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Weniger Schmerzen, mehr Chancen

Die Zuversicht kehrt langsam zurück. Carlo Janka findet wieder Freude an seiner früheren Paradedisziplin – dank einer Regeländerung.

Kann wieder besser lachen: Carlo Janka.
Kann wieder besser lachen: Carlo Janka.
Keystone

Es war eine Demütigung. Carlo Janka, vorgeführt. 7,81 Sekunde, oder eine Weltreise im Ski, verlor der Bündner an diesem sonnigen Dezembertag 2012 in Alta Badia. In einem Lauf. Er, der stolze Weltmeister von 2009, der Olympiasieger von 2010, bloss­gestellt, in seiner Disziplin, dem Riesenslalom. «Am Tiefpunkt» titelten die ­Zeitungen, «Meilenweit von der Spitze entfernt», der «Blick» präzisierte: «160 Meter Rückstand!» Die halbe Schweiz rätsle über ­Jankas Formtief, stand anderswo geschrieben.

Dabei war der Grund ein simpler: eine Reglementsänderung des internationalen Skiverbands FIS vor der Saison 2012/13. Die 185 cm langen Riesenslalomski mit engem 27-Meter-Radius wichen Latten mit 195 cm Länge und 35 Metern Radius. Das hätte Knieverletzungen vorbeugen, so genannte Highsider verhindern sollen, bei denen die Fahrer wegen der starken Taillierung aus der Kurve geschleudert werden.

Die neuen Ski waren Gift für Janka, Gift für seinen Körper

Doch die Umstellung war Gift für Janka, Gift für seinen Körper, den Rücken vor allem. Die Ski um die Kurven zu wuchten, mit vollem Einsatz des Rumpfbereichs, das war nichts für den begnadeten Carver. Es folgte der Absturz in der Riesenslalomrangliste. Von Position 1 auf 632.

Jörg Roten war schon damals der Trainer an der Seite des ruhigen Bündners. Dieser neige nicht dazu, mit seiner Situation zu hadern, «aber mit diesen Ski», sagt der Bruder der einstigen Technikerin Karin Roten, «mit denen hat er gehadert. Es war ein Knorz.» An Alta Badia 2012 kann sich der Walliser noch gut erinnern, «es war ganz schlimm». Die Folgen? «Sein Kopf machte danach nicht mehr mit. Und er war gefangen in einem Teufelskreis. Carlo hätte mehr trainieren sollen, konnte das wegen der Gesundheit nicht tun, dadurch hinkte er beim Material hinterher. Da wieder herauszukommen, war sehr schwierig.»

Warum nur hielt er am Riesenslalom fest? Aus Sturheit?

Er kam heraus, «einigermassen», wie Roten sagt, nun schon seit einem Jahrzehnt Jankas Trainer. Sein Athlet hat sich immerhin wieder bis an die Top 30 des Riesenslaloms zurückgekämpft. Er ist einer von ganz wenigen, die neben Abfahrt und Super-G noch auf diese Disziplin setzen, die durch das neue Reglement eine deutliche Spezialisierung erfuhr.

Doch warum, warum nur hat Janka all die Jahre an seiner einstigen Paradedisziplin festgehalten, an der er längst die Freude verloren hatte, unter der sein Rücken litt? Aus Sturheit, wegen der schönen Erinnerungen? «Er wollte es, und auch ich habe ihn in diese Richtung gepusht», sagt Roten. «Denn ohne Riesenslalom verliert man schnell die technischen Fähigkeiten, die auch in schwierigen Speed-rennen gefragt sind. Und: Wenn einer einmal den Riesenslalom vernachlässigt, dann kommt er nie mehr zurück.» Also hielt Janka durch, den Schmerzen zum Trotz, den Enttäuschungen und Tiefschlägen zum Trotz, die so oft kamen.

Das scheint sich nun auszuzahlen. Zumindest wirkte das in diesem Sommer so. Janka habe «endlich wieder Spass» in den engen Toren, sagt Roten. Der 31-Jährige selber sagt: «Es ist wieder deutlich schöner zu fahren.» Der Grund: Die FIS hatte ein Einsehen, hörte auf die vielen Athleten und Trainer, die längst eine Umkehr forderten. 30 Meter Radius und 193 cm Länge haben die Ski ab dieser Saison, eine Zwischenlösung, aber deutlich näher an den einstigen Carvingmodellen.

Start in Sölden unsicher

Am kommenden Wochenende werden sie in Sölden erstmals im Einsatz sein. Ob das dann auch Janka ist, steht aber noch nicht fest. Er belegt derzeit Rang 35, eine hohe Startnummer ist die Folge. «Mit der 43 werde ich in Sölden sicher nicht starten», sagt Janka. Er muss hoffen, dass Top-30-Athleten ausfallen, vier haben ihm den Gefallen schon getan. Einer fehlt noch, um ins vordere Feld zu rutschen.

Und dann? Wenn es so weit sein sollte mit seinem ersten Start mit neuen Ski? Ist Janka dann plötzlich wieder gut für einen Spitzenplatz? «Die ganz guten Riesenslalomzeiten liegen hinter mir, das wird sich auch mit diesem Ski nicht ändern», sagt der Obersaxer. Und Roten meint: «Ich traue ihm zwar nach wie vor etwas zu. Aber wegen der gesundheitlichen Probleme in den letzten Jahren mussten wir die Trainingsumfänge derart einschränken, dass gegenüber den Spezialisten ein Vakuum entstanden ist. Irgendwann wird dieses schlicht zu gross.»

So stand Janka auch vor diesem Winter nicht öfter auf den kürzeren Ski, bislang an 15 von 40 Schneetagen, «dafür konnte ich mehrere Tage hintereinander Riesenslalom fahren, das war in den letzten fünf Jahren nicht möglich». Der Rücken ist entlastet, er spürt es bei jedem Schwung. Priorität aber haben für den Lauberhornsieger von 2010 noch immer die schnellen Disziplinen.

Tausende Starts in kurzen Hosen und mit Sonnenbrille

Deshalb schuftete er auch jetzt wieder mächtig in seinem Wohnort Obersaxen. Dort hatte er vor zwei Jahren eine Startrampe gebaut, der Langsamstarter wollte sein grosses Manko beheben, stiess sich mitten im Sommer, in kurzen Hosen und mit Sonnenbrille, Tausende Male ab auf dem Kunststoffteppich, übte Schlittschuhschritte. Nun, im dritten Jahr, scheint die Schinderei zu fruchten. «Er war in den letzten Trainings immer einer der Schnellsten beim Start», sagt Roten. «Wir hatten zwar etwas weniger Umfänge auf der Rampe, dafür qualitativ bessere.»

Er analysierte Jankas Bewegungen, «die Armhaltung, dann das Herauskatapultieren, die Schlittschuhschritte, die Koordination zwischen den Stockstössen – eigentlich hat überhaupt nichts gepasst bei ihm.» Sie gingen Detail für Detail an, «wir sind Schritt für Schritt vorwärtsgegangen», sagt Roten. Die Zuversicht in Jankas Team war definitiv schon kleiner.

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