Wer den Fifa-Chef kritisiert, fliegt raus

Ein internes Memo zeigt, wie sich der neue Präsident Gianni Infantino ungerechtfertigte finanzielle Vorteile verschafft haben soll. Kritiker wurden entlassen.

Wie unabhängig ist die Ethik-Kommission? Fifa-Präsident Gianni Infantino bei einer Veranstaltung in Moskau. (1. Juni 2016)

Wie unabhängig ist die Ethik-Kommission? Fifa-Präsident Gianni Infantino bei einer Veranstaltung in Moskau. (1. Juni 2016) Bild: Ivan Sekretarev/AP/Keystone

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Lesen Sie das vollständige Memo hier.

Seit Gianni Infantino neuer Fifa-Präsident ist, häufen sich die Abgänge in der Teppichetage der Verwaltung des Weltfussballverbands. Nicht nur wurde der langjährige Finanzchef Markus Kattner fristlos vor die Tür gestellt, im Zug einer «Restrukturierung» hat Fatma Samoura, die erst kürzlich eingesetzte neue Generalsekretärin, auch den Chef des internen Reisebüros und den Protokollführer des Generalsekretariats vor die Tür gestellt. Freiwillig gegangen ist der Beauftragte für Compliance.

Das Verbindende zwischen diesen Abgängen ist: Alle betroffenen Mitarbeiter hatten sich bei der Ethikkommission gemeldet, weil sie von Vorfällen wussten, bei denen Infantino angeblich gegen interne Regeln der Fifa verstossen hat. Gegenüber dem Reisechef hat dies Samoura ausdrücklich bemängelt und darauf bestanden, dass Unstimmigkeiten künftig intern geregelt werden sollen.

Damit stellen sich zwei Fragen: Erstens, was sind das für Vorwürfe? Zweitens, wie gelangt das Wissen, wer sie erhebt, zur Generalsekretärin und zum Präsidenten? Denn eigentlich sollten solche Meldungen von der Ethikkommission vertraulich behandelt werden, ansonsten ist sie nicht mehr sinnvoll.

Im Fall von Russland und Katar sind Geschenke sehr heikel

Nun, was im Memo eines Fifa-Mitarbeiters vom 23. Mai steht, ist dicke Post. In dem Schreiben an Sindi Mabaso-Koyana, Chefin der Audit- und Compliance-Kommission, heisst es, dass sich Infantino wiederholt über interne Regeln hinweggesetzt habe. Im Weiteren hätten die von ihm initiierten Statutenänderungen dazu geführt, dass der Präsident eben doch wieder exekutive Kompetenzen erhält, was man nach dem allmächtigen Sepp Blatter vermeiden wollte.

Im Memo* wird Infantino vorgeworfen, er habe sich von Russland, Katar und der europäischen Fussballorganisation (Uefa) Flüge mit dem Privatjet im Wert von bis zu 150'000 Dollar bezahlen lassen, was eine nicht erlaubte Annahme von Geschenken bedeutet. Und das, obwohl das Fifa-Reisebüro Erstklasstickets auf Linienflügen gekauft hatte.

Im Fall von Russland und Katar ist das insbesondere heikel, weil sie die nächsten Austragungsorte von Fussball-Weltmeisterschaften und Fragen offen sind, wer für was zu bezahlen hat. Ein Beispiel sind laut Insidern die Kosten für die Ausrichtung der Spiele in Russland. Sie müssten eigentlich von der Fifa bezahlt werden. Nun haben aber die US-Anwälte, die seit letztem Sommer bei der Fifa das Sagen haben, eine Regelung durchgesetzt, wonach die Russen gewisse Sonderkosten selber übernehmen müssen. Unter diese fällt das sogenannte Impfen von Wolken, ein umstrittenes Verfahren, das dazu führen soll, dass es an den Austragungsorten nicht regnet. Der russische Sportminister Witali Mutko soll inzwischen durchgesetzt haben, dass die Sonderkosten auch von der Fifa übernommen werden.

Zweites Auto wird vor allem von Familie und Beratern verwendet

Weiter geht es um das Auto des Präsidenten. Einerseits stellte ihm die Fifa einen Audi Q7 zur Verfügung. Kostenpunkt: 2170 Dollar im Monat. Andererseits wurden darüber hinaus ein Fahrer und ein zweites Auto bezahlt, das laut Memo allein im März Kosten von 19 602 Franken verursachte, im April 13 500 Franken. Im April wurde der Fahrer von der Fifa eingestellt, obwohl es bei der Organisation bereits eine ganze Anzahl von Fahrern gab. Laut dem Memo wurde das Auto hauptsächlich von Infantinos Familie und seinen Beratern verwendet.

Weitere Beispiele von Ausgaben sind Fussballschuhe, ein Frack, Matratzen für 11 440 Franken. Diese sogenannten Spesen sind auch schon in verschiedenen Medien aufgetaucht. Hierzu heisst es in Fifa-Kreisen, Infantino habe die Kosten letztlich privat übernommen. Im Umfeld des Fifa-Weltkongresses in Mexiko Anfang Mai wurde zudem ein Spiel mit Fussballgrössen vergangener Tage durchgeführt, dies habe angeblich Kosten von einer Million Franken verursacht. Einige dieser Ausgaben widersprechen laut Memo den Kantonalzürcher Steuervorschriften.

Doch damit nicht genug. Angeblich stellte Infantino auch persönliche Berater ein, ohne das Personalmanagement zu konsultieren. Die angeforderten Jobprofile wurden trotz Aufforderung nicht erstellt und die vorgeschlagenen Lohnbänder ignoriert, sprich überschritten. Laut Memo wurde Infantino bei seinen Reisen von Leuten begleitet, die nicht auf der Lohnliste der Fifa standen. Trotzdem musste sie die Kosten übernehmen. Auch seien diese Reisen teilweise nicht wie vorgeschrieben über das interne Reisebüro gebucht worden, sondern direkt, was hohe Kosten verursachte. Im Fall einer Reise nach Moskau sollen bestehende Verträge gebrochen worden sein.

Auszüge aus dem internen Memo: Gianni Infantino soll wiederholt gegen Regeln verstossen und der Fifa hohe Kosten verursacht haben. Lesen Sie das vollständige Memo hier.

Ein wichtiger Punkt ist auch der Anstellungsvertrag von Infantino. Bis heute hat er sich geweigert, diesen zu unterzeichnen. In Mexiko sagte er vor dem Fifa-Rat, der vorgeschlagene Lohn sei eine Beleidigung, weil nicht einmal halb so hoch wie der seines Vorgängers Blatter. Dieser hatte 3,6 Millionen Franken verdient. Diese Aussage stimmte nicht, denn der vorgeschlagene Lohn belief sich auf total 1'926'280 Franken, davon 1'648'000 Franken Basissalär, 131'840 Franken Sozialversicherungsbeiträge, 118 440 Franken Pensionskassenbeiträge, 4000 Franken Krankenversicherung und 24'000 Franken Spesen. Das ist deutlich mehr als die Hälfte von Blatters Lohn. Unter anderem aufgrund dieser Aussage wurde Domenico Scala, der frühere Chefkontrolleur und Mitglied des Kompensationskomitees, zum Verlassen der Fifa aufgefordert. Inzwischen ist mit Jean-Pierre Pedrazzini ein zweites Mitglied dieses Komitees zurückgetreten.

Ein heikler Punkt ist zudem, dass offenbar Informationen, die der Ethikkommission zugestellt wurden, direkt bei Infantino landeten. Auch das ist im Memo erwähnt. Dazu zählt unter anderem, dass der Leiter des internen Reisebüros der Kommission gemeldet hat, dass Infantino mit einem Privatjet samt Familie zum Papst flog. Heute sagt die Fifa dazu, dies sei ein privater Flug gewesen, den Infantino selber bezahlte.

Das Memo wurde erst an die interimistische Nachfolgerin von Scala gesandt, was dem Dienstweg entsprach, worauf nichts geschah. Dann ging es direkt an die Ethikkommission. Bei dieser ist nicht in Erfahrung zu bringen, was mit den Informationen geschah. Angeblich ist eine Voruntersuchung im Gang, die von Djimrabaye Bourngar aus dem Tschad geleitet wird. Kommt es zu einer offiziellen Untersuchung, wird Infantino wahrscheinlich suspendiert. Auf Anfrage wollte ein Sprecher der Kommission nichts dazu sagen.

Bei der Fifa sagt man zu den Vorwürfen: «Wie bei jeder Organisation, die eine umfassende Umstrukturierung benötigt, werden von der neuen Führung im Rahmen des vom Kongress verabschiedeten Reformprogramms neue Positionen geschaffen und einige bestehende Positionen gestrichen, da sie nicht mehr mit dem gesamten Umstrukturierungsprozess der Organisation im Einklang stehen.»

Zur Kritik, Infantino habe übermässige Spesen verrechnet, sagt Fifa-Sprecherin Delia Fischer, dass Infantino «immer angemessen und unter Berücksichtigung der Fifa-Regularien und Bestimmungen gehandelt hat, wobei persönliche Spesen selbstverständlich vom Präsidenten bezahlt werden».

Die Fifa bezeichnet die Vorwürfe im Memo als «Fehlinformationen und Ablenkungen von Personen, die sich gegen die positiven Veränderungen innerhalb der Fifa stellen». Dies bestärke die neue Führung darin, mit voller Kraft weiterzuarbeiten, um den Ruf der Fifa wiederherzustellen und sie auf den richtigen Weg zu führen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.07.2016, 07:31 Uhr

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