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Weltmeister, Dönerwerfer, Hoffnungsträger

Kevin Grosskreutz dachte nach seiner Eskapade in Stuttgart ans Karriereende. Nun ist er zurück in der 2. Liga – und will in Darmstadt alle glücklich machen.

«Da kämpfe ich, da laufe ich, da grätsche ich»: Kevin Grosskreutz will ein Vorbild sein. (Getty Images)
«Da kämpfe ich, da laufe ich, da grätsche ich»: Kevin Grosskreutz will ein Vorbild sein. (Getty Images)

Wahrscheinlich ist die Entscheidung beim Bolzen gefallen, auf Kunstrasen in Hombruch in Dortmund. Kevin Grosskreutz wollte wieder kicken mit seinen Jungs, endlich wieder einen Ball berühren. «Flanken, reinhauen, fertig», so erzählt er es. Als er flankte und die Flanken ankamen, als er schoss und traf, da muss er es gespürt haben: Ich kann nicht ohne.

Von diesem Samstag an ist Kevin Grosskreutz, der Weltmeister, wieder ein Fussballer. Er soll für den SV Darmstadt 98 in der zweiten Liga als Linksaussen spielen, alles geben, «dazu noch ein paar Tore schiessen, dann passt das», sagt er. Ganz einfach. Würde seine Stimme nicht manchmal leise werden an diesem Nachmittag in der Woche vor dem Spiel gegen Fürth, würde er nicht den Blicken ausweichen im Gespräch in der Geschäftsstelle am Böllenfalltor, man könnte denken, alles sei wie früher.

Es ist knapp fünf Monate her, seit Grosskreutz beim VfB Stuttgart seinen Abschied erklärte und sich entschuldigte. Er schaute an den Kameras vorbei, das rechte Auge blau unterlaufen, von Tränen verschmiert. Fussballer heulen manchmal, nach Abstiegen. Doch diese Tränen waren anders. «Ich bin froh, dass ich überhaupt noch hier bin», sagte er. «Ich möchte mit dem Profifussball erst mal nichts mehr zu tun haben.»

Bald stehen die beiden Jugendlichen vor Gericht, die Grosskreutz am 28. Februar bewusstlos geschlagen haben sollen, als er mit Jugendspielern feierte, trank und durchs Stuttgarter Rotlichtviertel zog. Die Umstände der Nacht, die seine Entlassung unausweichlich machten, hat der VfB nie veröffentlicht. Es hiess, es hätten besorgte Eltern von Jugendspielern angerufen. Es war eine Eskapade zu viel. Oder?

Fragt man Grosskreutz, inzwischen 29 Jahre alt, ob er etwas bereut, dann denkt er lange nach. «Was passiert ist, ist passiert, da stehe ich zu», sagt er. «Aber ich habe keinen verletzt, keinem was getan.»

Grosskreutz' Karriere war immer anders, als sie der moderne Fussball vorsieht, der seine Profis in Akademien zu Alleskönnern ausbildet. Grosskreutz war der wahrgewordene Fan-Traum: Vom Arbeiterviertel auf die Südtribüne auf den Rasen im Westfalenstadion. Er kämpfte und lief und feierte danach mit seinen Dortmunder Jungs. Die Leute verziehen ihm alles, den angeblichen Dönerwurf, das Wildpinkeln in der Hotel-Lobby, auch wenn es die Boulevardzeitungen zuspitzten. Ach, der Kevin, einer von uns. Er wurde Weltmeister in Brasilien, ohne zu spielen, und beim Feiern soll er der Vollste gewesen sein. Auch nicht schlimm.

Seit sieben Monaten Vater einer Tochter

Doch nach den Bildern von Stuttgart, Grosskreutz mit geschwollenem Gesicht im Krankenhaus, da schüttelten viele den Kopf. Zwar starteten die Fans eine Petition an den VfB, sie schrieben ihm Mut zu auf Instagram und Facebook. Doch echte Ratgeber waren erst mal rar.

Grosskreutz ist seit sieben Monaten Vater einer Tochter. Er habe sich im März zurückgezogen, zu seiner Familie nach Dortmund, wollte in Ruhe nachdenken, sagt er. Spricht man mit Leuten, die ihn kennen, erzählen sie von einem Menschen, der für jede Hilfe dankbar war; der sie schon früher gebraucht hätte. Der hoffte, dass endlich die Reporter vor seinem Haus verschwinden. Der zweifelte, ob das mit ihm und dem Fussball noch mal etwas wird.

Grosskreutz hat nie akzeptiert, vielleicht auch nie so ganz verstanden, dass es zum Beruf eines Fussballprofis dazugehören soll, sich zurückzuhalten, eine Rolle zu spielen, vernünftig zu sein. Er ist jemand, der ungern zu viel nachdenkt, der lieber mit seinen Freunden rausgeht, als zuhause ein Buch zu lesen. Der gerne Fan-Lieder singt, in Instagram-Videos mit seiner Tochter auf dem Arm. Typen wie Mario Basler konnten früher auch mal ein Bier trinken, ohne sich zu verstecken. Feiern, «das geht leider nicht mehr», sagt Grosskreutz, die Menschen werden ihn beobachten. Er will auch gar nicht mehr unbedingt feiern, er will wieder wie ein Profi leben, ein Vorbild sein, auf dem Platz, «da kämpfe ich, da laufe ich, da grätsche ich, das sollen die Jugendlichen sehen». Doch für alles andere im Leben, findet er, sollten auch die Eltern Vorbilder sein.

Er musste sich über solche Sachen in diesem Sommer Gedanken machen, es ging ja nicht anders. Er war verletzt, ging laufen oder ins Fitnessstudio. Er sprach mit alten Mitspielern, mit seinem früheren Kapitän in Dortmund, Sebastian Kehl. Die Dortmunder Fans malten Plakate. Kölner Fans, seine Freunde, kamen in sein Dortmunder Restaurant. Sogar Schalker Fans schrieben ihm. Die meisten rieten ihm, sich nicht zu verändern. Irgendwann dachte er: Da kann ich ja nicht so viel falsch gemacht haben.

Es gibt zwei Reaktionen auf den Fussballer Grosskreutz. Die einen rümpfen die Nase und fragen: Geht's noch? Die anderen schlagen ihm auf die Schulter und singen. Er hat sich vorgenommen, jetzt für seine Schulterklopfer da zu sein. Er will ihnen etwas zurückgeben. «Die Menschen erwarten viel von mir», sagt er, «ich will sie glücklich machen.»

Ehrlicher Fussball, das ist ein grosses Thema in diesem Sommer, in dem Regionalligisten gegen eine China-Auswahl spielen sollen und Stürmer für hundert Millionen Euro den Verein wechseln. Ehrlicher Fussball, das wird mit Typen wie Grosskreutz verbunden. Er findet Helene Fischer super, sagt er, doch er mochte nicht, dass sie im DFB-Pokalfinale in der Pause sang: «Das hat im Fussball nichts zu suchen.» Er findet, dass es den Verbänden nur ums Geld geht, dass Eintrittskarten zu teuer sind, 50 Euro, «das geht nicht». In Darmstadt kosten die Plätze halb so viel.

Grosskreutz hatte im April ein paar Angebote. Darmstadt, das passt, haben seine Jungs gesagt. Torsten Frings rief an, dem Grosskreutz schon von der Südtribüne zujubelte, als BVB-Fan. Er überzeugte ihn von Darmstadt, das steht auch für ehrlichen Fussball. Zwar ist das alte Stadion des Absteigers am Böllenfalltor etwas umgebaut worden, es sieht jetzt nicht mehr ganz so romantisch marode aus, neue Tribünen stehen vor den alten. Doch der Klub steht immer noch für Aussenseiterfussball mit blutigen Knien. Tradition und laute Fans, sagt Grosskreutz, das reiche ihm.

Er schaut nicht mehr zurück auf Titel und Länderspiele. «Geile Stadien» gebe es auch in der zweiten Liga, Darmstadt, Dresden, Union Berlin. «Viele Menschen, die einem zujubeln oder auswärts gegen dich sind», das ist es, was ihm der Fussball noch geben kann.

Sportlich ging es für Grosskreutz nach der WM eher bergab. Er wechselte nach Istanbul, aber war nicht spielberechtigt, verlor seinen Rhythmus. In Stuttgart wirkte er oft behäbig, nicht mehr wie ein sechsmaliger Nationalspieler. Er würde gern bis 34 spielen, er hat seinen Fitness-Rückstand aufgeholt. Doch seine Spielweise zehrt am Körper. Und funktioniert der Fussballer Grosskreutz noch, wenn er nicht mehr länger laufen und kämpfen kann als die anderen? Werden ihn die Fans noch lieben oder hassen, als einen unter vielen?

In Darmstadt, auf dem Weg zum Parkplatz, posiert Grosskreutz am Fanshop mit einer Familie für ein Foto, Vater, zwei Söhne, Tochter. Als er zu seinem Sportwagen geht, der noch ein paar Strassen weiter zu hören sein wird, fragt die Tochter: «Wer war das?» «Ein Weltmeister», antwortet der Vater.

Der Auftakt in die neue Saison ist Grosskreutz und Darmstadt geglückt. Gegen Fürth kam der Absteiger aus der 1. Bundesliga zu einem 1:0-Sieg, der Weltmeister spielte durch und hatte ein paar gute Szenen.

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