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«Wer Angst hat, muss nicht zu Sion gehen»

Jetzt spricht Murat Yakin im Interview über seinen neuen Job im Wallis bei Christian Constantins FC Sion.

Marcel Rohr
«Ich habe Hochachtung vor Constantin. Er macht die Regeln.» Murat Yakin glaubt, dass er gut mit dem Sion-Präsidenten zusammenarbeiten wird.
«Ich habe Hochachtung vor Constantin. Er macht die Regeln.» Murat Yakin glaubt, dass er gut mit dem Sion-Präsidenten zusammenarbeiten wird.
Keystone

Das Wetter ist so prächtig, dass man am liebsten in den blauen Himmel beissen möchte. Murat Yakin steht auf dem Kunstrasenplatz in Fully, einem Kaff gleich neben Martigny, und gibt Anweisungen. Mal auf Französisch, dann auf Englisch und Deutsch. Normalerweise wäre an diesem Dienstag trainingsfrei, doch was ist beim FC Sion schon normal? Das Training ist extra für den neuen Coach angesetzt worden, damit dieser die Spieler kennenlernt, «so schnell als möglich», wie Yakin schmunzelnd anfügt.

Am Montag hat der 44-jährige Münchensteiner in Montreux alle Details mit Christian Constantin geregelt. Der mächtige Präsident des FC Sion legte Yakin einen Einjahresvertrag vor. Nach Concordia, GC, Frauenfeld, Thun, Luzern, Basel, Spartak Moskau, Schaffhausen und nochmals GC ist Sion die zehnte Station seiner aufregenden Trainerlaufbahn.

Nach eineinhalb Stunden Schwitzen ist die Übungseinheit fertig. Auf eine grosse Pressekonferenz mit Kameras und Tamtam verzichtet Yakin, «ich bin lieber auf dem Platz draussen». 90 Minuten später und nach einer kühlen Dusche setzt er sich im Hotel La Porte d’Octodure in Martigny an einen Tisch. In der Nervenzentrale des FC Sion nimmt er sich Zeit für ein Interview.

Murat Yakin, was verbindet Sie mit dem Wallis?

Murat Yakin:Mein Vater arbeitete früher in der Basler Chemiefirma Lonza im Wallis. Stationiert war er in Lalden, gleich neben Visp. So kam es, dass mein Bruder Hakan und ich die Sommerferien hier verbrachten, sechs oder acht Wochen lang. Angereist sind wir immer im Zug. Ich kenne alle Berge und Skiregionen, meine Verbundenheit ist gross, vor allem mit dem Oberwallis.

Haben Sie während der Ferien im Wallis auch Fussball gespielt?

Ja, aber nur vor der Haustüre. Wie in Münchenstein kickten wir auf dem Hof, das fühlte sich wie ein zweites Wohnzimmer an.

Wie nehmen Sie den Fussball grundsätzlich im Wallis wahr?

Die Fans sind begeisterungsfähig, hier kann man etwas bewegen. Christian Constantin hat in den letzten Jahren immer hervorragende Spieler verpflichtet, die Qualität stimmt. Er ist fussballverrückt.

Damit ist das Stichwort gefallen: Christian Constantin. Präsident, Architekt, Lebemann, Sonnenkönig, Trainervernichter. Alles hört auf das Kommando des 61-Jährigen. Am Ende der Nationalmannschaftspause und vor dem letzten Cup-Wochenende schickte er Maurizio Jacobacci (55) zum Teufel. Vor versammelter Presse demontierte «CC» seinen Coach, den er nicht mehr wollte. Er gab Mannschaftsinterna preis, weil er wusste, dass der Neue längst bereit steht: Murat Yakin. Am Freitag regelte dieser die Vertragsauflösung mit dem Grasshopper Club, seinem letzten Arbeitgeber.

Murat Yakin, mussten Sie lange überlegen, um in Sion zu unterschreiben?

Murat Yakin: Constantin und ich kennen uns seit Jahren, es gab vor oder nach den Spielen viele schöne Begegnungen. Oft sagte er scherzend zu mir, dass ich ihn heute wieder mit einer Niederlage geärgert habe …(lacht). Wir spürten beide, dass sich mal eine Zusammenarbeit entwickeln könnte. Nun ist der Moment ideal. Constantin ist ein Gentlemen, ich habe Hochachtung vor ihm.

Aber mit Verlaub – mit den Trainern geht er respektlos um.

Wenn die Resultate nicht stimmen …Bei ihm weiss man immer, woran man ist als Trainer. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Mit anderen Worten: Ich weiss genau, worauf ich mich einlasse.

Akzeptieren Sie es, wenn er im Tourbillon hinter Ihrer Trainerbank stehen wird?

Selbstverständlich, dieser Platz ist sein Zuhause …(lacht). Er darf auch in der Kabine das Wort an die Mannschaft richten, das stört mich nicht. Er macht die Regeln, ich akzeptiere sie. Wer davor Angst hat, muss nicht zum FC Sion gehen.

Sie sind der vierte Sion-Trainer in elf Monaten!

Das nehme ich zur Kenntnis. Aber ich bin nicht hierhergekommen, um Christian Constantin zu verändern. Ich weiss, was ich kann, und ich weiss, was es braucht, um Erfolg zu haben. Wenn die Resultate stimmen, sind alle glücklich.

Welche Ziele hat Ihnen «CC» verordnet?

Diese sind im Fussball immer gleich: jedes Spiel gewinnen. Im Wallis hat der Cup eine grosse Tradition. Als Trainer habe ich diese Trophäe noch nie gewonnen, obwohl ich mit Basel und Luzern schon dreimal im Final gestanden bin – und jeweils unglücklich verloren habe.

Wird Ihr Bruder Hakan Assistent?

Nein, das ist kein Thema. Wir werden noch eine Stelle im Trainerstaff neu besetzen. Es muss jemand sein, der fliessend Deutsch und Französisch spricht.

Hakan (41) und Murat Yakin (44): Das war jahrelang das schillerndste Brüderpaar im Schweizer Fussball. Der jüngere Hakan vorne als Spielmacher und Torschütze, in der Abwehr oder im defensiven Mittelfeld Murat als Chef und Organisator. 2006 beendete Murat seine Aktivkarriere und wurde Trainer. Ende 2016 kamen die beiden wieder im Trainerstab des FC Schaffhausen zusammen, im August 2017 wurden sie bei GC vorgestellt.

In den ersten Monaten lief es beim Rekordmeister sportlich wie am Schnürchen, doch in der Winterpause begann es zu grummeln. Hinter den Kulissen tobte bei GC ein hässlicher Machtkampf. Präsident Stephan Anliker hatte den Club nicht im Griff. Sportchef Mathias Walther destabilisierte Murat Yakin bei jeder Gelegenheit.

Dieser machte selbst jedoch auch Fehler, weil er Spieler wie Milan Vilotic öffentlich in den Senkel stellte oder ungeschickt kommunizierte. Anfang April 2018 war die Unruhe zu gross bei GC – Yakin musste gehen. Ausgerechnet bei jenem Club, bei dem er als Fussballer so gross geworden war.

Wie fühlten Sie sich im Frühling nach dieser grossen Enttäuschung bei GC?

Murat Yakin: Es war ja nicht das erste Mal, dass ich eine solche Situation erlebe, deshalb hielt sich der Frust in Grenzen. Solche Geschichten gehören zum Fussball. Für die Trennung gab es gute Gründe, die ich nicht im Detail ausbreiten möchte.

Welche Gründe meinen Sie?

Mein Engagement im August 2017 begann aus sportlicher Sicht sehr gut. In der Winterpause mussten wir das Kader jedoch verändern – weil mir gesagt wurde, dass GC sparen müsse. Die Neuzugänge waren Vorgriffe für die Sommerplanung 2018. Dass darunter keine Top-Spieler waren, wurde schnell allen klar, denn Qualität hat seinen Preis.

Später veröffentlichte der Blick die Saläre der Spieler …

In diesem Moment wusste ich, dass es schwierig wird, um es mal vorsichtig auszudrücken. Wenn es Leute gibt im Club, die lieber gegen als für einen arbeiten, muss man als Trainer konsequent sein. Das war ich.

Nochmals – wie sehr schmerzte Ihr Abgang?

Es hielt sich in Grenzen. In der Tabelle der Super League lagen ein paar Teams im Mittelfeld nahe zusammen, zusammen hätten wir etwas erreichen können. Aber wenn gewisse Mitarbeiter nervös werden, stört das die Zusammenarbeit. Am Schluss ging es ja nicht mehr um den Sport, das war sehr schade.

Spielten Sie mit dem Gedanken, ganz mit dem Trainerberuf Schluss zu machen?

Das war überhaupt kein Thema, nie! Im Fall des Erfolgs bin ich nicht zu euphorisch, und nach einer Niederlage lasse ich mich nicht nervös machen. Es empfiehlt sich im Fussballbusiness generell, ruhig zu bleiben. Ich liebe den Fussball viel zu sehr, um aufzuhören, glauben Sie mir.

Wie verfolgen Sie als ehemaliger Meistermacher des FC Basel aus der Distanz den Niedergang der Rotblauen?

Ein derart gravierender Umbruch an der Vereinsspitze muss ein Club zuerst mal verkraften. Entscheidend ist nicht immer nur das Geld, sondern die Klasse und die Kraft der Menschen, die im Verein arbeiten. Mit Geld kann man auch viel Blödsinn anstellen. YB hat sehr viel Qualität und spielt konstant auf einem hohen Niveau. Und wenn Sie mich fragen, was ich bei GC falsch gemacht habe, ergänze ich dazu: YB hatte in der letzten Winterpause keinen einzigen Transfer zu verzeichnen. Wir bei GC mussten aus finanziellen Gründen handeln.

Am Samstag feiert Murat Yakin seine Feuertaufe auf der Sittener Trainerbank – in Thun. Doch dort darf er ziemlich sicher nicht sitzen; wegen Schiedsrichterbeleidigung aus seiner GC-Zeit muss Yakin noch zwei Spielsperren absitzen. Davon geht er aus, die exakten Richtlinien der Liga kennt er aber nicht. «Die Tribüne in Thun soll auch sehr schön sein», sagt der 44-Jährige lachend. Mister Selbstvertrauen ist zurück in der Super League.

Es bleibt aufregend im Wallis.

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