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Von der Challenge League in die Serie A

Remo Freuler hat bewegte drei Jahre hinter sich und sagt, Zweifel darf man in Italien keine haben.

In der Nationalmannschaft spielen sie möglicherweise bald miteinander: Remo Freuler (rechts) und Stephan Lichsteiner.
In der Nationalmannschaft spielen sie möglicherweise bald miteinander: Remo Freuler (rechts) und Stephan Lichsteiner.
Keystone

Rauf und runter lief die Szene an diesem 3. Dezember. Immer wieder wurde die ­Direktabnahme von Remo Freuler gezeigt, wie er die Flanke aus der Luft verwertete. Es war das 1:3, an der Niederlage von Atalanta Bergamo bei Juventus Turin änderte der Exploit nichts. Freuler wird sich das Video aber immer wieder gerne anschauen. Man trifft nicht jeden Tag gegen Goalie-Ikone Gianluigi Buffon. «Noch schöner wäre es gewesen, wenn wir gepunktet hätten», schränkt er ein.

Tore zu schiessen, ist im Pflichtenheft des 24-jährigen Mittelfeldspielers nicht prioritär. Es war sein erstes Tor in der Serie A und seit 364 Tagen. Am 5. Dezember 2015 hatte er für ­Luzern im letzten Spiel der Vorrunde gegen YB getroffen. Dann ging es schnell. Seine ungewöhnlich konstanten Leistungen – in der Vorrunde hatte er in allen 22 Meisterschafts- und Cuppartien durchgespielt – riefen Interessenten auf den Plan. Atalanta Bergamo erhielt im Januar den Zuschlag, der lombardische Verein mit bekannten Ausbildungsqualitäten. Roberto Donadoni, Claudio Caniggia oder Gaetano Scirea machten hier einst entscheidende ­Stufen auf der Karriereleiter.

Mehr Einsätze als Lichtsteiner und Widmer

Auf positivem Weg ist auch Remo Freuler nach harzigem Start mit sechs Serie-A-Einsätzen im ersten Halbjahr. Nun stand er in der Vorrunde in 14 von 18 Partien auf dem Rasen, seine generöse Art und der nie erlahmende Kampfgeist werden geschätzt. Mehr Spiele bestritten hat von den Schweizern in Italien nur Blerim Dzemaili (Bologna/16), Freuler spielte häufiger als Stephan Lichtsteiner (Juventus/11) und Silvan Widmer (Udinese/12), gar viel häufiger als Michel Morganella (Palermo/4) und Daniel Pavlovic (Sampdoria/3), die das Sextett komplettieren. «Ich kann relativ zufrieden sein, es liegt aber noch mehr drin», sagt Freuler kurz vor dem heutigen Start in die ­Rückrunde bei Chievo.

Zu Saisonbeginn hätte er eine solche Bilanz nicht erwartet. Unter dem neuen Trainer Gian Piero Gasperini absolvierte Freuler zwar eine gelungene Vorbereitung und war topfit. Das Startspiel gegen ­Lazio (3:4) sah er aber auf der ­Tribüne. «Das war am Anfang unverständlich», blickt er zurück. Sich deswegen gehen zu lassen, war für ihn aber keine Option. «Ich habe einfach weiter hart trainiert.» Er sagts mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der sich mit Rückschlägen auskennt. Fussballerisch gross geworden in Winterthur, debütierte der Hinwiler mit Glarner Wurzeln mit 18 für GC und erzielte bereits im zweiten Super-League-Spiel sein erstes Tor, beim 1:2 gegen den FCZ. Eineinhalb Jahre später wurde er aber zum FCW zurückgeschickt. Im ­Februar 2014 dann der Wechsel in die Zentralschweiz zu Luzern. 35 Monate später kickt er gegen die Elite des Kontinents. Und schwärmt von der Liga, die in der Schweiz so kritisch beäugt wird: «Ich bin sehr froh, dass ich den Schritt gemacht habe. Das Niveau ist um einiges höher und auch das ganze Drumherum auf einem anderen Level.» Gerade im taktischen Bereich sei der italienische Fussball führend und das Klischee, wonach immer noch sehr defensiv gespielt werde, verweist er in die Märchenkategorie: «Die besten Mannschaften spielen alle offensiv.»

Tabellenrang 6 direkt hinter den italienischen Eliteclubs

Auch Atalanta setzt seit dem Trainerwechsel im Sommer – weg von Betonmischer Edy Reja hin zu Gian Piero Gasperini – auf Vorwärtsbewegung. Die Clubleitung hielt trotz vier Niederlagen aus den ersten fünf Partien an ihm fest, und der 58-Jährige, einst von José Mourinho während dessen Zeit bei Inter als «taktisch grösster Widersacher» geadelt, blieb seiner Grundhaltung treu.

Die junge Equipe dankte es ihm mit erfrischendem Fussball und aktuell Platz 6, direkt hinter den Schwergewichten Juve, Roma, Napoli, Lazio und Milan. Besonders im Stadion Atleti Azzurri d’Italia ist Atalanta eine Macht, und es sind vor allem Heimspiele, die in Freulers Erinnerung haften geblieben sind: «Der Sieg gegen Napoli war ein Höhepunkt oder wie wir das Spiel gegen die AS Roma nach Pausenrückstand noch drehten.»

Higuain statt Hediger, Mandzukic statt Munsy, Nainggolan statt Neumayr: Eigentlich müsste sich Freuler immer wieder kneifen und fragen, ob er, der «piccolo svizzero», hier am richtigen Ort sei. Weit gefehlt: «Wer Zweifel hat oder gar Angst, ist hier am falschen Platz. Dann könnte ich gleich die Koffer packen.»

Man merkt, er ist angekommen. Auch, weil er einiges dafür investiert, in der Landessprache mehr als nur Pasta, Pizza und Vino ­sagen zu können. «Das war der Schlüssel, am Anfang habe ich so gut wie nichts verstanden. Jetzt geht es schon gut, aber ich will weitere Fortschritte machen.» Mindestens zweimal pro Woche drückt er die Schulbank.

Italienisch reden könnte Freuler auch mit Vladimir Petkovic. Für die WM-Qualifikationspartie gegen die Färöer wurde er erstmals nachnominiert. Für ihn ein Schritt in die richtige Richtung, mehr aber noch nicht: «Jetzt bin ich auf dem Radar. Nun liegt es allein an mir, dies zu bestätigen.» Es ist eine Ausgangslage, die ihm keine Angst macht.

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