Vom Flüchtling zum Fussballstar

Chadrac Akolo kommt als Flüchtling aus dem Kongo in die Westschweiz und wird Spektakelmacher beim FC Sion – seine Geschichte hält den 21-Jährigen dazu an, nicht abzuheben.

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Was haben sie nicht ­alles gesehen, diese Augen? Und wirken sie in dem Moment nicht nachdenklich, gar traurig? Der Blick ist starr und die Stimme brüchig, als der junge Mann sagt: «Was ich ­erlebt habe, ist unfassbar.» Dann lächelt er kurz: «Ja, meine Geschichte ist ein Wahnsinn.»

Es ist die Geschichte von Chadrac Akolo, die Geschichte eines Afrikaners, der mit den Eltern aus seiner Heimat flieht, in der Westschweiz Asyl beantragt und das Glück hat, dass sein Talent als Fussballer nicht verborgen bleibt. Das verhilft ihm zum Aufstieg, zum Profivertrag beim FC Sion und so zu einem ansehnlichen ­Salär, mit dem er seine Familie unterstützen kann. Aber sich deswegen den Kopf verdrehen lassen? Oder auf einmal das Gefühl ­haben, etwas Besseres zu sein als die ­Kollegen, ein Star? «Nein, nein», antwortet der 21-jährige Stürmer auf Französisch, «die Gefahr ist klein, dass mir das passiert. Ich werde nie vergessen, woher ich komme. Und dass ich dankbar sein muss, nun ein Leben führen zu dürfen, das zehnmal einfacher ist als in Afrika.»

In Kinshasa nannten sie ihn «Zidane»

Zur Welt kommt Akolo in der ­Demokratischen Republik Kongo, die früher Zaire hiess. ­Armut, Korruption, Ausbeutung, das Rekrutieren von Kindersoldaten, schwere politische Unruhen – all das prägt das Land, das 60-mal so gross ist wie die Schweiz. In Kinshasa wächst Akolo auf, diesem Moloch mit über zehn Millionen Einwohnern, und lernt als Kind, mit wenig bis nichts auszukommen. Es kommt vor, dass er am Abend nach Hause kommt, aber nichts auf dem Tisch steht, weil sich die Familie nicht jeden Tag ­Essen leisten kann. Also kickt er mit seinen Freunden auf Sandplätzen. Oft bis die Dunkelheit hereinbricht und er so müde ist, dass er den Hunger vergisst. «Dann», sagt er, «bin ich daheim ins Bett gefallen und habe sofort geschlafen.»

«Hallo, ich heisse Chadrac. Darf ich bei euch mitspielen?»Chadrac Akolo

Chadrac liebt die unbeschwerten Stunden mit seinen Kumpels, er liebt es, dem aus Textilfetzen selbst gebastelten Ball barfuss nachzurennen, und keiner beherrscht das Spiel so gut wie er. «Zidane» rufen sie ihn, weil sie wissen, dass Zinédine Zidane mit dem Ball so wunderbar elegant umgehen kann. Akolo gefällt das.

Aber es naht der Tag, an dem er seine Kollegen aus dem Stadtteil Kintambo zurücklässt. Der ­Vater, ein Pfarrer der neu-apostolischen Kirche, sehnt sich nach einem besseren, sicheren Leben und will seiner Frau folgen, die bereits in der Waadtländer Gemeinde Bex Asyl beantragt hat. Mit dem 14-jährigen Chadrac bricht er 2009 zu einer gefährlichen Reise über das Mittelmeer auf, begleitet von Ängsten, ob sie jemals ihr Ziel ­erreichen, begleitet von der Ungewissheit: Was wird aus uns?

Akolo schafft es nach Bex, wobei er heute nichts darüber erzählen will, wie seine Flucht ablief: «Das soll mein Geheimnis bleiben.» Die Familie wird im Flüchtlingszentrum von Bex einquartiert.

Chadrac füllt den Alltag mit Fussball aus, erstmals darf er das auf Rasen tun und ist begeistert: «Das ist im Kongo ein Privileg der Nationalmannschaft.» Von seiner Tante, die in Yverdon wohnt, erhält er sein erstes Paar Fussballschuhe. Diesen Stolz hütet er wie einen Schatz. Er findet neue Freunde, aber einige von ihnen sind über Nacht plötzlich nicht mehr da, weil sie abgeschoben werden. Akolo ist alt genug, um die Vorgänge zu ­verstehen. Manchmal stellt er sich die bange Frage: Sind wir die Nächsten?

«Chadrac ist einer dieser seltenen Instinktfussballer.»Trainer Peter Zeidler

Eines Tages geht er in die Offensive. Als sich die C-Junioren des FC Bex auf einen Trainingsmatch vorbereiten, klopft er an deren Garderobentür. Anthony Tagan öffnet, er ist der Trainer und gerade daran, seinen Spielern zu erklären, was er von ihnen erwartet. Er ist erstaunt, als ihm ein Junge entgegenblickt: «Hallo, ich heisse Chadrac. Darf ich bei euch mitspielen?» – «Warst du schon einmal in einem Club?» – «Nein.» Tagan sagt trotzdem: «Okay, zieh dich um.» Akolo streift sich ein Trikot über, ein bisschen fühlt er sich nun wie ein Grosser. Er setzt sich auf die Bank, aber dann braucht es ihn. Tagan schickt ihn zum Warm­laufen, und aus dem Augenwinkel registriert er, wie Akolo sich bewegt und was er mit dem Ball anstellt. Er denkt: «nicht schlecht».

Bex liegt im Rückstand gegen Aigle, den ungeliebten Gegner aus der Nachbarschaft, gegen den eine Niederlage selbst in einem bedeutungslosen Spiel nur schwer verdaubar wäre. Tagan wechselt ­Akolo ein. Und ist so entzückt wie sprachlos. Der kleine Afrikaner dribbelt. Sorgt mit seinen Toren für die Wende. Erhält Lob, das ihm guttut. Akolo läuft zwar zigfach ins Offside, weil er eine taktische ­Schulung bis dahin nie gehabt hat. Dafür bringt er sonst alles mit, was ihn von allen anderen abhebt.

Die Tagans wollen Akolo vor Schurken schützen

Tagan bringt ihm die Feinheiten des Spiels bei, und Chadrac Akolo will lernen. Mit 16 debütiert er in der 2. Liga inter beim FC Bex. Sein Fleiss ist so unbändig wie sein Wille, Profi zu werden, damit das Bleiberecht in der Schweiz zu ­erhalten und zu erreichen, wovon jeder seiner Freunde in Kinshasa träumt. Zusammen mit seinem ­Vater Raphaël kümmert sich Anthony Tagan darum, dass Akolo sich beim FC Sion präsentieren darf, sie ermöglichen ihm auch eine Probewoche beim FC Basel. Mit dem Durchbruch klappt es nicht, also schaut sich Chadrac nach Alternativen um. Er denkt an eine Elektrikerlehre und schnuppert als Maurer. Aber er benötigt keine zwei Tage, um zu merken, dass er dafür nicht geschaffen ist.

Noch einmal nimmt er einen Anlauf als Fussballer. Und lässt sich nicht mehr aufhalten. Sion wird 2013 wieder sein Verein, im Mai 2014 erhält er seine ersten ­Minuten in der Super League. Im Februar 2016 lässt er sich nach Neuenburg ausleihen, um ein halbes Jahr bei Xamax in der Challenge League zu verbringen. Dort trifft er auf ­Michel Decastel, seinen Förderer und beeindruckten Trainer: «Akolo hat nach jedem Training eine Zusatzschicht eingelegt. Er hat eine enorme Lust demonstriert, vorwärtszukommen.»

Akolo schiesst seine ersten Tore in der Challenge League, kehrt zurück ins Wallis, und als Peter Zeidler im August neuer Trainer wird, ist das auch das Glück des Kongolesen. Er darf nun wirbeln in der Offensive, diese Freiheiten gewährt ihm der Chef nicht nur, er wünscht sich von Akolo explizit, dass er sie auslebt. «Chadrac ist einer dieser seltenen Instinktfussballer», sagt Zeidler, «wenn er mit dem Rücken zum Tor den Ball bekommt, macht er Dinge, die für den Verteidiger nicht voraussehbar sind.» Er könnte auch sagen: Dann sorgt der 1,72 m grosse Akolo für Spektakel. Zu elf Toren und vier Assists hat das in dieser Saison bislang gereicht, an sich ein ganz guter Wert, aber er ist nicht gut genug, um den Spieler zufrieden zu machen: «Ich kann noch viel besser werden.»

Seine Leistungen arbeitet er mit seinem Vater Jean kritisch auf, grössten Wert legt er auch auf die Meinung der Tagans aus Bex, die für ihn Stützen geblieben sind. «In diesem Geschäft gibt es ziemlich viele Schurken», sagt Anthony ­Tagan, «wir wollen ihn vor Typen bewahren, die nur daran denken, ihn auszunutzen.» Er ist stolz, dass die jüngsten Erfolge ihn nicht verändert haben: «Er hat die Demut beibehalten.» Diese Eigenschaft verdankt Chadrac auch seinem Vater, den er als seinen persönlichen Helden bezeichnet: «Wie er mit allen Schwierigkeiten fertiggeworden ist, das verdient meinen ganzen Respekt.» Dann schweigt er für ein paar Sekunden. Er hat die Aufenthaltsbewilligung, aber die Situation seiner Familie beschäftigt ihn. Dürfen Vater, Mutter und die Geschwister dauerhaft in der Schweiz bleiben? «Es ist noch nicht ganz sicher. Ich hoffe einfach.»

Für Constantin ist klar: «Akolo muss für die Schweiz spielen»

Akolo liest gerne französische ­Literatur. Er hat Träume, nur behält er die für sich. Er ist eher peinlich berührt, wenn er angehimmelt wird von Fans, wenn er in aller Munde ist. Trotzdem ist er glücklich. «Eigentlich hat der zweite Teil meines verrückten Lebens angefangen», sagt er, «und ich habe nichts dagegen, wenn es noch verrückter wird.» Das könnte es werden, wenn er den roten Pass bekommt und für die Schweizer Nationalmannschaft stürmen würde. Der Kongo buhlt um ihn, aber Chadrac zögert. Und er zögert wohl auch, weil er bei Sion einen Präsidenten hat, der sich für die Einbürgerung starkmacht und Akolo bald in der Schweizer Auswahl sieht. «Der muss für uns spielen. Er ist charakterlich perfekt, und er verfügt über Qualitäten, die nicht mancher hat», ruft Christian Constantin ins Telefon, «er wird für die Schweiz ein Gewinn sein!»

Constantin ist so angetan von Akolo wie Zeidler und die Tagans, wie die Freunde und die Fans, wie Decastel auch, der sagt: «Wenn der FC Sion in absehbarer Zeit einmal Meister werden will, darf er Akolo jetzt sicher nicht verkaufen.» Chadrac Akolo, der Flüchtling von gestern, ist der Begehrte von heute mit der Überzeugung: «Es hängt nur von mir ab, was ich aus meinem Leben mache.» Ist er stolz auf das, was er bis jetzt erreicht hat? Sein Blick wandert in den Raum, in seinem Gesicht ist keine Regung erkennbar. «Stolz? Noch nicht.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.02.2017, 23:09 Uhr

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