Was Trump und Marley mit der WM zu tun haben

Die Fussball-WM der Frauen liefert schon vor Beginn spezielle Geschichten. Von viralen Videos bis zu ungewöhnlichen Vorbereitungen.

«Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze!»: Das Video des Nationalteams der Frauen ging viral. Video: DFB

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Alisha Lehmann und Ramona Bachmann posteten ganz viele Bilder in den letzten Tagen. Es ist Ferienzeit, die beiden weilten in Dubai, spielten Fussball am Strand, die Skyline im Hintergrund. Kurz: Lehmann und Bachmann liessen es sich gut gehen. Durften sie auch. Newcomerin Lehmann hatte für ihren Verein West Ham jedes Spiel der FA Women’s Super League absolviert, nur eine Teamkollegin erzielte dabei mehr Tore als die 20-jährige Bernerin. Und auch Bachmann, im Nationalteam schon lange ein sicherer Wert, stand bei Chelsea 16-mal auf dem Platz, mit den Blues landete sie am Schluss auf Platz 3 der Liga.

Dass sich das Paar nun im Emirat entspannen kann, hat aber einen kleinen Makel. Einige ihrer Berufskolleginnen tun dies nämlich nicht. Sie bereiten sich auf das Saison-Highlight vor, die WM in Frankreich, die am Abend des 7. Juni in Paris beginnt. 24 Teams sind dabei, nicht so die Schweiz, sie scheiterte in der Barrage an Holland. In zwei Wochen also geht es los, mit dem Spiel Frankreich - Südkorea. Doch die WM, sie schreibt schon jetzt spezielle Geschichten.

Die Sache mit den VideosDeutschland und England

Der Frauenfussball kämpft um Akzeptanz, er tut das, seit er existiert, und er muss es immer noch tun. Auf normalem Weg ein Kader bekanntgeben reicht kaum mehr, will man irgendwie herausstechen. Dachten sich die Engländerinnen auch. Und liessen die versammelte Prominenz ihre Spielerinnen verlesen. David Beckham, Prinz William, Emma Watson, Raheem Sterling, sie alle durften eine Akteurin des Teams ankündigen. Das Video ging viral, war ein voller Erfolg.

Auch Prinz William machte mit: So gab der englische Verband sein Kader bekannt. Video: Twitter/Lionesses

Noch etwas grössere Wellen schlug jedoch das Pferdeschwanz-Video der Deutschen (oben). Trainerin Martina Voss-Tecklenburg, sie coachte in der Barrage im November noch die Schweiz, posierte darin mit ihren Spielerinnen und einem Kaffeeservice, das dem Team zum Gewinn des EM-Titels 1989 geschenkt wurde. Die Botschaft des Videos: «Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze.» Fast 400’000 Menschen haben den Spot auf Youtube gesehen, unzählige andere in den Medien, die es verbreiteten.

Die Marleys retten das TeamJamaika

Auch dieses Jahr werden an der WM einige Neulinge dabei sein. Sie kommen aus Südafrika, Schottland, Chile und Jamaika. Das Team aus Mittelamerika ist dabei die erste Karibiknation, die je an eine Frauen-WM fährt. Selbiges ist den Männern nur einmal gelungen, 1998 war das, wie es der Zufall will, ebenfalls in Frankreich.

Wer an Jamaika denkt, denkt oft an Usain Bolt oder Bob Marley, so das Klischee. Und für einmal darf zumindest eines der beiden tatsächlich gebraucht werden.

Der jamaikanische Verband gab das Team 2008 auf. Sechs Jahre später brachte ein Knabe einen Flyer mit nach Hause, in dem sein Fussballcoach die Eltern aufforderte, Geld zu spenden, um das Team wiederzubeleben. Die Mutter des Knaben heisst Cedella, deren Vater wiederum ist Bob Marley, jamaikanischer Musiker, grosser Fussballfan.

Cedella Marley nahm sich der Sache an, spendete von ihrem eigenen Geld, involvierte die Bob Marley Foundation, nahm mit ihren Brüdern Damian und Stephen einen Song auf. Die Kampagne spielte genug Geld ein, um ein Team zu formen. Die Spielerinnen wuschen ihre Ausrüstung damals noch selbst, Trikottausch nach dem Spiel? Gab es nicht.

Und heute? Fünf Jahre nachdem Marleys Sohn einen Flyer nach Hause brachte? Reist Jamaika, das Team nennt sich die «Reggae Girlz», an die WM, zur grössten Bühne, die der Frauenfussball bietet.

Erst der Titel, dann nicht zu TrumpUSA

Grosse Hoffnungen auf den Triumph machen sich die auf Rang 53 der Weltrangliste klassierten Jamaikanerinnen nicht. Anders als die USA. Klar, schliesslich sind die Amerikanerinnen Titelverteidiger und als Nummer 1 der Rangliste Favorit, gemeinsam mit Frankreich und Deutschland. Und so macht sich Alex Morgan, in der Heimat der absolute Star im Team, schon mal Gedanken, wie es denn nach der WM weitergeht.

Oder wie es nicht weitergeht. Im Falle der Titelverteidigung würde sie wohl auf einen Besuch im Weissen Haus verzichten. «Für viele Dinge, für die die jetzige Regierung steht, stehe ich nicht», sagt die Stürmerin. Morgan hat Präsident Donald Trump in der Vergangenheit schon mehrmals kritisiert. Als Trump die Immigration aus sieben muslimischen Ländern (Irak, Iran, Jemen, Libyen, Somalia, Syrien und Sudan) in die USA stoppen wollte, schrieb sie auf Twitter: «Ich bin schockiert. Hat die Geschichte uns nicht gelehrt?»

Würde es zu einer Einladung Trumps kommen, dürfte ihr wohl auch Megan Rapinoe nicht folgen. Die Sturmpartnerin von Morgan war die erste weisse Athletin, die während der amerikanischen Hymne vor einem Spiel in die Knie ging. Eine Aktion, die von Footballer Colin Kaepernick gestartet wurde, um auf die Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA aufmerksam zu machen. Rapinoe selbst nannte ihr Knien ein Zeichen für Kapernick, «für alles, wofür er steht». Später sagte sie: «Als lesbische Amerikanerin weiss ich, wie es ist, auf die Flagge zu schauen und zu wissen, dass man nicht alle Freiheiten hat.» Sie würde die Hymne wohl nie mehr singen, ergänzte 33-Jährige aus Kalifornien.

Ab ins BootcampEngland

Wir kehren zurück nach England. Nach dem herzerwärmend witzigen Video mit den Promis war da nämlich krampfen angesagt. Das Team bekam ungewohnten Besuch im Training, die Marines der Royal Navy kamen vorbei und befahlen den Spielerinnen, ihre Handys in eine Box zu legen. Dann gab es einen Rucksack, Nahrung und Planen, um ein Camp für die Nacht vorzubereiten.

«Es war schrecklich», sagt Manchester-City-Stürmerin Georgia Stanway danach. Sie und ihre Kolleginnen mussten ein Bootcamp durchstehen. Viele Spielerinnen hätten nicht gerade viel Schlaf gefunden, sie wateten durch falschen Treibsand, retteten Sandsack-Dummies bei einem rekonstruierten Flugzeugabsturz und unterzogen sich einem Gedächtnistest.

Zwei der anwesenden Marines seien Amputierte gewesen, schreibt die BBC. «Es brachte uns zurück», sagt Stanway, «wir spielen nur Fussball, während es bei ihnen um Leben und Tod geht.»

Unterricht in PatriotismusChina

Eine etwas andere Schule erfuhren kürzlich die Chinesinnen, derzeit auf Rang 16 der Weltrangliste klassiert. Während die Engländerinnen unter Manchester-United-Legende Phil Neville schufteten, setzten sich die Asiatinnen mit ihren Laptops in einen Unterrichtsraum, vor einer Leinwand die Lehrerin, daneben eine grosse chinesische Flagge, Fach: Patriotismus.

«Patriotische Bildung hat für uns eine grosse Bedeutung, weil wir für unser Land spielen», sagte Captain Wu Haiyan. Unterrichtet wurden die Spielerinnen von Professor Wen Jing von der Universität Peking. Der Verband, der kürzlich den Akteurinnen Tattoos verbot, wollte mit der Aktion «ein Zeichen in den Herzen der Spielerinnen hinterlassen».

Die Beste der Welt kommt nichtNorwegen

Mit Patriotismus-Unterricht und Bootcamps schlagen sich die Norwegerinnen derweil nicht herum. Die Skandinavierinnen haben andere Probleme. Ihre beste Spielerin will nämlich nicht mit nach Frankreich fahren. Das Problem wird noch grösser, weil es sich bei ihr gleichzeitig auch um die beste Spielerin der Welt handelt: Ada Hegerberg, Gewinnerin des Ballon d’Or, gab vor zwei Jahren ihren Rücktritt aus dem Nationalteam bekannt.

Und sie ist seither nicht umzustimmen. Die 23-jährige Hegerberg, eine famose Stürmerin mit bemerkenswerter Torquote, fehlt im Aufgebot Norwegens. Nach der EM 2017 beschwerte sie sich über zwei Dinge. Zum einen bemängelte sie die Qualität ihrer Mitspielerinnen, sagte, dass sie sich im Nationalteam wie eine schlechtere Spielerin fühle. Kam bei ihren Kolleginnen nicht sonderlich gut an.

Ein weit grösseres Problem ist für Hegerberg aber der mangelnde Respekt, der dem Nationalteam und dem Frauenfussball allgemein entgegengebracht wird in ihrem Land. «Fussball ist der beliebteste Sport in Norwegen und das schon seit Jahren», sagte sie einst im «Guardian». «Aber gleichzeitig haben Mädchen nicht die gleichen Chancen wie die Jungen.» Später hob der Verband die Prämien der Frauen auf das gleiche Niveau an wie jene von den Männern. Half nichts, Hegerbergs Lust war schon lange vergangen.

Eine Spielerin, sieben WeltmeisterschaftenBrasilien

Damit wird Hegerberg also weiterhin bei ihren vier WM-Einsätzen aus dem Jahr 2015 stehen. Als das bei einer 19 Jahre älteren Brasilianerin der Fall war, hiess der Weltfussballer bei den Männern George Weah. Der Mann ist heute Präsident von Liberia. 1995 also reiste Miraildes Maciel Mota, kurz Formiga, zum ersten Mal an eine WM, Ziel Schweden, es war die zweite Austragung des Turniers. Hegerberg war da noch nicht geboren.

Formiga jubelt. Auch an der WM 2019? Bild: Keystone

Formiga, portugiesisch für Ameise, war seither immer dabei und wollte nach den Olympischen Spielen 2016 zu Hause in Rio eigentlich zurücktreten. Trainer Vadao jedoch wollte nicht auf seine Ameise verzichten und bot sie trotzdem auf, Frankreich wird ihre siebte WM. Kommt Formiga, die fast 200 Länderspiele bestritten hat, zum Einsatz, wäre sie die älteste Spielerin, die je bei einer WM im Einsatz stand. Und der Rekord wäre ihrer. Bisher teilt ihn sich die PSG-Spielerin mit der Japanerin Homare Sawa, die ebenfalls sechs Turniere bestritt.

Megan Rapinoe kniet als erste weisse Athletin, während die Hymne läuft. Bild: Getty Images (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 24.05.2019, 17:01 Uhr

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