Was vom Goldrausch und Irrsinn übrig bleibt

Transfersummen explodieren, Spieler werden zu Spekulations-Objekten, und die Schweizer Clubs suchen krampfhaft nach der Nische, in der sie überleben können.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Marco Streller den Weg von Davinson Sanchez anschaut, kann der Sportchef des FC Basel nur noch staunen. Der heute 21-jährige Verteidiger wurde vor einem Jahr von Basel umworben, ging dann für rund sieben Millionen Franken aus seiner Heimat Kolumbien zu Ajax Amsterdam. «Jetzt wechselt er für 44 Millionen zu Tottenham», sagt Streller und stellt fest: «Da können wir nicht mehr mithalten.»

Es ist etwas passiert in diesem Sommer auf dem Transfermarkt: In England und Deutschland schlagen sich verbesserte TV-Verträge in explosionsartig steigenden Ablösesummen nieder. Und just, als der Markt sowieso durchdreht, kommt oben drauf der Neymar-Wahnsinn. 222 Millionen Euro für einen Fussballer. Zu diesem Irrsinn gehört auch, dass die Ablösesummen von weniger aussergewöhnlichen Spielern steigen. Aussenverteidiger Kyle Walker wechselte von Tottenham zu Manchester City – für 62 Millionen Franken. Ex-Stürmer Gary Lineker ätzte: «Man stelle sich den Preis vor, wenn er noch Flanken könnte.»

Aber eben, das Geld ist ja da. Zumindest dort, wo die grössten Preistreiber neben den katarischen Milliardären von Paris St-Germain zu Hause sind: in der englischen Premier League. So stellt Chris Stenson vom Wirtschaftsprüfer Deloitte zwar fest, die Transfersummen seien derzeit ausserordentlich hoch: «Aber wenn man sie in Relation zu den Einnahmen der Vereine stellt, geben die Clubs nicht mehr aus, als sie sich leisten können.»

Probleme entstehen also nicht für englische Vereine. Dafür anderswo. Wenn ein Spieler wie Davinson seine Ablösesumme in einem Jahr um 37 Millionen Franken steigern kann, ändert sich auf breiter Ebene der Blick auf Fussballer. Sie werden zu Spekulations­objekten mit hoher Rendite-Erwartung. Entsprechend nervös ist der Markt.

Die grossen Vereine gehen auf der Talentjagd aggressiv vor

Die grossen europäischen Vereine binden möglichst viele junge Spieler an sich und gehen aggressiv bereits 16-Jährige an, wie Streller feststellt. Nur, um ja die Rechte zu halten, wenn einer mal den Leistungssprung nach ganz oben schaffen sollte. Viele dieser auf Vorrat verpflichteten Fussballer tingeln danach jahrelang als Leihspieler durch die tieferen Ligen des Kontinents.

Clubs und Spieleragenten sind fiebrig auf der Suche nach Talenten, die möglichst schnell einen grossen Wertanstieg versprechen. Das spürt man sogar in Thun. Marvin Spielmann ist 21 und war lange nur Insidern bekannt. Nun schiesst er in zwei Spielen vier Tore. Sofort melden sich bei seinem Berater Leute aus England, Italien oder Spanien. Es entsteht Unruhe, der Spieler könnte ein Vielfaches verdienen. «Diese Situation ist sehr schwierig für kleine Clubs wie den unseren», sagt Sportchef Andres Gerber. Sie wollen die Spieler halten, dürfen sie aber zugleich nicht verärgern. Im Sinn von: Glückliche Kühe geben mehr Milch.

«Barcelona gibt einen Teil der Neymar-Ablöse nun bei Clubs auf der Stufe von Dortmund aus – und als nächstes profitieren Vereine wie der FCB.»Marco Streller, Sportchef FC Basel

Die Frage, die sich in der Goldgräberstimmung stellt: Profitieren von den ­hohen Ablösesummen nur die Grossclubs und ein paar weltweit agierende Spielerberater? Oder fliesst das Geld ­hinunter zu den kleineren Ligen und Clubs, etwa in die Schweiz? Dass ­Brighton bereit gewesen wäre, für einen gesunden Raphael Dwamena 15 Millionen an den FC Zürich zu bezahlen, spricht dafür.

Auch Streller hofft auf den Dominoeffekt: «Barcelona gibt einen Teil der Neymar-Ablöse nun bei Clubs auf der Stufe von Dortmund aus – und als nächstes profitieren Vereine wie der FCB vom vielen Geld, das oben eingeworfen wird.» Nur: Basel ist kein typischer Schweizer Verein. Weil er seit Jahren Spieler in die Topligen bringt und in der Champions League antritt, hat der FCB viel eher die Chance, mit einem Transfer zu einem Grossclub seinen Teil vom Kuchen zu erhalten.

Es sieht nicht danach aus, als ob es das grosse Geld nach Thun schafft

In Thun dagegen ist das Geld bislang noch nicht angekommen – und es sieht auch nicht danach aus. «Doch wir spielen das Spiel mit und hoffen, dass auch wir irgendeinmal zu den Glücklichen gehören», sagt Gerber. Die Thuner stehen für die riesige Mehrheit der Proficlubs, die nichts davon haben, wenn die Weltelite mit Geld um sich wirft. Der Blick auf die Transferströme zeigt, dass das Geld vor allem in den besten fünf bis zehn Ligen Europas zirkuliert. Nach Afrika gingen 2016 lächerlich anmutende 69 Millionen Franken – bei 4,8 Milliarden, die weltweit für internationale Transfers ausgegeben wurden.

Noch weniger Geld kommt zu jenen, die oft am Anfang einer Karriere stehen: den Amateurclubs. Zwar schreibt der Weltfussballverband Fifa bei Transfers Ausbildungsentschädigungen und Solidaritätszahlungen vor. Bei Letzteren werden fünf Prozent der Ablösesumme unter jenen Clubs verteilt, bei denen der Spieler im Alter zwischen 12 und 23 war. Diese Regel kann einen Clubpräsidenten wie Beat Fläcklin schon mal fröhlich stimmen. Sein Basler Quartierclub Old Boys hat das Glück, dass drei ehemalige Junioren Profis sind. So finanzierten Eren Derdiyok, Timm Klose und Breel Embolo durch ihre Transfers neue OB-Juniorenbusse.

«Das ­System belohnt Agenten viel stärker als Clubs, die Talente ausbilden. Wie soll das gerecht sein?»Fifpro-Präsident Theo van Seggelen

Doch das Beispiel Embolo zeigt auch, wie beschränkt die Solidarität mit den Kleinsten ist. Von geschätzt 25 Millionen Franken, die Schalke für den Stürmer an den FCB überwies, erhielten die Old Boys 0,5 Prozent, weil der Stürmer von 12 bis 13 bei ihnen spielte. Nordstern dagegen, Embolos erster Verein, der sich gerade auch um die Integration des frisch eingewanderten Buben verdient gemacht hat, sieht gar nichts. Und OB-Präsident ­Fläcklin fürchtet, dass sein Club künftig ebenfalls ohne Soldaritätszahlungen auskommen muss: «Die besten Talente wechseln immer früher zu den grossen Clubs. Und jene, die wichtige Basisarbeit im Kinderfussball leisten, gehen leer aus.»

Besonders stossend findet das die Spielergewerkschaft Fifpro, der auch die steigenden Einnahmen der Spielerberater ein Dorn im Auge sind. Tatsächlich besteht eine starke Diskrepanz zwischen den Geldern, die Clubs für ihre Juniorenarbeit erhalten, und den Summen, die im Rahmen von Transfers an Berater bezahlt werden. «Das ­System belohnt Agenten viel stärker als Clubs, die Talente ausbilden», sagt Fifpro-Präsident Theo van ­Seggelen. «Wie soll das gerecht sein?»

Die Gewerkschaft hat deswegen bei der EU-Kommission eine Klage hängig, die verlangt, dass Ablösesummen abgeschafft werden. Fussballer sollen nach Willen der Fifpro den Arbeitgeber ebenso frei wählen dürfen wie jeder andere Berufstätige in der Europäischen Union.

Eine Idee, die den Fussball komplett verändern könnte

Diese Idee könnte den Fussball komplett verändern, findet hierzulande aber wenig Zuspruch. Zwar stellt der Basler Streller fest, dass er immer öfter an finanzielle Grenzen stösst, wenn er bestandene Profis umwirbt. Aber die Hoffnung, ohne Ablöse leichter zu Spielern zu kommen, ist kleiner als die Angst um das aktuelle Geschäftsmodell: «Wir müssen Transfergewinne machen, um unsere Ausgaben zu decken.»

Ähnlich denkt Gerber in Thun. Abgeschaffte Transfersummen seien nicht die Lösung, das mache gar den Fussball kaputt. Spieler würden zu Wandersmännern, die auf der Suche nach etwas mehr Lohn noch rascher von einem Ort zum anderen wechseln. Trotzdem: «Irgendwas muss sich ändern», stellt Gerber fest. Bloss was? «Ich weiss es nicht.»

Erstellt: 26.08.2017, 22:57 Uhr

Artikel zum Thema

Barça hat endlich einen Neymar-Nachfolger

Ousmane Dembélé wechselt zu Barçelona und wird zum zweitteuersten Fussballer in der Geschichte. Der Gewinn für Dortmund ist frappant. Mehr...

Auswertung zeigt Risiko-Transfers in der Super League

Welche Clubs mit neuen Spielern das grösste Wagnis eingehen. Mehr...

FCZ-Stürmer Dwamena fällt beim Medizin-Check durch

Der Transfer von Raphael Dwamena zu Brighton & Hove Albion ist geplatzt. Die Engländer haben die Offerte für den FCZ-Stürmer zurückgezogen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...