Schlaubi Schlumpf nervt die Kolleginnen

Von Rekordzahlen zu den Supergoalies – Geschichten von der Frauen-WM.

«Klugscheisser» wird sie genannt: die deutsche Torhüterin Almuth Schult.

«Klugscheisser» wird sie genannt: die deutsche Torhüterin Almuth Schult. Bild: Yves Herman/Reuters

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Frauen sind gerade populärer als MännerTV-Quote

Die Affiche scheint ihren Reiz nie zu verlieren. Italien gegen Brasilien, es ist einer der Klassiker im Weltfussball. Und es spielte keine Rolle, dass es diesmal kein K.-o.-Match war und ein Frauenspiel: 6,525 Millionen Zuschauer verfolgten die Partie zur Primetime auf RAI 1, der Marktanteil betrug 29,3 Prozent. Das EM-Qualifikationsspiel der Männer in Griechenland ein paar Tage vorher sahen 1,2 Millionen Leute weniger.

Der ausgehungerte italienische Fussball-Fan weiss nach den jüngsten WM-Debakeln der Männer – zweimal Scheitern in der Vorrunde, einmal Verpassen des Finalturniers – kaum mehr, wie erfolgreicher WM-Fussball geht. Dementsprechend werden die Erfolge der «Azzurre» aufgesogen. Die Freude über Platz 1 in der «Todesgruppe» mit Australien und Jamaika als weiteren Gegnern ist gross, der Tenor geht bei allen Analysen in die gleiche Richtung: Fussball kann auch Spass machen ohne Diskussionen mit dem Schiedsrichter über jeden Eckball und Simulation von komatösen Zuständen, sobald es das Resultat sinnvoll erscheinen lässt.

Der Frauen-Fussball war während der Vorrunde auch in vielen anderen für die WM qualifizierten Ländern en vogue – ganz besonders im Vereinigten Königreich. Bis zu 6,1 Millionen Zuschauer verfolgten auf BBC das Derby England gegen Schottland und pulverisierten damit den Rekord für das meistgesehene Frauenspiel um ein Drittel, der Marktanteil betrug 37,8 Prozent. Zum Vergleich: Das Nations-League-Spiel der Engländer gegen die Schweiz – allerdings auf dem Bezahlsender Sky Sports – wollten kurz vorher maximal 1,236 Millionen Fans sehen, was einem Marktanteil von 15 Prozent entspricht. (mke)

6,525 Millionen Zuschauer verfolgten den Klassiker zwischen Italien und Brasilien auf RAI 1. (Foto: Francisco Seco/Keystone)

Allein im Zimmer – sie rechnet immer Almuth Schult

Ihre Teamkolleginnen nennen sie «Schlaubi Schlumpf» oder «Almuth Allwissend». Oder sie sagen wie Lina Magull: «Sie spielt gerne den Klugscheisser.» «Schlaubi Schlumpf» heisst mit richtigem Namen Almuth Schult und ist deutsche Torhüterin. Und weil Schult nicht nur zwischen den Pfosten hingebungsvoll arbeitet, schläft sie jetzt auch im Einzelzimmer.

Es war bei der WM vor vier Jahren in Kanada, als Schult so oft alle erdenklichen Konstellationen für ein Weiterkommen in der Gruppenphase durchrechnete, dass ihre damalige Zimmerpartnerin Tabea Kemme irgendwann nicht nur ziemlich genervt war, sondern immer nervöser wurde, wie Kemme gegenüber dem «Kicker» erklärte. Deshalb wollte jetzt niemand mehr mit Olympia- und Champions-League-Siegerin Schult ins Zimmer. Obwohl es doch dieses Mal sicher viel einfacher gewesen wäre, weil es ganz ohne Rechnereien ging. Die Torhüterin vom VfL Wolfsburg war in den ersten drei Partien die beste Spielerin ihres Teams und führte Deutschland ohne Gegentreffer zum Gruppensieg. (gar)

«Schlaubi Schlumpf» oder «Almuth Allwissend»: Teamkolleginnen über Almuth Schult. (Foto David Vincent/Keystone)

Sie hat ganz anderes schon überstandenWendie Renard

Andere hätte der Mut verlassen. Sie wären eingeknickt. Oder hätten sich irgendwo in ein Erdloch gewünscht. Erst dieses unglaubliche Eigentor gegen Norwegen, ein Innenrist-Pässchen ins eigene Netz. Und jetzt dieser Penalty an den Pfosten gegen Nigeria.

Aber die Französin Wendie Renard hat schon ganz andere Dinge überstanden. Auf Martinique, ihrer Geburtsinsel, wo sie praktisch nur gegen Buben spielt. «Sie sind stärker, darum musst du auf dem Feld härter werden.» So erzählt das die heute 28-Jährige.

Mit 16 zieht sie weg. Allein, weil sich ihre Mutter den Umzug aufs französische Festland nicht leisten kann. Aber dort, wo sie hinreist, fällt Renard durch. Beim Testtraining für das nationale Trainingszentrum in Clairefontaine wird sie abgelehnt.

Beinahe wäre deshalb ihre Karriere vorbei, bevor sie begonnen hat. Aber an diesem Tag in Clairefontaine ist auch Farid Benstiti anwesend. 20 Minuten braucht der damalige Coach von Olympique Lyon, um Renards Talent zu entdecken.

In Lyon wird sie ausgebildet, aber auch gefoppt. Wegen ihres Insel-Akzents, wegen ihrer 1,87 Meter Körperlänge. «Das tut richtig weh, wenn du jung bist», sagt Renard, «wenn ich nicht genau gewusst hätte, was ich will, wäre ich gescheitert.»

Renard scheitert nicht. Sie wird 13-mal französische Meisterin, sie gewinnt sechsmal die Champions League. Sie verdient als vielleicht weltbeste Innenverteidigerin laut «France Foot» 348 000 Euro brutto im Jahr.

Und sie ist Nationalspielerin, wie sie sich das schon als Achtjährige nach dem Tod ihres Vaters ausgemalt hat. Also tritt sie nach ihrem Pfostenschuss noch einmal an, als sie ihren Penalty wiederholen darf, weil sich Nigerias Goalie zu früh von der Linie gelöst hat. Sie trifft souverän, oben rechts, und steht mit Frankreich im Achtelfinal, wo jetzt am Sonntag das Schlagerspiel gegen Brasilien wartet. Renard hat alles, um zum Star dieser WM zu werden. (fra)

Einst belächelt, nun hat Wendie Renard an dieser WM ein Star zu werden. (Foto Vincent Michel/Keystone)

Doppelschichten, um die Klage zu gewinnenUSA

Hier und da haben sie Schelte bekommen. Von einigen, weil sie sich erlaubt haben, sich über jedes ihrer 13 Tore gegen Thailand zu freuen. Von anderen, weil sie nicht einfach irgendwann aufgehört haben mit dem Toreschiessen.

Aber wer die USA für ihre Gier nach Erfolgen und Rekorden rügt, versteht nicht, unter welchem Druck dieses Team an der WM antritt. Die Amerikanerinnen haben nicht bloss die eine, die offensichtliche Mission: den Weltmeister­titel. Sie schieben in Frankreich Doppelschichten. So nennt es Captain Megan Rapinoe. Die Spielerinnen der USA haben während der WM eine Klage gegen ihren eigenen Verband laufen. Sie fordern vor Gericht dieselbe Bezahlung wie die männlichen Nationalspieler ein, dieselben Trainingsmöglichkeiten und dieselbe Betreuung.

Es ist ein Kampf, wie ihn viele Nationalspielerinnen dieser Welt ausfechten. Mit einem grossen Unterschied: Das Frauen-Team der USA ist nicht nur viel erfolgreicher als jenes der Männer. Die Frauen bringen dem Verband auch mehr Geld ein als die Männer. Das «Wall Street Journal» hat eben die Zahlen veröffentlicht. In den letzten drei Jahren haben die Spiele der US-Frauen rund drei Millionen Franken mehr Einnahmen generiert als jene der US-Männer. Und trotzdem verdienen sie deutlich weniger. Eigentlich haben die US-Frauen alle Argumente auf ihrer Seite. Und doch glauben sie, dass sie womöglich den Weltmeistertitel brauchen, um ihr Anliegen durchzubringen. Immerhin, jemand hat die Forderungen der Frauen bereits öffentlich unterstützt: das Männerteam der USA. (fra)

Das Frauen-Team der USA ist nicht nur viel erfolgreicher als jenes der Männer. Die Frauen bringen dem Verband auch mehr Geld ein als die Männer. (Foto: Tolga Bozoglu/Keystone)

Die Frauen als KaninchenNeue Regeln

Wer die Spiele der WM in Frankreich schaut, dem fällt schnell einmal auf: Irgendetwas ist da anders als gerade noch. Abstösse werden nicht mehr aus dem Strafraum gespielt, Handselfmeter gab es in der ersten Woche wie Pastis in der Provence, verschossene ­Penaltys dürfen regelmässig wiederholt werden, Abseits wird oft erst nach einer gefühlten Gedenkminute gepfiffen. Aber nein, das sind nicht besondere «Frauen»-Regeln. Der Weltfussballverband Fifa hat schlicht beschlossen, seine neuen Regeln, die weltweit ab der kommenden Saison gelten, bei den Frauen bereits bei der WM einzusetzen. Eine lange Vorlaufzeit haben die Teams dabei nicht erhalten. Erst rund drei Monate vor dem Eröffnungsspiel wurden die WM-Teilnehmerinnen unterrichtet. Irgendwie unvorstellbar, dass die Fifa das bei einer WM der Männer ebenso gehandhabt hätte. Und geradezu absurd, dass die Fifa entschied, an der U-20-Weltmeisterschaft der Männer, die vor einer Woche zu Ende ging, noch mit den alten Regeln zu spielen.

Aber das Motto beim Weltfussballverband scheint zu lauten: Mit den Frauen kann mans ja machen. Kein Wunder, gibt es an der laufenden WM immer wieder heftige Regeldiskussionen bis Regelpolemiken. Die Frauen werden an ihrem wichtigsten Turnier von der Fifa schlicht wie Versuchskaninchen behandelt. (fra)

Die Fifa hat beschlossen, seine neuen (Penalty-)Regeln, die weltweit ab der kommenden Saison gelten, bei den Frauen bereits bei der WM einzusetzen. (Foto: Alessandra Tarantino/Keystone)

Besser als ihr RufGoalies

Sie kennen sie, die Vorurteile, dieser alte Mief. Man soll doch die Tore verkleinern. Oder den Torhüterinnen Stelzen schenken. Immer gesagt mit der Denke, dass alle Frauengoalies Fliegenfängerinnen seien. Diese WM zeigen gerade zwei Goalies, dass das dummes Geschwätz ist.

Erstens Christiane Endler. Was die Chilenin beim 0:3 gegen die USA gehalten hat, war schlicht famos. Hope Solo, die einst beste Torhüterin der Welt, sagte: «Wir suchen die eine in einer Million. Und für mich ist Christiane Endler diese eine.»

Zweitens Peng Shimeng – die Wortspiele über die Chinesin waren erst unfassbar originell. Dann spielte sie gegen Spanien Endler-mässig und reihte Parade an Parade. Die 21-Jährige verhalf ihrer Mannschaft zu einem 0:0 und zum Einzug in den Achtelfinal. Darauf bekam sie einen neuen Namen: Chinesische Mauer.

Die beiden Frauen sind nicht nur Torhüterinnen, sie drücken sich auch eloquent aus. Shimeng spricht darüber, wie sie als junge Torhüterin ihre Zurückhaltung abgelegt habe und nun ihre älteren Mitspielerinnen dirigiert. Und Endler sagte kürzlich in einem Interview in Chile, dass sie für das Recht auf ­Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe und die Legalisierung von Cannabis einstehe. Sie wurde heftig kritisiert. Ihre Antwort: «Ich finde solche Kritik sehr rückständig.» (czu)

Parade an Parade: Die chinesische Torhüterin Peng Shimeng erhielt den neuen Namen «Chinesische Mauer». (Foto: Peter Powell/Keystone) ()

Erstellt: 23.06.2019, 08:44 Uhr

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