Wenn bei Bayern der Yeti ins Spiel kommt

Ausgerechnet im heutigen Spitzenkampf gegen seinen ehemaligen Verein Dortmund könnte Bayerns Robert Lewandowski in den Club der 200-Tore-Stürmer aufsteigen.

Er kann ein ganzes Spiel verändern: Robert Lewandowski.

Er kann ein ganzes Spiel verändern: Robert Lewandowski. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war, als hätten sie alle den Yeti gesehen. Mit einer Mischung aus Erstaunen und Ehrfurcht raunten sie seinen Namen, und sie schienen sich sicher zu sein: Ja, die Erscheinung war echt gewesen, sie hatten sie zwar nicht zu fassen gekriegt, aber sie waren doch nah genug dran gewesen, um ihre Echtheit bestätigen zu können. Als Lewandowski ins Spiel gekommen sei, habe es sich verändert, sagte der eine Heidenheimer, und der nächste sagte, ja, gut, diesen Lewandowski, den habe man halt nicht mehr stoppen können.

«Mit seinen Einwechslungen zur Pause ist Niko all in gegangen», sagte Heidenheims Trainer Frank Schmidt nach dem yetihaft unwirklichen 4:5 im Cup-Viertelfinal bei Bayern. Man habe «sofort gespürt, dass jetzt noch mehr Qualität auf dem Platz ist».

1:2 stand es zur Pause gegen den kessen Zweitligisten, aber dann kam eben der Yeti ins Spiel. Eine schlaue Kopfballvorlage auf Müller: 2:2. Ein schlauer Laufweg nach Müllers Vorlage, Vollstreckung inklusive: 3:2. Und dann, fünf Minuten vor Schluss, dieser Penalty zum 5:4, ganz entspannt verwandelt, obwohl diese Partie erkennbar auf Krawall gebürstet war. Aber Lewandowski war grösser als dieses Spiel. Er hat nur 45 Minuten gespielt, aber sie haben gereicht, um zum Mann des Abends aufzusteigen. Dazu lassen sich drei Dinge anmerken.

Erstens: Für Lewandowski ist es schon sehr okay, ein Mann des Abends zu sein.

Zweitens: Es ist aber irgendwie auch sein Job.

Drittens: Es war übrigens nur gegen Heidenheim.

Lewandowski, 30, schafft es, gleichzeitig eine umstrittene und eine nicht umstrittene Figur zu sein. Nicht umstritten ist, dass er ein sehr grosser, sehr kompletter Bundesliga-Stürmer ist, dessen Namen die Gegenspieler mit einer Mischung aus Erstaunen und Ehrfurcht raunen. Umstritten ist, ob er auch so gut ist, wie er sich selber manchmal sieht: ob er also der Weltfussballer ist, der in den einschlägigen Rankings wahrscheinlich nur aufgrund von Fehlern in der Rechen-Software von Messi und Ronaldo überholt wird.

Die vier Ligalegenden

Tatsächlich weiss man das ja immer noch nicht so genau: Ist Lewandowski ein Stürmer vom Format Marco van Bastens, der nur deshalb keine WM oder EM geprägt hat, weil er nicht für eine ganz grosse Nation stürmt? Oder ist er halt doch nur ein halber van Basten, weil es ihm beispielsweise auch nicht verboten wäre, für seinen Verein Bayern München mal die Champions League zu entscheiden?

Heute könnte Lewandowski immerhin ein wenig historisch werden. 199 Bundesligatore hat er geschossen, eines fehlt ihm noch, um in den sagenhaften Zweihunderter-Kreis vorzustossen, der bisher vier Ligalegenden vorbehalten ist: dem unerreichten, unerreichbaren Gerd Müller; dem robusten, technisch starken Fallrückzieher-Erfinder Klaus Fischer, der auch im Jahr 2019 noch ein Supermittelstürmer wäre; dem sündhaft schnellen Jupp Heynckes, der heute auch noch mitkicken könnte und dann vermutlich von Jupp Heynckes trainiert würde; und dem rasend raffinierten Manni «Manfred» Burgsmüller, der im Alter immer jünger wurde und manchmal aus Lücken auftauchte, die sich ihrer Lückenhaftigkeit selbst gar nicht bewusst waren.

Es wäre eine schräge Pointe, wenn Lewandowski das historische Tor ausgerechnet gegen Borussia Dortmund schiessen würde; gegen jenen Club, der seine Qualitäten als Erstes durchschaute und ihn 2010 von Lech Posen in die Bundesliga holte. Wobei, als Erstes hatte diese Qualitäten schon Lewandowski selbst durchschaut.

Als Lewandowski noch in der zweiten polnischen Liga spielte, raunte ihm der frühere polnische Nationalstürmer Cezary Kucharski zu, dass er, der damals 19-jährige Lewandowski, das Potenzial habe, einer der besten Stürmer der Welt zu werden, wenn nicht sogar der beste. Lewandowski glaubte ihm, Kucharski wurde sein Berater, gemeinsam entwickelten sie zwei Lebensthemen: Lewandowski wollte als Fussballer immer besser werden. Und er sollte irgendwann so gut sein, dass er einen Vertrag bei Real Madrid bekommt.

Das Lebensthema Real

Das eine ist ihm gelungen: Er kann alles irgendwie ganz gut, Kopfbälle, Abstauber, Tore mit links, Tore mit rechts, er kann auf die Flügel ausweichen, er kann Fallrückzieher oder Seitfallzieher. Das zweite Lebensthema aber, der Vertrag bei Real, blieb unerfüllt.

Vielleicht ist seine Weltklasse trotz allem auch nicht Weltklasse genug – wie jeder gute Stürmer ist Lewandowski zwar sehr aufs Tor fixiert, aber vielleicht ist er manchmal ein bisschen zu sehr aufs eigene Tor fixiert; auf das Tor, das er selber und nicht der Nebenmann schiesst.

So hat der grosse Stürmer und Trainer Jupp Heynckes vorige Saison durchaus registriert, dass sein Stürmer Lewandowski die Bayern im Champions-League-Halbfinal (gegen Real) nicht so richtig mitgezogen hat, dass er weder robust wie Klaus Fischer noch schnell wie Jupp Heynckes noch raffiniert wie Manni Burgsmüller wirkte – obwohl er all das sein kann. Auch das ist nun ein Lebensthema geworden, wenn auch ungeplant: In den wirklich grossen Spielen war der grosse Stürmer Lewandowski oft nur ein Gerücht.

Ausgerechnet der Stürmer, der die Liga immer verlassen wollte, wird nun also in die Geschichte dieser Liga eingehen. 21 Tore noch, dann hätte er Heynckes überholt, dann wäre er Dritter in der ewigen Rangliste und eine wirklich historische Figur.

Erstellt: 06.04.2019, 14:10 Uhr

Artikel zum Thema

Lucien Favres Dortmund greift die Bayern an

Umbau, Aufschwung, Rückschläge, Kritik – bei Dortmund hat der Schweizer Trainer bereits alles kennen gelernt. Mehr...

Bayern-Legenden streiten um Lewandowski

Vor den entscheidenden Wochen gibt es beim FC Bayern mal wieder Ärger. Dieses Mal geht es um eine angebliche Schmutzkampagne. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Animalische Athletik: Ein Tiertrainer im Zoo von Sanaa, Jemen, reizt eine Löwin so sehr, dass sie wortwörtlich die Wände hochgeht. (Januar 2020)
(Bild: Mohamed al-Sayaghi) Mehr...