Warum die Schweizer Nati versagt, wenn es drauf ankommt

Es ist kein Zufall, dass die Schweiz oft im entscheidenden Moment verliert.

Sinnbild für den schmerzlichen Absturz der Schweizer gegen Portugal: Haris Seferovic trauert einer verpassten Chance nach. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Sinnbild für den schmerzlichen Absturz der Schweizer gegen Portugal: Haris Seferovic trauert einer verpassten Chance nach. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

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Es sah aus, als wäre alles bereit. Als bräuchten die Schweizer nur noch den Schlüssel im Schloss zu drehen, um an Kaviar und Champagner heranzukommen. Sie taten so, als wären sie der Aufgabe gewachsen.

Am Ende aber liessen sie viele Fragen zurück, vor allem eine: Warum sind sie beim 0:2 in Portugal im entscheidenden Moment derart Opfer eines Systemausfalls geworden? Warum schon wieder, zum x-ten Mal seit 2006?

«Wir haben zu wenig gespielt», sagt Vladimir Petkovic, «wir waren zu passiv, wir hätten läuferisch mehr machen müssen. Vielleicht fehlte der Mut.» Der Nationalcoach wirkt gefasst, als er seine erste Analyse macht.

Vladimir Petkovic ist selbstkritisch. Video: Fabian Sangines.

Was er sagt, ist nicht falsch, aber es kratzt nur an der Oberfläche, es beschreibt nicht die eigentliche Ursache, die tiefer liegt. Wieso waren die Spieler mental nicht bereit? Wieso brachen sie nach dem 0:1 zusammen? Wieso waren sie zu keiner Reaktion fähig?

Die verwöhnte Schweiz

Um das zu beantworten, muss man ein wenig ausholen. Die Schweiz ist in den letzten Jahren weit gekommen, sie hat sich zwar nicht gleich ins Establishment des Fussballs hochgespielt, aber seit 2004 gehört sie permanent zur Besetzung von Endrunden an EM und WM, abgesehen von einem Mal, 2012. Diese Bilanz ist hervorragend und steht für die Arbeit, die der Verband leistet, die die Vereine leisten. Die Ausbildung in der Schweiz ist erstklassig.

Davon profitiert die Nationalmannschaft, und sie profitiert von Generationen, die es sich zu eigen gemacht haben, mit einem gestärkten Selbstbewusstsein heranzuwachsen: zuerst von den Freis, Vogels und Yakins, jetzt von den Sommers, Xhakas und Shaqiris. Es sind Spieler mit unterschiedlichen Veranlagungen und teilweise eigenwilligem Charakter. Spieler, die nicht mehr das Gefühl haben, klein zu sein wie das Land, das sie vertreten.

Die Schweiz bekam zu spüren, was der Unterschied ist zwischen Ronaldo und Shaqiri.

Heute sagen sie nicht mehr, sie möchten an eine WM oder EM, sie sagen: Eine Qualifikation dafür ist Pflicht. Sie haben die Leute daran gewöhnt, dass sie zumindest in dieser Beziehung Wort halten, sie haben sie verwöhnt. Inzwischen sind sie selbst so weit, dass ihnen eine Teilnahme allein nicht mehr unbedingt genügt, sie reden davon, wie wichtig es sei, den nächsten Schritt zu machen: sich endlich einmal für einen Viertelfinal zu qualifizieren.

Daran werden sie gemessen, sie beklagen sich nicht darüber, aber sie müssen mit Kritik leben, wenn sie zu scheitern drohen, wenn sie so unter­gehen, wie sie das am Dienstag in Lissabon getan haben. Wenn sie nicht Wort halten, sondern chancenlos sind. Wenn sie nicht mutig sind, sondern verloren. Wenn sie zu spüren bekommen, was der Unterschied ist zwischen Ronaldo und Shaqiri. Wenn sie er­leben, wie der eine gleich eine ganze Mannschaft eine Nummer grösser macht und der andere nur seinen Fehlpässen hinterherschaut.

So kommt es schliesslich, dass sich wieder einmal viel um die Frage dreht: Sind die Schweizer so gut, wie es ihre neun Siege in den ersten neun Qualifikationsspielen suggerierten, wie sie es selbst meinen?

Bis zum Dienstag erfüllten sie die Pflicht zunehmend mit Überzeugung und Stil. Das 5:2 am vergangenen Samstag gegen Ungarn diente als jüngster Beleg dafür, wie souverän sie sich inzwischen gegen Teams dieser Klasse durchsetzen können.

Aber jetzt hat sich gezeigt: Ungarn ist nicht Portugal. Denn am Ende geht es immer um Qualität.

Nach einer Stunde war die Niederlage besiegelt: Die beiden Tore Portugals im Zusammenschnitt. (Video: Tamedia)

An der WM 2006 überzeugten die Schweizer in den Gruppenspielen, verloren aber einen jämmerlichen Achtelfinal gegen die Ukraine im Elf­meterschiessen. An der EM 2008 im eigenen Land, nochmals unter Köbi Kuhn, versagten sie nervlich schon im Startspiel gegen Tschechien. 2010, damals mit Ottmar Hitzfeld an der WM in Südafrika, vergaben sie gegen Chile und Honduras zwei Matchbälle und verpassten die Achtelfinals, die nach dem Startsieg gegen den späteren Weltmeister Spanien so nahe schienen. 2014, wieder unter Hitzfeld, forderten sie Argentinien bis zum Letzten – und schrieben das Stück zum Träumen doch nicht weiter. Die EM in Frankreich, Petkovic war inzwischen Coach, endete mit der bitteren Niederlage im Penaltyschiessen des Achtelfinals gegen Polen, die durchaus besiegbar waren. Und jetzt also Lissabon.

Wer einmal scheitert, kann Pech haben, vielleicht ein zweites oder drittes Mal. Doch auf Dauer geht es eben um Qualität, nicht nur spielerische, sondern vor allem mentale. Dann geht es darum, in Ausnahmesituationen zu bestehen. Die Schweizer haben über die Jahre viel erreicht, doch diesbezüglich sind sie noch Lehrlinge.

Es ist spannend, zu sehen, wie Trainer und Mannschaft auf diesen Rückschlag reagieren, wie sie damit fertigwerden, in Lissabon chancenlos gewesen zu sein. Gefordert sind viele. Da sind zum einen die Spieler, welche die Achse der Mannschaft bilden, Yann Sommer, Stephan Lichtsteiner, Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri, nicht zuletzt Valon Behrami, der gegen die Portugiesen wegen seiner Verletzung spürbar fehlte. Da ist zum anderen der Trainer, Vladimir Petkovic.

Gedanken kommen wieder hoch an seine Zeit bei den Young Boys (2008 bis 2011), als diese im Cupfinal gegen Sion eine 2:0-Führung verspielten und später in der Meisterschaft einen Vorsprung von sieben Punkten auf Basel. Petkovic muss beweisen, dass er auch unter Druck richtig handeln kann. «In solchen Momenten», hat Hitzfeld einmal gesagt, «da trennt sich die Spreu vom Weizen, da muss man die Krise überstehen. Nicht jeder kann das.»

Hitzfeld beherrschte die Kunst, im entscheidenden Moment den richtigen Ton zu treffen. Der grosse Brandredner war er nie. Aber er spürte innerhalb der Mannschaft, wer einer Situation gewachsen war.

Petkovics Hausaufgaben

Das muss jetzt auch Petkovic können. Die Barrage vom 9. bis 14. November bietet ihm die Chance, quasi durch die Hintertür nach Russland zu kommen. «Ich bin überzeugt, dass wir dann viel besser sein werden», sagt Petkovic.

Einen Monat hat er Zeit, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Geht es weiter mit Blerim Dzemaili? Oder ist Breel Embolo bis dann so fit, um einen Platz in der Offensive zu übernehmen? Was ist mit Admir Mehmedi? So kraftlos wie in Lissabon darf er nicht nochmals sein. Kann Petkovic dann wieder auf Valon Behrami bauen, der als «Krieger» unersetzbar ist? Bringt er Stephan Lichtsteiner zur Räson, nicht dauernd zu reklamieren, sondern besser an seine Defensivaufgaben zu denken? Macht er sie alle wieder mutiger?

Nordirland, Irland, Schweden oder Griechenland steht der Schweiz in der Barrage im Weg, um nach Russland zu kommen. Die Iren sind feurige Kämpfer und die Schweden bewährte Routiniers. Die Griechen von Michael Skibbe, dem früheren GC-Trainer, scheinen auf dem Papier das günstigste Los zu sein. Wer es nun auch immer sein wird für die Schweizer: Ein Scheitern wäre in dieser Situation eine heftige Niederlage. Für den Trainer. Für die Mannschaft.

Enttäuscht, aber hoffnungsvoll für die Barrage: Haris Seferovic und Granit Xhaka. Video: Fabian Sangines

Erstellt: 11.10.2017, 23:04 Uhr

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