Wenn der Priester wettert und das Trikot im Klo versenkt wird

Gonzalo Higuaín wechselt für 90 Millionen Euro zu Juventus und wird in Neapel zur Persona non grata.

Da präsentiert er sich bereits seinen neuen Fans: Gonzalo Higuaín mit dem Juve-Trikot. Foto: Keystone

Da präsentiert er sich bereits seinen neuen Fans: Gonzalo Higuaín mit dem Juve-Trikot. Foto: Keystone

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Selbst der Bürgermeister Neapels war ausser sich. «Verräter!», rief Luigi de Magistris dem argentinischen Stürmer Gonzalo Higuaín hinterher, noch ehe der Dienstagabend angebrochen und die Fahnenflucht perfekt war. Da nämlich erst bestätigte Italiens Meister Juventus Turin, die Ablösesumme entrichten zu wollen, die im laufenden Vertrag Higuaíns festgeschrieben war: sagenhafte 90 Millionen Euro, die der bisherige Verein des Argentiniers, die SSC Napoli, für den schon 29-jährigen Torschützenkönig der vergangenen Saison der Serie A kassiert. Higuaín selbst soll in Turin ein Salär von 7,5 Millionen Euro netto beziehen – und sich damit im Vergleich zu seinen aktuellen Bezügen um 2 Millionen Euro jährlich verbessern. Da lässt es sich vermutlich leichter verschmerzen, in Neapel zur Persona non grata geworden zu sein. «Ich durchlebe wundervolle Gefühle», schmachtete Higuaín, als er am Mittwoch in Turin landete und einen schwarz-weissen Juve-Schal um den Hals gelegt bekam: «Ich bin glücklich, bei Juve zu sein.»

Ein zweiter Diego Maradona

Da war nur noch wenig von der Aufregung der letzten Tage zu spüren, als jeder Neapolitaner zu einem Vesuv mutiert zu sein schien. Seit Gewissheit herrschte, dass Higuaín ihnen den Rücken kehren würde, spien die Bewohner der ebenso stolzen wie latent verbitterten Stadt ihre Enttäuschung heraus. Sie hatten ihn für einen der ihren gehalten – weniger wegen der 36 Tore aus der vergangenen Spielzeit, die einen Rekord in der Serie A darstellten, und auch nicht, weil er Neapel Glanz verlieh, es gar an den Rand des Titels führte. Sondern vor allem deshalb, weil Higuaín Argentinier ist.

Er fühlte sich für die Neapolitaner an wie ein zweiter Diego Maradona, der in Neapel noch immer gottgleich verehrt wird, seit er vor ein paar Jahrzehnten den SSC zu zwei Meistertiteln führte und eine für unverbrüchlich gehaltene Seelenverwandtschaft zwischen Argentiniern und Neapolitanern begründete. Doch nun das: Higuaín wandert zur Juve ab. Er hätte zu jedem Club der Erde wechseln können. Aber zum Feind, zum Symbol des Establishments des Nordens des Landes, der den Süden schon immer unterjocht hat?

Higuaín-Trikot angezündet

Deshalb sind dieser Tage in Neapel Trikots mit der Rückennummer Higuaíns angezündet oder im Klo versenkt worden, ist ein Müllwagen mit einem Higuaín-Banner drapiert worden, haben Fans ihre Higuaín-Tattoos entfernen lassen. Ein Priester wetterte bei einer Vermählungsfeier, Higuaín habe sich verhalten wie ein «armer Teufel», weil er – «Gott ist anders» – den irdischen Verlockungen erlegen sei. 2013 war Higuaín von Real Madrid für weniger als die Hälfte des Geldes gekommen (39 Millionen Euro), das er nun Juventus wert ist. Doch das alles zählt nicht. Denn was sind diese 90 Millionen Euro verglichen mit 900'000 neapolitanischen Herzen, die Higuaín gebrochen zurücklässt?

«Wenn Higuaín geht, verrät er sich selbst», hatte Neapels Präsident Aurelio De Laurentiis dieser Tage gesagt, doch der Appell nutzte nichts. Francesco Totti, der seit zwei Jahrzehnten bei der AS Roma spielt, ging mit dem Kollegen Higuaín fast schon brutal ins Gericht. «Ein Desaster» sei der Wechsel, «aber es ist längst normal, dass ein ausländischer Spieler dorthin geht, wo ihm mehr gezahlt wird. Es ist ein Mentalitätsproblem. Es gibt nicht mehr viele Ausländer wie Maradona», sagte Totti. Ebendieser Maradona hatte zuvor Milde walten lassen. «Die Geschichte mit Higuaín tut mir weh», sagte er. «Aber wirklich glücklich sind die, die das Geschäft machen.»

Es ist ein gigantisches Geschäft, das grösste, das je ein italienischer Club abgewickelt hat. Der bisherige Rekordhalter, Lazio Rom, hatte zur Jahrtausendwende 55 Millionen Euro für Parmas (argentinischen) Stürmer Hernán Crespo bezahlt. Auch im internationalen Vergleich kann sich die Operation sehen lassen. Sie ist die drittgrösste der Fussballgeschichte, nur der Portugiese Cristiano Ronaldo und der Waliser Gareth Bale waren bei ihren Wechseln zu Real Madrid teurer – rund 100 Millionen Euro. Doch nicht mal jene setzten den Markt so in Brand wie jetzt Higuaín.

Dass sein Transfer Folgen haben wird, ist heute schon absehbar. Wird Bayerns Ex-Stürmer Mario Mandzukic, der nun bei Juventus auf der Bank sitzen dürfte, in Turin bleiben wollen? Italienische Medien melden bereits, dass Neapel den polnischen Internationalen Arkadiusz Milik bei Ajax Amsterdam für 35 Millionen Euro abgelöst hat; Milik hatte in der vergangenen Saison in Holland 21 Tore erzielt. Doch das wird nicht reichen, um all die kleinen Vulkane zu besänftigen; die SSC Napoli dürfte seine Versuche intensivieren, Mauro Icardi von Inter Mailand abzuwerben. Die Offerte umfasst neben einem Salär von 5,5 Millionen Euro angeblich auch das Angebot an Icardis Frau, in einem Spielfilm eine Hauptrolle zu bekleiden, Neapels Präsident De Laurentiis ist Erbe einer der grössten Filmfirmen Italiens. Vor allem aber rückt nun der Transfer von Juve-Mittelfeldspieler Paul Pogba zu Manchester United näher – für dann mehr als 120 Millionen Euro. Sollte dieser Transfer, wie in Italien geraunt wird, im Lauf der kommenden Woche über die Bühne gehen, wird erst recht debattiert werden, ob ein Spieler so viele Millionen wert sein kann.

Higuaín mit Nervenproblemen

Im Fall Higuaíns läuft die Diskussion bereits, kurioserweise nirgends so intensiv wie in Argentinien, seiner Heimat. Dort tragen sie ihm noch immer die Grosschancen nach, die er in den letzten drei Endspielen mit Argentinien vergeben hat. 2014 im Maracanã-Stadion versagten ihm im WM-Final im Angesicht von Deutschlands Goalie Manuel Neuer völlig freistehend die Nerven. Im Copa-América-Final 2015 in Chile verfehlte Higuaín aus einem Meter das Tor, anschliessend zielte er beim Elfmeterschiessen drüber, Argentinien verlor. Die Geschichte wiederholte sich beim Copa-América-Final 2016 in den USA. Auch da stand Higuaín erneut allein vor einem chilenischen Torhüter. Doch er spitzelte den Ball am Gehäuse vorbei.

Ob er nun mit Meister Juventus die Champions League gewinnen werde, wurde er in Turin gefragt. «Hoffen wirs, hoffen wirs», antwortete Higuaín. Bis dahin bleibt dem 90-Millionen-Mann Zeit, seine finale Torschusspanik zu überwinden.

Erstellt: 29.07.2016, 18:26 Uhr

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