Vor dem heutigen Georgien-Spiel: Eine Übersicht

Mit vier Punkten aus zwei Partien kann sich das Nationalteam an die EM spielen. Was der Coach sagt – und wie hoch die Boni für Verband und Spieler sind.

Nationaltrainer Vladimir Petkovic äussert sich vor den entscheidenden Partien zur Ausgangslage und den Ambitionen. (Video: Tamedia)

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Es ist Häppchenzeit bei der Nationalmannschaft. Allerdings nur, was die Öffentlichkeitsarbeit angeht. Das ist schon aus Erfahrung nicht die Paradedisziplin des wichtigsten Schweizer Fussballteams. Diese Woche haben sich Spieler und Trainer besonders rargemacht. Es war der Wunsch von Vladimir Petkovic.

Der Trainer: «Wir dürfen keinen falschen Schritt machen»

Volle Konzentration auf die Arbeit, so wollte es der Nationalcoach. Deshalb redeten ab Montag nach jedem Training nur zwei Spieler, zehn Minuten vielleicht. Und der Mittwochstermin, an dem die Fussballer häufig längere Interviews geben, fiel weg.

Zwei Spiele noch sind es in der EM-Qualifikation. Heute Freitag gegen Georgien in St. Gallen (ab 20.45 Uhr im Ticker). Am Montag in Gibraltar. Im besten Fall reicht der Schweiz ein Unentschieden. Ganz sicher an der Endrunde ist sie mit vier Punkten. Und es ist gar möglich – aber sehr unwahrscheinlich –, dass die Schweiz schon am Freitagabend als Euro-Teilnehmer feststeht. Wenn Gibraltar in Dänemark punktet. Und die Schweiz Georgien schlägt.

Jetzt aber ist Donnerstagnachmittag. Vladimir Petkovic sitzt im Medienraum des Kybunparks von St. Gallen. Hinter dem Fenster rauscht die A 1. Der Trainer sagt: «Wir dürfen keinen falschen Schritt machen.» Was er damit auch meint: dass er kein Zittern und Wursteln erleben möchte in den nächsten Tagen.

Der Verband: Es locken mindestens 10 Millionen Euro

Schafft die Schweiz die Qualifikation, muss der Schweizerische Fussballverband (SFV) Platz im Tresorraum freiräumen. Insgesamt verteilt die Uefa 371 Millionen Euro an die 24 Teilnehmer. In Frankreich 2016 waren es noch 301 Millionen.

Für den SFV ist finanziell nichts wichtiger als die A-Nationalmannschaft. Spielt sie gut, geht es ihm gut. Gerade hat die Credit Suisse als wichtigster Sponsoringpartner ihren Vertrag verlängert, das allein bringt über fünf Millionen Franken jährlich ein. 2018 generierte der SFV die höchsten Einkünfte durch Sponsoringpakete (18,7 Millionen), WM-Teilnahme (17,6 Millionen), TV-Rechte (11,7 Millionen) und Mitgliederbeiträge (6,4 Millionen).

Qualifiziert sich die Schweiz für die Euro 2020, kann sie mit Nettoeinnahmen von mindestens 10 Millionen Euro rechnen.

• 9,25 Millionen Euro gibt es von der Uefa als Antrittsgage.

• 1,5 Millionen für Siege in den Gruppenspielen, 0,75 Millionen für ein Remis.

• 2 Millionen zusätzlich ist der Achtelfinal wert.

• 3,25 Millionen der Viertelfinal, der das grosse Ziel ist.

Und so geht es immer weiter. Der Europameister kann 34 Millionen Euro einspielen.

Von der WM-Endrunde in Russland blieben dem Verband nach Abzug ­aller Kosten – vor ­allem für die Reise und Spielerprämien – 3 Millionen Franken. Die Turniereinnahmen sind für ihn entscheidend, um vom Kinderfussball bis zum A-Nationalteam kompetitiv zu bleiben. Einen 2-Jahres-Zyklus ohne Qualifikation für EM oder WM könnte der SFV verkraften. Schafft er es zweimal in Folge nicht an die Endrunde, müsste er seine Ausgaben überprüfen.

Die Spieler: Geheime Boni, die gar nicht so geheim sind

Ist die Nationalmannschaft erfolgreich, kommen auch Trainer und Spieler nicht zu kurz. Petkovic soll gemäss NZZ neben seinem Jahreslohn von einer Million Franken eine halbe Million Prämie erhalten, wenn sich die Schweiz an die EM spielt. Die Boni der Spieler wurden früher noch öffentlich bekannt gegeben. Nun sollen sie geheim bleiben, doch so richtig gelingt das nicht. Es ist geschwätzig im Fussballbusiness.

In der Qualifikation für Russland 2018 gab es pro eingesetzten Spieler und Sieg 10 000 Franken, für das WM-Ticket erhielt jeder Spieler pro Einsatz weitere 10 000 Franken. Die Zahlen dürften in dieser Kampagne ähnlich sein. Die Prämien für die EM 2020 müssen noch ausgehandelt werden. Erfahrungsgemäss fliesst rund ein Drittel der Nettoeinnahmen an die Spieler, sofern die Mannschaft mindestens den Achtelfinal erreicht. Scheitert sie in der Gruppenphase, gibt es wohl erheblich weniger Geld.

Die Endrunde: 12 Städte und die grössten Partien in London

60 Jahre nach der ersten EM 1960 findet das Turnier 2020 in 12 Städten zwischen Bilbao und Baku statt, Halbfinals und Final werden in London ausgetragen. So variantenreich die Spielorte sind, so verwirrend ist der Qualifikationsmodus. Direkt an der Endrunde sind die zwei erstplatzierten Mannschaften aller zehn Qualifikationsgruppen. Die restlichen vier Plätze werden im Playoff der Nations League ausgespielt – allerdings erst im März. Der Schweiz bleibt also ein Hintereingang, sollte sie jetzt nicht die nötigen Punkte einspielen.

Wem das nun bereits zu kompliziert ist, der springt bitte zum nächsten Abschnitt. Wer es noch etwas verwirrender mag, dem sei noch dies mitgegeben: Die EM-Gruppen werden Ende November in Bukarest ausgelost. Theoretisch. Denn je nach Siegern im März-Playoff sind Veränderungen in Gruppen und Spielplänen möglich. Die Uefa-Funktionäre, die gerne betonen, dass Sport und Politik nichts miteinander zu tun haben, wollen verhindern, dass Konfliktparteien aufeinandertreffen.

Die Aufstellung: Acht Spieler fehlen der Schweiz

Schär, Shaqiri, Embolo, Freuler, Gavranovic, Mehmedi, Drmic und Zuber fehlen dem Nationalteam in diesen Tagen verletzt. Lichtsteiner spielt bei Augsburg nur teilweise, Rodriguez bei Milan gar nicht mehr, und Xhakas Zukunft bei Arsenal ist ungewiss, seit er sich als Captain mit dem eigenen Publikum angelegt hat. Zwei Siege müssten trotzdem zu schaffen sein gegen die Nummern 90 und 196 der Weltrangliste. Petkovic sagt, er habe Xhaka jüngst erlebt wie immer im Nationalteam, und fügt an, Xhaka sei einer jener Spieler, die nach einem Schritt zurück zwei vorwärts machten.

Im Hinblick auf Georgien warnt Petkovic zwar vor dem gegnerischen Konterspiel und den Standards. Das ändert aber nichts daran, dass er am Freitag die ersten drei von sechs Punkten erwartet. Und bevor er aufsteht und sich verabschiedet, verkündet er noch forsch: «Unsere Ambitionen sind unbegrenzt.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 15.11.2019, 12:01 Uhr

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