«Frauen, Männer – ist nicht so easy»

Die beste Schweizer Fussballerin sollte den besten Schweizer Fussballer interviewen. Dann hat Granit Xhaka den Spiess umgedreht.

Trafen sich im WM-Trainingslager zu einem Gespräch: Lara Dickenmann (32) und Granit Xhaka (25). Foto: Anoush Abrar

Trafen sich im WM-Trainingslager zu einem Gespräch: Lara Dickenmann (32) und Granit Xhaka (25). Foto: Anoush Abrar

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Das Magazin — Frau Dickenmann, Sie haben ein paar Fragen an Herrn Xhaka vorbereitet.

Dickenmann — Ja, aber heikle sind nicht viele darunter. Höchstens eine.
Xhaka — Wie war deine Saison?

Dickenmann — Wir haben das Double gewonnen, Pokal und Meisterschaft. Von daher war es richtig geil. Leider haben wir den Champions-League-Final in Kiew gegen Olympique Lyon verloren.
Xhaka — Das habe ich gehört.

Dickenmann — Der Match kam vier Wochen zu spät. Fünf Tage vorher Pokalendspiel – 120 Minuten plus Penaltyschiessen –, davor drei englische Wochen. Gegen Lyon liefen alle auf dem Zahnfleisch. Nach fünf Minuten in der Verlängerung schiessen wir das 1:0, zwei Minuten später bekommen wir eine Rote. Danach wurden wir überfahren.
Xhaka — Eigentlich lief alles nach Plan: Ihr macht das 1:0 in der Verlängerung.

Dickenmann — Aber dann haben wir es verkackt. Wir dachten: Jetzt sitzen wir einfach tief, es dauert nur noch 25 Minuten. Aber zu zehnt ist nichts mehr gegangen.
Xhaka — Pokal und Meisterschaft, ist doch super!

Dickenmann — Es ist mein zweites Double mit Wolfsburg. Was für uns gut war: Die Männer waren schwach, sie mussten in die Relegation. Plötzlich waren wir das Aushängeschild des Vereins, das war schön.
Xhaka — Wir haben bei Arsenal auch Frauenfussball. Aber so richtig Kontakt zu den Spielerinnen haben wir nicht. Man sieht sich ab und zu im Kraftraum, sagt hallo und tschüss, mehr nicht. Wie ist das bei euch?

Dickenmann — Wir haben eigentlich gar keinen Kontakt zu den Männern, obwohl die Stadt mega klein ist.
Xhaka — Nicht mal zu den Schweizern?

Dickenmann — Martin Schmidt, den Schweizer Trainer, habe ich mal mit meinen Mannschaftskolleginnen Vanessa Bernauer und Noëlle Maritz zum Kaffee getroffen. Aber von den Spielern keinen. Bei Lyon, wo ich vorher war, haben wir wenigstens gemeinsam mit den Männern gegessen.
Xhaka — Hast du das Gefühl, das liegt an der Mentalität? Mein Mitspieler Lacazette, der kommt auch aus Lyon. Wenn du ihn und die anderen Franzosen siehst – die sind alle ein bisschen lockerer. Ich habe einfach das Gefühl, dass es in Deutschland und in der Schweiz steifer zu und her geht. Frauen, Männer – man ist nicht so easy miteinander. Auch was den Kontakt zwischen Männer- und Frauennati in der Schweiz betrifft, dünkt mich: Es wird verdammt wenig gemacht.

Dickenmann — Wir sind einfach nicht in der gleichen Welt. Vor allem, was das Geld und die Zuschauerzahlen betrifft.
Xhaka — Beim Champions-League-Final in Kiew hattet ihr aber auch 14'000 im Stadion, oder?

Dickenmann — Ja, immerhin. Die Ukraine ist nicht gerade das Zentrum des Frauenfussballs. Russland auch nicht. Es ist wie im Männerfussball, da sind die Länder auch nicht top. Wobei du im russischen Frauenfussball eine Zeit lang viel Geld verdienen konntest – also für unsere Verhältnisse. Angeblich cash in die Hand, alles schwarz.
Xhaka — Ah ja? Keine Steuern, nichts?

Dickenmann — Das ist eben Frauenfussball: Manchmal ist er etwas dubios.
Xhaka — Bei uns hörst du auch gewisse Storys, grad wenn es um China geht.

Dickenmann — China ist das neue Russland. Gerade Afrikanerinnen gehen oft dorthin, weil sie wissen, dass sie viel verdienen. Ich bin lieber in einem Land wie Deutschland, wo ich zwar nicht so viel bekomme, aber am Schluss ist alles korrekt – Lohnabrechnung, Abzüge, Steuern.
Xhaka — Zahlt ihr auch so viel Steuern wie wir?

Dickenmann — 40 Prozent, glaube ich. Aber ich bin nicht in der gleichen Lohnklasse wie du.
Xhaka — Kannst du von deinem Lohn leben?

Dickenmann — Ja.
Xhaka — Ich meine, nach der Karriere.

Dickenmann — Aha – nein, niemals! Maximal ein Jahr.
Xhaka — Wie alt bist du, wenn ich fragen darf?

Dickenmann — 32.
Xhaka — Wie lange kann eine Frau Fussball spielen?

Dickenmann — Es war lange Zeit so, dass selbst die besten Fussballerinnen noch arbeiten mussten. Irgendwann hast du genug, wenn du einen Vollzeitjob hast, an fünf Abenden pro Woche trainierst und am Wochenende quer durchs Land zu den Spielen fährst. Als Profi kannst du gleich lange spielen wie ein Mann.
Xhaka — Willst du nach der Karriere im Fussballbusiness bleiben?

Dickenmann — Ja, ohne Fussball kann ich nicht leben. In Frankreich habe ich den Trainerlehrgang gemacht.
Xhaka — Ich kenne ein paar ehemalige Spieler, die das gemacht haben. In Gladbach kamen sie manchmal vorbei, um sich unsere Trainings anzuschauen.

Dickenmann — Bei Favre? Da hätte ich auch gerne vorbeigeschaut!
Xhaka — Wenn bei jemandem, dann bei ihm. Er ist ein Freak, im positiven Sinn. Läuft mit dem Laptop durch die Kabine, geht von Spieler zu Spieler: Hey, schau mal, wieso hast du in dieser Situation nicht das und das gemacht? Für mich: einer der Toptrainer! Als junger Spieler kannst du von ihm Dinge lernen, die du bei anderen Trainern nicht lernst.

Dickenmann — Wie war er zu dir?
Xhaka — Die ersten sechs Monate hatte ich brutal Schwierigkeiten. Ich bin richtig auf die Welt gekommen. Ich war der teuerste Spieler des Vereins, hatte für 8.5 Millionen aus Basel gewechselt. Im Training – sind bei euch die Trainings auch öffentlich?

Dickenmann — Schon. Aber es interessiert kaum einen.
Xhaka — Zu unseren Trainings kamen manchmal fünftausend Leute. Ständig kommt jemand auf dich zu, lächelt dich an, klopft dir auf die Schultern, will ein Autogramm. Du denkst: Jetzt bin ich der Grösste. Dabei war ich erst 19 – das erste Mal weg von daheim, von den Freunden, von den Eltern.

Dickenmann — Du hast unter Druck gestanden.
Xhaka — Die ersten fünf Matches habe ich sehr schlecht gespielt. Ich habe mehr geredet als Leistung gebracht. Ich wollte überall auf dem Platz sein und war am Schluss nirgends. Und ich habe einfach nicht auf Favre gehört. Er will, dass du Übungen machst, von denen du denkst: Hör doch auf, Trainer, das habe ich schon in der U15 gemacht. Er lässt dich mit dem Ball jonglieren und schaut dabei nur auf deine Fussstellung und auf deine Schritte, wie dynamisch du bist. Nach sechs Monaten ist er auf mich zugekommen und hat gesagt: Granit, wenn du auf mich hörst, kannst du ein Grosser werden. Wenn nicht ...

Dickenmann — Dann hat es bei dir «klick» gemacht.
Xhaka — Ich sagte mir: Gut, jetzt muss ich auf ihn hören. Sonst bin ich weg vom Fenster. Ich bin Favre sehr dankbar und stehe heute noch in Kontakt mit ihm.

«Weisst du, ich war nie das grösste Talent.»Granit Xhaka

Dickenmann — Es gibt Spieler oder Spielerinnen, die hören nicht auf ihre Trainer. Sie haben das Gefühl, sie wissen immer alles besser. Die scheitern dann an sich selbst.
Xhaka — Definitiv, solche kenne ich auch. Macht ihr eigentlich viel Taktik?

Dickenmann — Doch, schon. Spielanalyse, Einzelvideos. Habt ihr auch Instat?
Xhaka — Ja.

Dickenmann — Das finde ich praktisch. Du kriegst all deine Szenen in einem kleinen Video.
Xhaka — Das ganze Spiel nimmst du nicht auf?

Dickenmann — Wir kommen so selten im Fernsehen, von daher stellt sich die Frage gar nicht. Du schaust dir deine Spiele immer ganz an?
Xhaka — Immer! Mein Vater nimmt alles auf, dann sehen wir uns die Spiele zusammen an. Es ist so, dass er mein grösster Kritiker ist. Ich bin jetzt 25, mein erstes Spiel beim FCB hatte ich mit 17. Ich bin also seit fast neun Jahren Profi – und habe glaub in dieser Zeit noch nie ein Lob von ihm bekommen. Mein Vater hat immer etwas auszusetzen.

Dickenmann — Kannst du seine Kritik annehmen?
Xhaka — Ja, definitiv. Er hat ja selber Fussball gespielt, ein Waden-Schienbein-Bruch hat seine Karriere früh beendet.

Dickenmann — Meiner ist genau gleich. Er wurde mit der Zeit etwas positiver.
Xhaka — Ich hoffe, dass meiner auch irgendwann positiver wird! Aber vielleicht ist ja gerade das mein Anreiz? Weisst du, ich war nie das grösste Talent. Ich war klein, ich war dünn. Ich konnte mich nicht durchsetzen. Aber von zu Hause wurde mir mitgegeben: Wenn du hart arbeitest, kannst du etwas erreichen. Darum bin ich froh, dass mein Vater mich bis heute kritisiert.

Dickenmann — Meiner hat immer mein Defensivverhalten bemängelt. Ich wollte nur nach vorne spielen. Umschalten und verteidigen hat mich überhaupt nicht interessiert.
Xhaka — Für meinen war das Wichtigste immer: Engagement. Egal ob du gut oder schlecht spielst, die Leute müssen sehen, dass du läufst, kämpfst. Man hat immer Ballverluste, verliert immer mal einen Zweikampf. Aber wenn du danach einfach stehen bleibst und die Hände verwirfst … Das mag er gar nicht. Er ist auch einer, der während des Spiels pfeift.

Dickenmann — Meiner auch. Aber du hörst deinen wahrscheinlich weniger gut bei Arsenal.
Xhaka — Doch, doch, ich höre immer, wenn mein Vater pfeift. Sobald er es macht, blicke ich zu ihm und sehe, wie der Daumen nach unten geht. Dann weiss ich: Okay, jetzt muesch Gas gä.

Dickenmann — Meine Mutter hat meinen Vater immer weggeschickt. Dann stand er jeweils ganz allein auf der anderen Seite des Spielfelds.
Xhaka — Wann bist du von zu Hause fort, Lara?

Dickenmann — Mit 18. Ich ging an ein College in Amerika, habe dort studiert und gekickt. Nicht auf toptop Niveau, aber es war eine mega Erfahrung.
Xhaka — Krass, mit 18 ins Ausland.

Dickenmann — Du bist ja auch mit 19 nach Deutschland.
Xhaka — Stimmt.

Dickenmann — Du hast mal erzählt, wie deine Eltern immer eine Woche bei dir waren und eine bei deinem Bruder, der auch Fussballprofi ist. Ich hingegen war froh, dass ich weit weg von meinen Eltern war.
Xhaka — Wir haben einfach eine enge Beziehung.

«Family isch A und O.»Granit Xhaka

Dickenmann — Damit es keine Missverständnisse gibt: Das ist bei mir auch so. Aber …
Xhaka — Bei uns läuft es so: Mein Vater kommt an jedes Heimspiel. Am Freitagabend fliegt er zu mir nach London, am Samstag schaut er das Spiel, dann fliegt er zurück, und am Sonntag geht er an den Match des FCB, wo mein Bruder spielt. Meine Mutter kommt nicht so oft. Aber wenn sie kommt, dann bleibt sie gleich einen Monat. Als ich in Deutschland war, war das für meine Eltern nicht einfach. Sie haben sich kaum gesehen, weil sie abwechselnd bei ihren Söhnen waren. Ich war halt noch jung und habe die Nähe zu meinen Eltern gebraucht. Vielleicht ist es bei den Frauen etwas anders, sie sind früher reif.

Dickenmann — Ich war nicht unbedingt reif, als ich nach Amerika ging … Ich musste mich ein wenig ausleben. Genau darum war ich froh, dass meine Eltern nicht in der Nähe waren. Trotzdem bin ich ihnen mega dankbar, dass sie mich immer unterstützt haben. Als Kind war ich das einzige Meitli im Verein. Zuerst wollte man gar nicht, dass ich mitspiele. Bei den E-Junioren bin ich dann in die erste Mannschaft gekommen. Dann hiess es plötzlich: Jetzt nimmt sie einem Jungen den Platz weg. Da war ich schon froh, dass die Eltern sich für mich eingesetzt haben. Ich weiss nicht, wo ich ohne sie wäre.
Xhaka — So ist es! Family isch A und O.

Das Magazin — Ihr Vater hat mal gesagt: «Wir kamen aus einem harten, brutalen Land. Als wir in Basel aus dem Bus stiegen, hatten wir keine Angst mehr.» Haben Secondos mehr Biss als normale Schweizer?
Xhaka — Definitiv. Als Secondo siehst du zwei Seiten: Ich bin hier geboren, mein Bruder ist hier geboren, aber meine Eltern sind es nicht, auch wenn sie seit 28 Jahren hier leben. Als sie hierherkamen, hatten sie tausend Franken. Tausend. Sie mussten sich ein neues Leben aufbauen. Ohne Sprache. Ohne Geld. Ohne eigene Eltern – meine Mutter war 19, mein Vater 24. Dadurch wächst du einfach anders auf. Und ich glaube, das ist ein Vorteil für uns. Wenn ich in den Kosovo gehe, dann sehe ich Leute, die haben nichts. Das tut weh, ist aber gleichzeitig ein Anreiz. Das ist es wohl, was mir meine Eltern mitgegeben haben: Junge, du musst arbeiten. Nichts kommt von allein.

«Ihr müsst in Russland mindestens in den Viertelfinal kommen, damit man mit euch zufrieden ist.»Lara Dickenmann

Dickenmann — Bei mir war es weniger das Materielle, sondern eher die Erziehung, die relativ streng war. Die Werte, die mir meine Eltern vermittelt haben.
Xhaka — Genau. Wenn deine Eltern weniger streng gewesen wären, wärst du heute vielleicht nicht da, wo du bist.

Dickenmann — Allerdings ist es im Frauenfussball einfacher, nach oben zu kommen. Die Konkurrenz ist nicht so gross. Aber klar, es braucht schon dieselbe Einstellung wie bei euch.
Xhaka — Definitiv. Du musst genauso an dein Limit gehen wie wir. Leute, die keine Ahnung haben, sagen vielleicht: Frauenfussball – für was? Die Wertschätzung, die fehlt mir etwas. Ich glaube, das ist ein gesellschaftliches Problem. Uns Männern geht es doch genauso: Wir sind jetzt WM – EM – WM. Als Schweiz! Mit acht Millionen Einwohnern! Die Leute haben das Gefühl, das sei selbstverständlich, statt dass mal einer sagt: Hey super.

Dickenmann — Ihr müsst in Russland mindestens in den Viertelfinal kommen, damit man mit euch zufrieden ist.
Xhaka — So ist es.

Dickenmann — Ich habe manchmal das Gefühl, es läuft so: Wenn ihr es gut macht, dann heisst es: wir Schweizer. Wenn ihr es nicht gut macht, heisst es: Die Secondos hatten wieder mal keine Lust.
Xhaka — Danke, dass du das sagst.

Dickenmann — Wenn einer mal einen Fehlpass macht, geht es immer irgendwie um dieses Thema.
Xhaka — Ich hätte gerne, dass mir das einmal jemand erklärt. Als Secondo hätte ich auch eine andere Wahl treffen können, das weiss jeder. Aber ich bin in der Schweiz geboren, ich habe die Schule hier gemacht, Fussball hier gemacht. Darum war für mich immer klar, dass ich mich für die Schweiz entscheide. Und das sieht man auch auf dem Platz. Ich gebe nie nur 70 Prozent.

Das Magazin — Ist es besser geworden in letzter Zeit?
Xhaka — Es wird schlimmer. Mache ich bei Arsenal einen Fehler, wird darüber in der Schweiz geschrieben. Wenn ich in der Premier League mit meinem Passspiel einen Rekord aufstelle, auf den das ganze Land stolz sein könnte, wird das kaum erwähnt.

Dickenmann — Das habe ich aber schon gelesen.
Xhaka — Ich habe einen winzigen Artikel gesehen, der nach einem Tag wieder vom Netz genommen wurde. Aber wehe, ich grätsche mal vorbei! Dann bleibt das eine Woche lang aufgeschaltet, sodass jeder seinen Senf dazugeben kann. Man kann mich kritisieren, damit habe ich kein Problem. Aber man soll auch mal sagen, wenn etwas gut ist. Das vermisse ich.

Dickenmann — Moment mal, das heisst ja: Du liest die Sachen über dich?
Xhaka — Definitiv. Das macht jeder Fussballer, jede Fussballerin. Wer etwas anderes sagt, der schwindelt.

Dickenmann — Ich lese nichts!
Xhaka — Im Ernst?

Dickenmann — Aber gut, über mich wird auch selten geschrieben.
Xhaka — Und wenn mal was geschrieben wird, liest du das nicht?

Dickenmann — Nein. Nie.
Xhaka — Respekt.

Dickenmann — Selbst wenn ich mal im Fernsehen komme, schaue ich das nicht.
Xhaka — Social Media?

Dickenmann — Nach dem Champions-League-Final ging ich drei Tage nicht auf Social Media. Dabei ist das Ausmass bei mir winzig, verglichen mit dem, dem du nonstop ausgesetzt bist. Die englischen Medien sind ja brutal.
Xhaka — Ich kann zum Glück nicht perfekt Englisch. Im Ernst: Ich bekomme das schon mit und würde lügen, wenn ich sage, das geht alles an mir vorbei. Wenn ein Kritiker, der vielleicht nur vierte Liga gespielt hat, ständig auf mir rumhackt, dann würde ich den schon gern fragen: Was ist eigentlich genau dein Problem? Aber klar: Je höher du kommst, desto mehr Kritik.

«Warum traut ihr Männer euch nicht, Schwäche zu zeigen?»Lara Dickenmann

Dickenmann — Das habe ich an der EM gemerkt. Da waren wir im ersten Spiel wirklich schlecht, sofort kam Kritik, das waren wir uns nicht so gewohnt. Ich bin dann ausnahmsweise auf «20 Minuten» gegangen. Wie die uns verrissen haben! Da habe ich beschlossen: So was will ich mir nicht mehr antun.
Xhaka — Das ist krass, was du da sagst.

Dickenmann — Dein früherer Teamkollege, der deutsche Nationalspieler Per Mertesacker, hat sich zum enormen Stress geäussert, den man als Profi erlebt. Er erzählte, wie schlecht es ihm ging. Sofort hiess es: Was für ein Weichei! Warum traut ihr Männer euch nicht, Schwäche zu zeigen?
Xhaka — Stimmt eigentlich. Wir sind keine Roboter, uns tun auch Dinge weh. Es gibt so viel Druck. In jedem Training dem Trainer zeigen, dass du bereit bist; in jedem Spiel Leistung bringen, vor 70'000 im Stadion und Millionen vor dem TV. Nach einem verlorenen Spiel liege ich bis fünf, sechs Uhr morgens wach.

Dickenmann — Wusstest du von Mertesackers Problemen? Sprichst du mit deinen Teamkollegen über solche Dinge?
Xhaka — Nein, so was zeigen wir einander nicht.

Dickenmann — Warum nicht?
Xhaka — Gute Frage. Als Fussballer sind wir halt Teil des Showbusiness. Daheim bin ich ein einfacher, ganz normaler Typ.

«Es gibt keinen einzigen Fussballer, der beim Penaltyschiessen nicht nervös ist.»Granit Xhaka

Dickenmann — Nach dem verschossenen Penalty gegen Polen im EM-Achtelfinal hast du gesagt: Vielleicht bin ich gar nicht so tough, wie ich tue. Du wirkst aber ziemlich tough. Machst du das bewusst, um dich zu schützen?
Xhaka — Nein, überhaupt nicht! Ich versuche, ehrlich zu sein und mich nicht zu verstellen. Du kannst sicher sein: Wenn es in Russland ein Penaltyschiessen geben wird, dann nehme ich den Ball wieder.

Dickenmann — Es geht ja nicht darum, ob der Ball reingeht, sondern ob man Verantwortung übernimmt. Ich habe kein gutes Verhältnis zu Penaltys. Allein der Weg zum Elfmeterpunkt ist schrecklich.
Xhaka — Da bist du ganz allein. Und hinter dem Tor siehst du diese Wand aus Zuschauern.

Dickenmann — Uns sagte man bei Lyon immer, wir sollen langsam zum Elfmeterpunkt gehen, ja nicht joggen. Um dem gegnerischen Goalie zu zeigen, wie cool wir sind.
Xhaka — Aber niemand ist in dem Moment cool! Es gibt keinen einzigen Fussballer auf dieser Welt, der beim Penaltyschiessen nicht nervös ist.

Dickenmann — Wie frei kannst du dich eigentlich in der Öffentlichkeit bewegen?
Xhaka — In der Schweiz immer weniger. In London geht es etwas besser, weil London gross ist und es viele bekannte Leute hat. Wenn David Beckham im Restaurant sitzt oder Brad Pitt, dann beachtet dich niemand. So richtig Ruhe habe ich aber nur daheim. Wobei ich mich nicht verstecken will, ich habe ja niemandem etwas getan, sondern nur mein Hobby zum Beruf gemacht. Deshalb gehe ich auch mit meiner Frau einkaufen, ganz normal. Dann macht halt mal jemand einen Spruch oder will ein Selfie, das ist okay. Bei uns gibt es viele Spieler, die gehen gar nicht mehr raus. Die lassen alles zu sich nach Hause kommen. So ein Leben, das wäre nichts für mich.

Dickenmann — Ihr Männer kommt immer so perfekt frisiert aufs Feld, während es bei uns Spielerinnen gibt, die vor dem Match nicht einmal in den Spiegel schauen. Achten männliche Fussballer mehr auf Äusserlichkeiten als wir Frauen?
Xhaka — Die meisten machen sich vorher im Hotel die Haare, in der Kabine habe ich noch nie jemanden vor dem Spiegel gesehen, auch nicht in der Pause. Aber klar: Social Media ist heute alles – und wir sind, wie gesagt, ein Teil der Showbranche. Das klingt jetzt etwas doof, aber ich sags trotzdem: Ich könnte nicht mehr ohne Gel im Haar auf den Platz gehen.

Dickenmann — Also wenn ich Fotos von mir sehe, denke ich manchmal: Hättest dich vor dem Spiel etwas besser herrichten können. Wobei: Schminken geht schlecht, das Zeug läuft dir in die Augen, wenn du schwitzt.
Xhaka — Dieses Problem habe ich definitiv nicht.

Dickenmann — Du hast früher viele Karten kassiert. Wie hast du dich besser in den Griff bekommen?
Xhaka — Nachdem ich bei Arsenal gleich am Anfang zwei rote Karten bekommen habe, ist unser Mentalcoach auf mich zugekommen. Und dann haben wir uns alle gelben und roten Karten, die ich in meiner Profikarriere bekommen habe, angeschaut.

Dickenmann — Alle?
Xhaka — Jede einzelne – in Gladbach, in Basel. Und zu jeder musste ich einen Kommentar abgeben, erklären, was ich da gemacht habe. Irgendwann ist uns ein Muster aufgefallen: Ich bekam die Karten immer etwa auf Höhe der Mittellinie und immer zwischen der 55. und 68. Minute.

Dickenmann — Woran lag es?
Xhaka — Gute Frage. Dummheit?

Dickenmann — Ist aber auch eine heikle Phase im Match. Ich habe da auch oft einen Durchhänger. Und dann, Mitte der zweiten Halbzeit, sagst du dir: Reiss dich zusammen.
Xhaka — Bei mir war es oft so, dass ich den Ball verloren hatte und ihn sofort zurückholen wollte. Heute versuche ich, besser zu stehen, mehr mit dem Oberkörper zu arbeiten und nicht gleich reinzugrätschen. Ich war überrascht, wie sehr mir das Coaching geholfen hat. In Gladbach flog ich in einem Jahr viermal vom Platz. Jetzt bin ich ein Jahr lang ohne rote Karte – Rekord!

Dickenmann — Bei Arsenal spielst du mit diversen Superstars zusammen. Wo stehst du in der Hierarchie?
Xhaka — Ich rede viel auf dem Platz, kritisiere auch mehr als andere Spieler. Und ich sag dem Özil genauso meine Meinung wie einem Ersatzspieler. Aber du musst immer wissen, wie du es sagst. Zum Beispiel habe ich den Alexis Sanchez mal ziemlich zurechtgewiesen, weil er während eines Spiels verächtlich die Hände verworfen hat. Das mag ich gar nicht, und das habe ich ihm deutlich gesagt. Daraufhin hat er ein paar Wochen lang nicht mehr mit mir geredet.

Dickenmann — Du hast letztes Jahr geheiratet. Nimmst du eigentlich deine Frau mit an die WM?
Xhaka — Nicht ins Mannschaftshotel. Die ersten drei Spiele kommt sie sowieso nicht, wenn wir weiterkommen, aber schon.

Dickenmann — In unserem Team sind manche Spielerinnen lesbisch. Sie stehen dazu, alle wissen es, es ist kein Problem. Wieso ist das bei euch so kompliziert?
Xhaka — Gute Frage. Ich glaube, es gibt viele Fussballer, die schwul sind.

Dickenmann — Rein statistisch gesehen, ist es jeder Zehnte.
Xhaka — Ja, dann gilt das sicher auch für den Fussball. Aber niemand traut sich, dazu zu stehen. Das ist schon brutal.

Dickenmann — Wie wäre das, wenn einer bei Arsenal in der Kabine plötzlich hinsteht und sagt: Ich bin schwul.
Xhaka — Also – ich hätte nichts dagegen. Aber medial wäre das wohl eine Explosion.

Dickenmann — Bei uns ist das alles völlig offen, wir reden auch in der Kabine drüber.
Xhaka — Echt? Und man bringt auch die Freundin mit zum Spiel?

Dickenmann — Klar. Es ist doch schlimm, wenn du deine Sexualität verheimlichen musst. Dann kannst du auch nicht glücklich werden.
Xhaka — Das stimmt. Aber dass bei uns jemand seinen Freund zum Spiel mitbringt, das wird es noch sehr lange nicht geben. Wenn das einer machen würde – das wäre eine Revolution. Dass ihr euch das traut: Respekt.

Dickenmann — Letzte Frage. Ich hab gelesen, dass du nur albanische Musik hörst. Hast du mir ein paar Tipps?
Xhaka — Aber sicher. Zuerst wäre da natürlich Noizy, der albanische Sänger, der in London aufgewachsen ist und viel Geld gemacht hat – für albanische Verhältnisse. Dann Rita Ora, Dua Lipa, Era Istrefi, Bebe Rexha.… Ich frag dich jetzt nicht nach Schweizer Musik, wobei: Diese beiden Berner, die sind wirklich gut.

Dickenmann — Lo & Leduc?
Xhaka — Genau. «079» – das hören bei der Nati alle. Dickenmann — Wenn du es einmal hörst, hast du es drei Stunden im Ohr.

Erstellt: 21.06.2018, 18:00 Uhr

Granit Xhaka (25)

Mittelfeldspieler beim FC Arsenal und der Schweizer Fussballnationalmannschaft


Anfänge in Basel, steiler Aufstieg, U17-Weltmeister, Lehrjahre bei Borussia Mönchengladbach unter Lucien Favre. Riesentalent mit Hang zu lebensgefährlichen Ballverlusten und unkontrollierten Tacklings. 2016 Wechsel zu Arsenal London, in die begehrteste Liga der Welt, und heute, mit 25, einer der stärksten Mittelfeldspieler Europas. Und doch wird ständig an Granit Xhaka herumgenörgelt. Sein Selbstbewusstsein hält man für Arroganz, die vielen Verwarnungen werden ihm als Unbeherrschtheit ausgelegt. Dabei spielt er auf der anspruchsvollsten Position im modernen Fussball, als «Sechser» ist er Taktgeber und Stratege, zuständig für etwas, das ebenso wichtig wie schwer zu fassen ist: den Rhythmus eines Spiels. Xhakas Status: unverzichtbar, aber unterschätzt.

Lara Dickenmann (32)

Rekordnationalspielerin und zweifache Gewinnerin der Champions League


Tochter eines Vermögensverwalters und einer Handballtrainerin, aufgewachsen in Kriens, ausgestattet mit viel fussballerischem Talent und noch mehr Willen, den sie bis heute nicht verloren hat. Mit 15 ist sie bereits in der Nationalmannschaft, mit 18 geht sie an die Ohio University, also in jenes Land, in dem Frauenfussball die Stadien füllt. Als sich die Schweizer Öffentlichkeit noch kaum für den Sport interessiert, ist sie schon mehrfache Champions-League-Siegerin und Meisterin (mit Olympique Lyon und VfL Wolfsburg), dazu Rekordnationalspielerin, Rekordtorschützin. Heute, mit 32, ist sie die «Schweizer Fussballikone» (TAZ), eine Spielerin, die mit ihrer Erfahrung, ihrem Spielverständnis, ihrer Art ein ganzes Team tragen kann. Dickenmanns Status: unerreicht, aber unbekannt.

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