viel ab. Eigentlich versteht er sich nicht als Mann für den Notfall, sondern als einer, der ein Team entwickelt. Der das schnelle Umschaltspiel pflegt, die saubere Ordnung, und zum Stil gehört auch das «nach vorne verteidigen». Gegen Mönchengladbach steht Schmidt vor seiner dritten Partie nach dem 3:1 gegen Frankfurt und dem 0:2 bei Hoffenheim. «Wir sind nur ein Karnevalsverein», tönt es aus den Lautsprechern, feine Selbstironie, alle singen mit. «Gebt mal ordentlich Gas!», ruft der Speaker ins Mikrofon. 34'000 füllen die Arena, Pfiffe gibt es keine. Nicht, als die gegnerische Aufstellung bekannt gegeben wird, auch nicht, als Mainz in Rückstand gerät, zuerst 0:1, dann 0:2. Es sieht schlecht aus nach 73 Minuten.

«Emotionale Fettverbrennung»

Aber dann, der Freistoss. Geis nimmt aus 30 Metern Anlauf und hat das Glück, dass Goalie Yann Sommer den Ball, den er halten müsste, passieren lässt. Jetzt ist der Moment, da Schmidt die Ärmel hochkrempelt, er tut es so, dass es alle sehen, und vier Minuten später ist er nicht zu halten. Er gilt als Trainer, der viel mit Emotionen arbeitet, und die zeigt er in dem ­Moment auch, als das 2:2 gefallen ist. Begeistert sind alle, der Speaker ist sowieso nicht mehr zu bremsen. «Wir gehen in die emotionale Fettverbrennung!», schreit er, «wir wollen die drei Punkte!» Seine Stimme bebt.

Zum Sieg reicht es zwar nicht, aber immerhin zu einem Resultat, das sich wie ein Sieg anfühlt. Präsident Harald Strutz fällt Schmidt um den Hals. Und als er hört, wie der Trainer an der Pressekonferenz mit Feuer redet, sagt er strahlend: «Der passt einfach zu uns.» Und: «Offensichtlich brauchen wir in Mainz einen Mann wie ihn, der Leidenschaft zeigt und vermittelt.» Aber er stellt auch klar: «Nur mit Emotionalität geht das nicht. Es braucht eine hohe Fachkompetenz. Und die hat Schmidt.»

Als Schmidt nach Mainz kam, lernte er schnell, wie wichtig selbstbewusstes Auftreten ist, wie sehr verlangt wird, «die direkte Ansprache zu pflegen», so nennt er das. Er hat keine 50 Länderspiele wie andere Kollegen, er kann nicht auf den Erfahrungsschatz aus 15 Jahren als Profi zurückgreifen. «Wenn ich vor 20 Profis stehe», sagt er, «darf keine ­Faser des Körpers Unsicherheit verraten. Ich muss meine Ideen, meine Philosophie überzeugend vermitteln.»

Schmidt, der mitten in Mainz wohnt, wird inzwischen oft erkannt und angesprochen. «Mein Weg hat schon etwas von dem eines Tellerwäschers, der sich hochgearbeitet hat», sagt er und erzählt von Zuschriften fremder Leute, die ihn als Vorbild bezeichnen. Er bekommt viel Lob, aber das verleitet ihn nicht dazu, abzuheben, im Gegenteil. Schmidt hat mehrere Einladungen erhalten, um sich an Expertentische zu setzen oder in Sportsendungen aufzutreten. Er lehnte konsequent ab. «Ich gehöre da noch nicht hin», sagt er, «Klopp, Favre, Schaaf, das sind Trainer, die das dürfen, ich muss mir den Status zuerst erarbeiten.»

Zuerst liefern, dann reden

Daheim im Wallis sind sie stolz auf ihn, und wenn «dr Martin» im Fernsehen ­redet, «dann kann ich das fast nicht glauben», sagt seine Schwester Miranda, «aber er ist wie immer: Er beherrscht es, zu referieren.» Beim Einstand von Schmidt gegen Frankfurt waren sie alle da, die Geschwister, selbst Vater Beat, 82 inzwischen. Als sie Martin damals in ­Naters mit einem Kreuzbandriss vom Platz trugen, war der Vater letztmals an einem Spiel gewesen, er mochte es nicht mehr ansehen. Für Schmidt war es ein besonders berührender Moment, dem Vater im Stadion um den Hals zu fallen.

Im Sommer wird Schmidt für ein paar Ferientage in die Heimat fahren, von der er die Berge vermisst und natürlich den Schnee. Früher verbrachte er 50 Tage auf Ski, heute sind es höchstens noch 10. Aber jetzt ist er auch Bundesligatrainer. Noch hat er einen Vertrag als U-23-Trainer, aber Sportdirektor Christian Heidel hat signalisiert, dass sich das in den nächsten Tagen ändern wird. Das heisst sicher auch: mehr Lohn. «Ich mache den Job nicht wegen des Geldes», erklärt Schmidt, und er sagt es so, dass man ihm das abnimmt.

Er hat seinen Weg genau deshalb so gemacht, weil er das hohe Tempo liebt. Trotzdem findet er nicht, dass die Zeit zu schnell vorbeigeht. «Ich glaube, ich habe mein Leben doppelt gelebt bis jetzt», sagt er, «die letzten 20 Jahre . . . unglaublich.» Es ist spät geworden an diesem Samstag, Schmidt muss los.

Erstellt: 08.03.2015, 20:59 Uhr

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